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15. Oktober 2012

Der Schwarm zahlt

Bankkredite waren gestern. Heute macht man seinen Traum mit Schwarmfinanzierung wahr. Die neue Art der Mittelbeschaffung bringt Kreative und Gönner zusammen. Das kann über Erwarten ergiebig sein – wenn man sich für seine Idee so richtig ins Zeug legt.

Woher bekommt man Geld für einen Skatepark? Oliver Bürgin 
hat das Projekt «Port Land» auf 
Wemakeit.ch gepostet 
– und Menschen in 
aller Welt begeistert. 
Sie spendeten fleissig.

«Wer spendet, kriegt etwas zurück»: Wie Schauspielerin Yangzom Brauen von Crowdfunding profitierte.

Wo wird gesammelt? Wofür eignet sich welche Crowdfunding-Plattform? Ein Überblick.

Grau und glatt wie ein nasser Wal glänzt der kleine Betonhügel in der Abenddämmerung. Oli Bürgin (39) streicht zärtlich darüber und sagt: «Stundenlang bearbeiten wir solche Stellen, bis sie so ebenmässig sind.» Aus einem Lautsprecher dröhnt James Browns Lied «I feel good». Das passt. Oliver Bürgin, Präsident des Vereins «Betonfreunde beider Basel» ist glücklich. Er befindet sich auf der Baustelle des Skateparks Port Land am Basler Rheinufer. Rund um ihn herum sind Bumps, Wobbles, Bowls und Corners am Entstehen — die Hügel, Blasen, Becken und Kurven, die Bürgin und seine Vereinskollegen seit Monaten bauen und in wenigen Wochen mit dem Skateboard befahren wollen.

Gut 40'000 Franken wird die 400- Quadratmeter-Anlage kosten. Ein Fünftel davon hat Bürgins Verein gespendet bekommen. Denn er hat das Projekt «Port Land» vor vier Monaten ins Internet gestellt und auf Wemakeit.ch um Geld gebeten. We make it (wir machen es) steht für das Prinzip Schwarmfinanzierung, auf Englisch Crowdfunding. Die Idee – wen wunderts – stammt aus den USA, und bringt Menschen mit Projekten und solche mit Geld zusammen (siehe Box rechts).

In der Schweiz ist Crowdfunding seit Februar möglich. Seitdem kann jeder auf der Plattform Wemakeit.ch Projekte aufschalten und um Geld werben. 201 waren es bisher, 90 davon konnten realisiert werden, mit Spenden von insgesamt rund 800'000 Franken. Das ist mehr als Rea Eggli (39), Mitgründerin von Wemakeit.ch erwartet hatte. «Crowdfunding ist eine neue Art der Kulturfinanzierung», erklärt sie den Erfolg. Es sei eine attraktive Art, Gleichgesinnte zu unterstützen. Und man bekommt etwas fürs Geld: Je nach Projekt die Privataufführung eines Künstlers, der es geschafft hat, ein handsigniertes Buch, ein Gadget, eine Einladung zur Eröffnungsparty. Angesichts dieser Dankeschöns — auch Goodies genannt — spricht Eggli nicht von Spendern, sondern von Unterstützern. Wie auch immer man es nennen möchte, die Schweizer sind grosszügig. Auch auf 100-days.net wird eifrig Geld verteilt. Auf dieser Schwarmfinanzierungsplattform sind in den letzten acht Monaten knapp 300'000 Franken versprochen und 45 Projekte mitfinanziert worden.

Rekord: 50'000 Franken für Jugendliche ohne Lehrstelle

«Auf so etwas wie Crowdfunding haben die Leute nur gewartet», sagt Romano Strebel (39), Mitgründer von 100-days.net. Es ist die Schwarmfinanzierungsplattform der bereits etablierten Online-Community Ron Orp. Strebel und sein Team starteten im Februar und knackten schon im August die 50'000-Franken-Grenze — für ein einziges Projekt: Es nennt sich «Betreutes Wohnen Rafz» und bietet Jugendlichen, die Mühe bei der Lehrstellensuche haben, ein Heim und Hilfe.

Genial in seiner Einfachheit: Der Batterie-Adapter von Dario Alber.
Genial in seiner Einfachheit: Der Batterie-Adapter von Dario Alber.

Für weitere rund 90 Ideen werden auf 100-days.net zurzeit Geldgeber gesucht. Eine davon ist der Batterieadapter in der Kategorie Handwerk von Dario Alber (24) aus Effretikon ZH. Sein Wunsch nimmt sich im Vergleich zum Rafzer Wohnheim geradezu bescheiden aus: 5000 Franken braucht Alber, um mit seiner Erfindung, dem Batterieadapter, in Serie zu gehen. Der Maschinenbaustudent erklärt: «Der Adapter ermöglicht, dass man kleinere 1,5-Volt-AAA-Batterien zu voluminöseren AA-Batterien vergrössern kann, die dann zum Beispiel in einen Wecker passen.» Gut drei Wochen vor Ende der Sammelfrist wurden ihm für den Batterieadapter erst etwas mehr als 100 Franken versprochen. «Wenn ich den Betrag nicht zusammenkriege, ist das kein Problem», sagt Alber, der die Entwicklung für sein Studium durchziehen muss. Er räumt ein, dass er sich bisher wenig um seinen Spendenaufruf gekümmert hat. Genau das aber empfehlen Betreiber und Nutzer der Plattformen wärmstens. «Es ist sinnlos, etwas online zu stellen und nicht darüber zu reden», sagt Rea Eggli, «man muss die Mundpropaganda ankurbeln.»

Kuchen ohne Konservierungsmittel muss in Kühltruhe

Und die potenziellen Spender auf dem Laufenden halten, wie es Nikola Wittmer (38) und Moksha Drexel (57) tun. Sie gehen täglich online, um die Fortschritte ihres Projekts «Let them eat cake!» zu verfolgen und ihrerseits News zu platzieren. Das Paar lebt mit der vierjährigen Tochter Kiara in einem alten Bauernhaus ausserhalb des 1000-Seelen-Dorfs Ursenbach BE. Ausgerechnet in dieser ländlichen Idylle produziert ihr Unternehmen Sunna Klara «den absolut besten New York Style Cheesecake der Schweiz». Gebacken wird der Kuchen mit viel Liebe, wenig Zucker und null Gluten. «Weil unsere Kuchen keine Konservierungsstoffe enthalten, müssen sie gekühlt oder gefroren aufbewahrt werden. Um neben den bestehenden 16 Cafés neue Wiederverkäufer gewinnen zu können, benötigen wir kleine Gefriertruhen, die wir dann interessierten Läden für die Präsentation unserer Cakes anbieten. Und hier», fügt Drexel an und zeigt in die kleine Backstube, «möchten wir einen grösseren Ofen reinstellen.» 9500 Franken braucht Sunna Klara für die Umsetzung seiner Pläne, und möglich machen soll es 100-days.net. Ein Bankkredit war kein Thema — Businesspläne schreiben ist nicht ihr Ding. Schwarmfinanzierung hingegen sei herrlich unkompliziert.

Family Business: Nikola Wittmer (links) vermarktet die Kuchen, die ihr Mann Moksha Drexel backt. Tochter Kiara isst sie lieber.
Family Business: Nikola Wittmer (links) vermarktet die Kuchen, die ihr Mann Moksha Drexel backt. Tochter Kiara isst sie lieber.

«Innerhalb weniger Stunden war das Projekt lanciert», sagt Drexel. Ein Filmli mit Kind und Kuchen, der Beschrieb ihres Unternehmens und ihrer Pläne, eine Prüfung durch die Betreiber, und schon begann die 100-Tage-Sammelfrist. Die Onlineplattform gibt dem Ehepaar das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören. Die Familie lebte bis vor Kurzem in Amerika, da ist viel Networking angesagt. Während also Moksha Drexel an den Rezepten tüftelt und Kuchen backt, kümmert sich seine Frau um die Kundenakquisition und ums Marketing. Gerade konnte sie auf ihrer 100-days-Seite verkünden, dass Anfang November in Zürich eine Degustation ihrer Cheesecakes stattfindet.

Etwas mehr als 1000 Franken sind bisher in Sachen Cheesecake geboostet, und die Berner Kuchenbäcker sind zuversichtlich, dass der Rest auch noch reinkommt. «Dann laden wir alle Spender zur ersten Schweizer New-York-Cheesecake-Party ein», verspricht Moksha Drexel. Sollte allerdings der ganze gewünschte Betrag nicht restlos reinkommen, kommt der Deal nicht zustande. Die potenziellen Gönner zahlen den versprochenen Betrag nicht ein, der Initiator bekommt keinen Rappen.

Diese Tatsache hat den Betonfreunden vom Rheinufer keine Sekunde lang Sorgen gemacht. Schon nach 30 Stunden waren die gesuchten 4000 Franken für «Port Land» beisammen. Am Ende der Sammelfrist warens 10'370 Franken.

Aber nicht nur coole, junge Ideen wie der Skatepark haben Erfolg — von der Verfilmung der Geschichte eines Autos über die Weltreise eines Baumstamms bis zum Mittelaltermarkt finden lustige und schräge bis unglaubliche Ansinnen ihre Geldgeber. Zum Teil weisen die Betreiber Start-up-Unternehmen, unmoralische Projekte, Charity- und sogenannte Egoprojekte ab. Anderseits haben gestandene Kulturschaffende eine gute Chance auf Kollektivspenden. Der Trashkinofilm «Iron Sky» soll zum Teil per Schwarmfinanzierung berappt worden sein.

Auch etablierte Kulturschaffende nutzen Crowdfunding

Rapper Gimma sammelte auf Wemakeit.ch 10'882 Franken für sein letztes Album «Lost Songs». Der Regisseur Samir suchte auf der gleichen Plattform Geld für einen Film — allerdings erfolglos. Dass ein so bekannter Filmemacher sein Glück per Schwarmfinanzierung suchen darf, findet Rea Eggli selbstverständlich. «Kulturschaffende haben oft schmale Budgets», sagt sie. Typisch sei dabei, dass sich Gleichgesinnte gegenseitig unterstützen. So spendete zum Beispiel die Buchautorin Ruth Schweikert grosszügig für den Film «Tempo Girl» des Regisseurs Dominik Locher.

Für «Port Land» scheinen sich sogar alle Gleichgesinnten der Welt zu vereinigen. Skater aus allen Regionen der Schweiz sandten Geld und fuhren nach Basel, um beim Bau der Parks mitzuhelfen. Damit nicht genug. «Sogar aus Australien kam Geld», sagt Oliver Bürgin lachend. «I feel good», röhrt es dazu aus den Lautsprechern.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Christian Schnur