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29. September 2014

Der Postillon von Indemini

Briefträger und Chauffeur Fausto Domenighetti bedient das Tessiner Dorf Indemini. Dabei überwindet er 1200 Höhenmeter und 130 Kurven – auf der wohl spektakulärsten Postautostrecke! Verliebt, geboren, übernachtet: Haben Sie im Postauto etwas besonderes erlebt? Erzählen Sie uns (unten) Ihre schönste Geschichte!

Domenighetti vor seinem Postauto
Fausto Domenighetti ist mit dem Kleinbus auch Postauto-Unternehmer.

An seinem hellgelben Postauto-Hemd hängt ein auffallend grosses Namensschild. «Fausto» steht da. Der 56-jährige Tessiner Fausto Domenighetti stellt sich nur mit Vornamen vor. Mit seiner Körperfülle, den weissen Haaren und der herzensguten Art erinnert er auf den ersten Blick an den Polizisten Wäckerli, die legendäre Filmfigur aus den 50er-Jahren. Nur entlarvt Domenighetti nicht Diebe, sondern bedient als Chauffeur zwei Mal täglich die wohl schönste Postautostrecke der Schweiz, die von der Haltestelle Magadino-Debarcadero am Langensee nach Indemini und wieder zurück führt.

Mit seinem 30-plätzigen Postauto muss er auf rund 20 Kilometern über 130 Kurven und die fast 1400 Meter hohe Alpe di Neggia überwinden. Sein wahrer Lohn ist nicht sein Salär, sondern der traumhafte Ausblick auf den Lago Maggiore, Locarno, Ascona und Palmen.

Nach der Postautofahrt verteilt Fausto Domenighetti in seinem Wohnort Indemini Briefe und Pakete.
Nach der Postautofahrt verteilt Fausto Domenighetti in seinem Wohnort Indemini Briefe und Pakete.

Doch sein Fahrplan ist streng. «Auf der Passhöhe hatten wir diesen Winter fast vier Meter Schnee. Bei schlechtem Wetter muss ich jeden Morgen die Ketten montieren und wieder demontieren. Die Strasse ist eng und weist viele Löcher und Haarnadelkurven auf. Ich habe kaum Gelegenheit, die Aussicht zu geniessen», sagt Domenighetti.

Weshalb es auf dem Morgenkurs der Linie 326 nach Brot duftet

Während einer Arbeitswoche steht er meist um 5 Uhr auf. Danach kontrolliert er als Unternehmer, der im Auftrag von Postauto fährt, ob mit seinem Kleinbus alles in Ordnung ist. Er bereitet die Kasse vor und fährt von seinem Wohnort Indemini den ersten Kurs um 6.30 Uhr hinunter nach Magadino. Am Lago Maggiore, nach einer knapp einstündigen Fahrt, trinkt er einen Kaffee, holt die Post für Indemini und fährt um 8.35 Uhr als offizielle Postauto-Verbindung zurück. Fausto Domenighetti ist in einem 80-Prozent-Pensum Pöstler, Chauffeur und Unternehmer seiner GmbH Domenighetti Trasporti Pubblici. Diese Konstellation gibt es seit der Zeit der Pferdefuhrhalter, als der Gespannführer eines Fuhrwerks noch Postillon hiess.

«Il vostro conducente Fausto vi augura buon viaggio», steht in Grossbuchstaben auf einem roten Schild im Kleinbus. Auf dem Kurs der Linie 326 duftet es oft nach frischem Brot, denn neben Briefen und Paketen führt der Pöstler auch Lebensmittel für den kleinen Dorfladen in Indemini mit.

In Indemini leben noch 25 Einwohner, 1920 waren es 450

Das malerische, abgeschiedene Bergdorf teilt das Schicksal vieler ähnlicher Schweizer Orte. «1920 lebten hier noch 450 Einwohner, heute sind es 57, wobei wir im Winter nur noch 25 Seelen sind», weiss Domenighetti. Im Jahr 1900 zählte das Dorf noch rund 100 Schüler, heute 0.

Selbst im Sommer leben nicht viel mehr als 50 Einwohenr in Indemini, unweit der italienischen Grenze.
Selbst im Sommer leben nicht viel mehr als 50 Einwohenr in Indemini, unweit der italienischen Grenze.

Er selbst ist in Indemini geboren, besuchte dort die Schule, bis er elf Jahre alt war. Dann wurde sie geschlossen, heute wird sie als Jugendherberge genutzt. Klein-Fausto musste zu Verwandten nach Gordola östlich von Locarno und dem Lago Maggiore umziehen, um weiterhin in die Schule gehen zu können. Später besuchte er während vier Jahren die Verkehrs- und Handelsschule in Solothurn. Deshalb spricht Domenighetti auch heute noch etwas Deutsch. «Doch Indemini blieb immer in meinem Herzen.»

1977, als knapp 20-jähriger Mann, entschied er sich, in seine Heimat zurückzukehren: Er startete seine Karriere bei der Post und verdiente 950 Franken pro Monat. Dabei arbeitete er nur drei Stunden pro Tag, weil die Post für Indemini keine 100-Prozent-Anstellung anzubieten hatte. «Für einen jungen Mann war der Lohn nicht schlecht. Aber damit konnte ich keine Familie ernähren. Deshalb habe ich das Ristorante Grotto Indeminese eröffnet.» Das betreibt er auch heute noch mit seiner Frau Orietta (51). Sie kümmert sich um den Service, er steht nach getaner Postarbeit in der Küche. Seine Spezialität: Risotto mit Pilzen oder Gorgonzola, Ossobuco oder Brasato mit Polenta. Das Grotto ist eines von immerhin zwei Restaurants im Dörfchen. Es kehren hauptsächlich Wanderer ein.

Pöstler, Ehemann, Seelsorger, Gastronom und Bürgermeister

Um Punkt 9.42 Uhr fährt Fausto Domenighetti in Indemini wieder ein. Dort wartet bereits sein Sohn Maurizio (25), der ebenfalls im Dorf wohnt und die nächsten Kurse zwischen dem Bergdorf und Magadino bedient, die Ferienvertretung seines Vaters übernimmt und abends das Fahrzeug wieder in Indemini parkiert.

«Ich kenne alle Segreti»: Fausto Domenighetti nimmt sich Zeit für einen Schwatz mit den Einwohnern Rosmarie Brennwalder und Beat Wüthrich.
«Ich kenne alle Segreti»: Fausto Domenighetti nimmt sich Zeit für einen Schwatz mit den Einwohnern Rosmarie Brennwalder und Beat Wüthrich.

Vater Fausto verteilt derweil die Briefe und Zeitungen in die Postfächer und geht anschliessend ins Zentrum des Dorfs. Dort trifft er regelmässig einen gebrechlichen Mann, der die Begegnungen mit Fausto Domenighetti sehr schätzt. Der Pöstler bringt ihm seine Sendungen, nimmt sich Zeit für einen kurzen Schwatz und schaut, ob es dem Mann so weit gut geht. Andere Bewohner legen für Einzahlungen Geld in den Milchkasten, welche Domenighetti jeweils am nächsten Tag auf der anderen Seite des Bergs erledigt.

Er ist sich seit Jahren gewohnt, mehrere Aufgaben auf einmal zu erledigen: Neben seinen Funktionen bei der Post, im Restaurant, als Ehemann und Vater war er von 1986 bis 2010 zusätzlich Gemeindepräsident. «In meinem Dorf kenne ich alle ‹Segreti›», sagt der Tausendsassa und lacht.

Zwischen den Häusern sitzen Rosmarie Brennwalder und Beat Wüthrich. Die Rentner sind vor acht Jahren aus der Deutschschweiz nach Indemini gezogen. Das Paar vermietet und verkauft im Dorf Rusticos. «Wir wollen nirgendwo anders leben», sagt Brennwalder und ergänzt: «Wir finden es grosszügig von der Post, dass sie diesen Service aufrechterhält.» Auch der Kanton Tessin investiert laut Domenighetti jährlich rund 100 000 Franken in den Schneeräumungsdienst. So ist es möglich, dass die Linie 326 auch im Winter täglich die Post bringt.

«Porca miseria», ruft Fausto Domenighetti aus. «Ja, das ist mein Dorf, mein Leben. Nach den vielen Jahren bei der Post und in meinem Restaurant mache ich meine Arbeit noch immer gern.» Gedanken an die Pensionierung habe er noch keine verschwendet. «Ich hoffe, dass ich gesund bleibe und arbeiten kann.» An den Nachmittagen nach seinen Kocheinsätzen hilft er seiner Frau im Restaurant und «manchmal reicht die Zeit auch für ein Pisolino» – ein Nickerchen.

Welches ist Ihre schönste Postauto-Geschichte?

Im Postauto übernachtet? Ein Kind geboren? Sich verliebt? Erzählen Sie uns Ihre ganz persönliche Postauto-Geschichte in den Kommentaren oder per Mail an onlineredaktion@migrosmedien.ch. Die beste drucken wir im Migros-Magazin ab.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Claudio Bader