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14. Januar 2013

Der Spion, der dich liebt

Ein Zürcher Elternpaar spionierte dem 16-jährigen Sohn im Ausgang nach und geriet prompt in die Schlagzeilen. Psychologin Sonya Glanzmann erklärt, warum übertriebene Kontrolle kontraproduktiv ist.

Diskutieren Sie mit: Wie viel Kontrolle ist sinnvoll?Das Handy der minderjährigen Kinder kontrollieren oder ihnen gar in den Ausgang nachsteigen? Wo sehen Sie die Grenzen? Verraten Sie uns Ihre Meinung mit einem Kommentar nach dem Artikel.

Sonya Glanzmann (43) ist Psychologin und Psychotherapeutin in der Klinik für Kinder und Jugendliche des Stadtspitals Triemli in Zürich. (Bild: zVg.)
Sonya Glanzmann (43) ist Psychologin und Psychotherapeutin in der Klinik für Kinder und Jugendliche des Stadtspitals Triemli in Zürich. (Bild: zVg.)

Sonya Glanzmann (43) ist Psychologin und Psychotherapeutin in der Klinik für Kinder und Jugendliche des Stadtspitals Triemli in Zürich.

1. Sonya Glanzmann, Eltern, die ihren Kindern nachspionieren, wenn sie ausgehen – Ist das völlig daneben oder gibt es Situationen, die solches Tun rechtfertigen?

Das sollte sicher die grosse Ausnahme sein und ist nur in speziellen Fällen angemessen, zum Beispiel bei Suizidgefahr oder Suchterkrankungen. Grundsätzlich sollte elterliche Kontrolle möglichst transparent sein. Das heisst, wenn Eltern Zweifel an den Aussagen oder am Umgang ihrer Kinder haben, können sie durchaus ankündigen, dass sie sich selbst ein Bild von der Situation im Ausgang machen oder andere Massnahmen ergreifen werden.

2. Woher kommt der oft übermässige Wunsch nach Kontrolle der Kinder?

Zum einen sind viele Eltern verunsichert, weil ihnen die Welt, in der ihre Kinder aufwachsen, fremd ist. Chatrooms, Facebook und Co. gab es zu ihrer Zeit nicht, es fehlen daher entsprechende Erfahrungen, auf die sie zurückgreifen könnten. Diese Verunsicherung kann zum Wunsch nach vermehrter Kontrolle führen. Zum anderen haben wir weniger Kinder und stecken sehr viel Zuneigung, Zeit und Geld in den Nachwuchs. Das verstärkt das Bedürfnis, ihn möglichst umfassend zu beschützen.

3. Wie viel Kontrolle beim Nachwuchs ist noch gut, und wann wird es krankhaft?

Kinder brauchen Kontrolle – ebenso brauchen sie aber auch Freiräume und Vertrauen. Sobald die Bedürfnisse und Ängste der Eltern mehr Gewicht bekommen als die gesunde Entwicklung des Kindes, wozu die erwähnten Freiräume zwingend notwendig sind, läuft etwas falsch.

4. Elternsein hat auch viel mit Loslassen zu tun. Wie verläuft denn eine natürliche Ablösung?

Das Loslassen beginnt schon bei der Geburt. Schritt für Schritt öffnet sich das Kind der Welt und will sie erkunden. Das geht nur im Wechsel von Schutz und Loslassen. Letztlich sollen Kinder sich zu eigenständigen Individuen entwickeln, die ihren Platz in der Gesellschaft finden.

5. Wie können Eltern besser mit der oft schmerzhaften Ablösung umgehen?

Wenn Eltern begreifen, warum ihr Kind sich schrittweise ablösen muss, können sie oft besser damit umgehen. Auch der Austausch mit dem Partner, der Familie und Freunden kann hilfreich sein – und ebenso das Gespräch mit der Kindergärtnerin oder den Lehrpersonen. Zum Teil sind Kinder nämlich auswärts viel selbstständiger und kompetenter als daheim. Wenn die Ablösung zu einem Problem wird, stecken dahinter möglicherweise auch Schwierigkeiten der Eltern, denen diese sich stellen sollten. In diesem Fall kann eine therapeutische Unterstützung der Eltern hilfreich sein.

Der Anstoss zum Interview

Im Dezember 2012 berichtete «20min.ch» über ein Elternpaar, das seinem Sprössling zwecks Kontrolle ins Zürcher Nachtleben folgte. Zum Artikel

Autor: Andrea Fischer Schulthess