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11. Juli 2016

Für Säuglinge fehlen die Impfstoffe

Keuchhusten-Impfstoffe für Säuglinge werden in der Schweiz zur Mangelware. Kinderärzte fordern nun vom Bundesrat, die Impfstoff-Versorgung sicherzustellen. Ein Experte für Impffragen nimmt Stellung.

Keuchhustenimpfung schützt Säuglinge
Eine Keuchhustenimpfung schützt Säuglinge vor den lebensbedrohlichen Hustenanfällen. (Bild: Alamy Stock Photo)

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfiehlt für Babys ab zwei Monaten eine Keuchhustenimpfung, um die Kleinen vor der schweren Infektionskrankheit zu schützen. Jetzt geht aber der Vorrat an diesem kombinierten Impfstoff bei den Ärzten zur Neige.
Der Zürcher Kinderarzt Roland Kägi (54) erlebte vor zehn Jahren den tragischen Ausgang einer Keuchhusten-Infektion. Eine Mutter meldete sich mit ihrem hustenden, noch ungeimpften Baby an. Noch auf dem Weg in die Arztpraxis erstickte der Säugling.

«Ungeimpfte oder zu spät geimpfte Kinder können jederzeit erkranken. Dieses Risiko wollen wir nicht tragen», so der Kinderarzt. Er bezeichnet die aktuelle Impfstoffknappheit «lästig, weil sie hohen Mehraufwand verursacht». Kinderarzt Kägi räumt ein, dass er rund 150 Dosen dieser Impfstoffe in Kühlschränken in seiner Praxis bunkert. Er erinnert sich an den Herbst 2015, als es hiess, neue Impfstoffe würden in sechs Wochen eintreffen. Daraus seien sechs Monate geworden.

Für Kägi ist klar, wie der Versorgungsengpass gelöst werden kann: auf Impfstoffe anderer Produzenten umstellen. Darüber entscheidet die Arzneimittelzulassungsbehörde Swissmedic in Bern. Die Ärzte sind laut Christoph Berger (Interview unten) bei Bundesrat Alain Berset vorstellig geworden.
Keuchhustenimpfungen gibt es nur noch als Mehrfachimpfstoff (Diphtherie, Starrkrampf, Kinderlähmung und in manchen Kombinationen auch Hepatitis B). So müssen Babys weniger oft ­gepiekst werden. 

EXPERTENINTERVIEW

Christoph Berger (54) ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen
Christoph Berger (54) ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Er arbeitet als Co-Leiter Infektiologie und Leiter Vakzinologie am Kinderspital Zürich. (Bild zVg)

«In der Schweiz sollten Impfstoffe verschiedener Hersteller zugelassen sein»

Christoph Berger (54) ist Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen. Er arbeitet als Co-Leiter Infektiologie und Leiter Vakzinologie am Kinderspital Zürich.

Christoph Berger, in der Schweiz sind Keuchhusten-Impfstoffe für Säuglinge ausgegangen. Wieso?

Weltweit stellen wir eine vermehrte Nachfrage nach Keuchhusten-Impfstoffen fest – nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Gleichzeitig gibt es immer weniger Impfstoffhersteller, mehr Vorschriften und Qualitätsanforderungen.

Weshalb gibt es weniger Hersteller, wenn die Nachfrage steigt?

Eine Impfstoffherstellung ist relativ anspruchsvoll. In der Schweiz stammen 80 bis 90 Prozent aller Impfstoffe von der Firma GlaxoSmithKline (GSK). Diese baut in Belgien eine neue Fabrik, die aber frühestens 2017 in Betrieb geht. Bis dahin müssen wir mit Engpässen rechnen.

Weil mit den Impfstoffen nicht das grosse Geld zu machen ist?

Ja. Der Preisdruck ist gross, die Herstellungskosten sind aufwendig und die Kontrollen streng. Unter dem Strich bleibt nicht mehr viel Geld.

Dann ist das Fehlen von Impfstoffen kein logistisches Problem?

Doch, weil wir schweizweit keine Reserven haben.

Wie gefährlich ist es, wenn die Impfstoffe fehlen?

Wenn wir mehrere Wochen keine Keuchhusten-Impfstoffe haben, ist das für die Säuglinge im ersten halben Jahr gefährlich. Wir empfehlen, im Alter von zwei, vier und sechs Monaten zu impfen. Wird ein Säugling zweimal geimpft, ist er geschützt. Ist das nicht der Fall, kann es zu Todesfällen durch Keuchhusten kommen, wie wir das vor einem halben Jahr in der Romandie erleben mussten.

Was raten Sie, wenn keine Impfstoffe für Säuglinge verfügbar sind?

Dass sich Frauen in der Mitte ihrer Schwangerschaft impfen. Diese Impfstoffe sind im Gegensatz zu den Säuglingsimpfstoffen leichter erhältlich. Und so hat die Mutter Zeit, die Antikörper auf das Ungeborene zu übertragen, das dann als Säugling für ein paar Monate geschützt ist.

Wann sind die Engpässe gelöst?

Momentan hat es wieder Impfstoffe für die nächsten zwei Monate. Wie es für den Rest des Jahres aussieht, wissen wir aber nicht. Die Versorgungslage ist knapp – gerade bei den Impfstoffen für Säuglinge, die in Vier- bis Sechsfach-Kombinationen mit zusätzlichem Schutz gegen Diphtherie, Starrkrampf und Kinderlähmung angeboten werden, damit das Baby nicht so oft gepiekst werden muss.

Es hat Impfstoffe für die nächsten zwei Monate.

Fehlen noch andere Impfstoffe?

Zwischendurch jener gegen Tollwut, dann wieder gegen Kinderlähmung. Aber das Hauptproblem ist der Engpass gegen den Keuchhusten. Das darf so nicht weitergehen und ist nervig für Familien, die impfen wollen, und Hausärzte, die den Stoff nicht erhalten. Letztlich sind so alle erbost.

Was ist zu tun?

Die Arzneimittelzulassungsbehörde Swissmedic muss sich überlegen, ob man den Import und die Vorschriften nicht vereinfachen könnte. Dann hätten wir weniger Engpässe. In Frankreich beispielsweise gäbe es den Impfstoff von Sanofi Pasteur, der ist aber von Swissmedic nicht zugelassen. Jetzt muss jeder einzelne Arzt bei Swissmedic ein Gesuch stellen für eine vorübergehende Zulassung von Sanofi Pasteur. Das verursacht einen riesigen administrativen Aufwand.

Weshalb werden Sie nicht politisch aktiv?

Sind wir bereits. Die Solothurner SP-Nationalrätin Bea Heim startete eine Interpellation. Mit den Haus- und Kinderärzten haben wir einen Brief an Gesundheitsminister Alain Berset geschrieben, worin wir Lösungen für eine bessere Impfstoffversorgung fordern. Wir ­wären froh, wenn in Zukunft in der Schweiz ähnliche Impfstoffe verschiedener Hersteller zugelassen würden und nicht nur ­einer. 

Autor: Reto E. Wild