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24. September 2012

Der Querkopf von Unteriberg

Bauer Albin Fässler aus Unteriberg ist ein eigenwilliger Zeitgenosse. So eigenwillig, dass sein Neffe einen Film über ihn gedreht hat. Mittlerweile ist der Zentralschweizer landesweit bekannt.

Albin Fässler
«Onkel Albin» 
hält nicht viel von
 Konventionen. Weil es einfacher ging, brachte er den Mist im steilen Gelände auch schon mal mit 
zwei Stangen 
Dynamit aus.

Der Link zum Trailer von Simon Guy Fässler Dokumentarfilms Onkel Albin auf Youtube

Der Dorfklatsch steht nie still und man ist stets auf dem Laufenden: über den Unfall, bei dem zwei Velofahrer zusammenstiessen, oder darüber, dass das Lisi letzthin wutentbrannt aus dem Postauto gestiegen und den Rest des Weges zu Fuss gegangen sei. Immer wieder mal Thema zwischen Einsiedeln und Schwyz ist auch ein gewisser Albin Fässler (56) aus Unteriberg SZ, besser bekannt unter seinem Spitznamen «Guggeli».

Albin Fässler
Albin Fässler mit Dynamitstange (Bilder: Guyomme Pictures)

Besagter Guggeli sitzt in seiner ordentlich aufgeräumten Küche am dunkelbraunen Tisch mit der Eckbank und streicht sich grinsend übers Gesicht. «Ja, da gab es schon das eine oder andere. Ich ging meinen Weg und war halt immer ein bisschen, wie soll ich sagen, fortschrittlicher als die anderen.» Mit anderen Worten, er rüttelte mit seiner Experimentierfreude an der Dorfordnung. So hielt er statt den traditionell braunen Kühen schwarz-weisse – und führte sie zum Entsetzen der anderen Bauern auch noch auf die Sommeralp, trotz amtlichem Verbot. Blitz, Donner und der Weltuntergang blieben aus. Diese verschonten das idyllische Schwyzer Tal auch, als Albin seinen Hof auf Bio umstellte und die Mutterkuhhaltung einführte. Als Erster in der Gegend. Er war auch der Erste und bisher Einzige, der den Mist mit Hilfe von zwei Stangen Dynamit ausbrachte. Das sparte Zeit und lieferte Gesprächsstoff für Wochen. Seine «Unart», das Nachrechen der Heuwiesen mithilfe eines Rechens, der am Motorrad angeschraubt war, zu optimieren, löste da bloss noch Kopfschütteln aus.

«Mit dem Dynamit war es in zehn Minuten erledigt.»

Solche und ähnliche Schelmereien veranlassten Albins Neffen Simon Guy Fässler (34), einen Film über seinen knorrigen Verwandten zu drehen. «Onkel Albin» ist ein Dokumentarfilm mit ein paar fiktiven Spielereien, und alles in allem ein äusserst unterhaltsames Porträt über einen nicht alltäglichen Menschen. Im Januar hatte der Film in Zürich Kinopremiere, wurde anschliessend an den Solothurner Filmtagen gezeigt und lief sogar im Schweizer Fernsehen. Im Kino in Einsiedeln blieb er ganze zwei Monate lang im Programm.

Eine elektrische Melkmaschine für die einzige Kuh im Stall

Der Schweizer Heimatdichter Meinrad Lienert beschrieb die Einwohner von Unteriberg als ein «witziges, gewecktes Völklein». Dem macht Albin Fässler alle Ehre. Er wuchs zusammen mit vier Schwestern und zwei Brüdern in der jüngsten Schwyzer Gemeinde im Ortsteil Waag auf. Der Vater starb, als Albin knapp sieben Jahre alt war. Von ihm erbte er den Spitznamen «Guggeli», von dem heute niemand weiss, was er bedeutet oder wo sein Ursprung liegt. Der junge Albin Fässler machte eine Lehre als Strassenbauer und legte unter anderem auch die Prüfung als Sprengmeister ab. Darum war die Sache mit dem Mist für ihn gar kein Problem: «Das Gelände ist steil», erklärt Fässler, «den Mist in Handarbeit auszubringen ist mühsam und dauert mehrere Tage. Mit dem Dynamit ist es in zehn Minuten erledigt.» Einfach ein fauler Siech sei er, schimpften darum die anderen Bauern gelegentlich. Auch, weil Fässler eine elektrische Melkmaschine anschaffte – als erster Bauer im Dorf. Und obwohl er damals nur eine einzige Kuh im Stall stehen hatte. «Ich melke nicht gern von Hand», lautet Onkel Albins lapidare Erklärung.

Albin Fässler
Albin Fässler, der seit zwei Jahren im Gemeinderat von Unteriberg sitzt, lebt in einem Weiler ausserhalb des Dorfes. (Bilder: Guyomme Pictures)

Seine Schwester Cecilia (65) verteidigt ihn: «Es stimmt, er blieb früher gerne mal in der Wirtschaft sitzen, aber seine Kühe waren immer gefüttert und gemolken.» Man habe ihn wegen seiner verrückten Ideen als «Spinnchaiben» abgetan, und der Albin habe sich halt völlig in seiner Traumwelt vergessen können. «Aber ich habe ihn immer bewundert, weil er zu sich selber steht. Er ist ehrlich, sagt alles geradeheraus und arbeitete immer.» Neben der Arbeit auf dem Bauernhof schuftete Fässler zusätzlich als Polier auf dem Bau und verschalte im Akkord Hochbauten; unter anderem in der Zürcher Brunau, wo er bei einem Arbeitsunfall seinen halben linken Zeigefinger verlor.

Der Dünger explodiert
Wenn der Dünger explodiert. (Bilder: Guyomme Pictures)

Mit 25 Jahren konnte er von seinem Onkel Land kaufen: die Sity, wo bereits der Stall der Fässlers stand, sowie die Familienkapelle, welche laut Inschrift der Mutter Gottes sowie den beiden Heiligen Wendelin und Antonius gewidmet ist. Ein Scherzkeks nagelte irgendwann bei Nacht und Nebel eine Holztafel darunter mit der Aufschrift: «Bruder Albin». Er sei das nicht gewesen, weist Albin Fässler jeden Verdacht von sich, aber er fand es lustig und liess es darum stehen. Verantwortlich ist er indes für das schmucke Wohnhaus, das auf dem Grundstück für seine Frau und die beiden Töchter entstanden ist. Den oberen Stock bewohnen heute unter der Woche deutsche Bauarbeiter, deren Landesfahne auf dem Balkon aufgehängt ist. Sie verbringen die Wochenenden zuhause im fernen Sachsen. Im unteren Stock logiert Albin.

«Ich ging meinen Weg und war halt immer ein bisschen fortschrittlicher als die anderen.»

Mittlerweile ist er alleine und stolz darauf, den Haushalt sowie die administrative Arbeiten selber zu erledigen. Die Damenwelt behält er trotzdem gut im Auge. Im Trailer zum Film flötet «Onkel Albin» auf die Combox einer gewissen Esther Laffranchi. Sie steht ihm zwar nah, wohnt aber leider ennet dem Gotthard, im Tessin. Man weiss nicht, ob die beiden eigentlich immer noch ein Paar sind oder eher immer wieder mal. Bekannt sind zwei Tatsachen: Die gebürtige Zürcherin war Albins erste Liebe, bevor sich die zwei für Jahrzehnte aus den Augen verloren. Trotz der Distanz halte Albin ihr die Treue, dessen ist sich seine Schwester Cecilia sicher: «Er ist ein Spezieller, aber ein Guter und ist viel ruhiger geworden in den letzten Jahren», sagt sie und fügt an: «Seit zwei Jahren ist er sogar Gemeinderat. Ich bin schon ein bisschen stolz auf ihn.» Vor zehn Jahren wäre seine Wahl in ein öffentliches Amt wahrscheinlich noch nicht möglich gewesen, vermutet Albin Fässler. Aber nicht nur er, auch seine Landsleute in der Region Ybrig hätten sich verändert. Heute sei auch ein Querkopf wie er, der aus der SVP ausgetreten sei, für Unteribergs Einwohner wählbar. Auch in diesem Punkt war Albin Fässler Pionier und wurde als erster Parteiloser in den Gemeinderat gewählt. Mittlerweile gibt es dort einen zweiten Parteilosen, den frisch gewählten Gemeindepräsidenten Edwin Marty-Spindor. Er kennt den «Guggeli» seit ewig und schätzt ihn als gradlinigen Menschen, der ohne Hemmungen und Angst vor Konsequenzen sage, was er denke. «Das ist zwar manchmal etwas undiplomatisch», sagt Marty, «aber der Albin verträgt es auch, wenn eine fadengerade Antwort zurückkommt.»

Albin Fässler
Eigenwillige Methode: Das Nachrechen der Heuwiesen erledigt Albin Fässler, indem 
er am Töff einen Rechen montiert.

Am Film über Albin Fässler, so hört man allenthalben, hatten die Unteriberger jedenfalls den Plausch, und die Premiere im Kino Einsiedeln war ein Ereignis. «Ich glaube, die Leute sind ein bisschen stolz, dass einer ihre typische Wesensart, zu der eine gewisse Unbeugsamkeit gehört, so konsequent lebt», sagt Regisseur und Produzent Simon Guy Fässler. Nicht wenige hätten ihm nachher gesagt, sie verstünden nun viel besser, warum der Albin sei, wie er sei. Zudem bot der Film Gesprächsstoff für Wochen, was nicht nur zwischen Einsiedeln und Schwyz immer willkommen ist.

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Samuel Trümpy