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27. Februar 2017

Der Polizist hinter der Linse

Arnold Odermatt dokumentierte als einer der ersten Polizisten der Schweiz Verkehrsunfälle. Seine Fotos von spektakulären Karambolagen gingen um die Welt. Doch in seiner Sammlung gibt es auch andere Schätze – und ein verwackeltes Bild von Charlie Chaplin.

Arnold Odermatt, erster Polizeifotograf der Schweiz
Arnold Odermatt setzte sich gegen den Nidwaldner Polizeidirektor durch und wurde so zum ersten Polizeifotografen der Schweiz.

Krachen heutzutage zwei Autos ineinander, zücken Schaulustige oft sofort ihre Smartphones. Dutzende Fotos werden geschossen, die dann als Leserreporterbilder in Zeitungen oder auf Newsportalen landen. Auch die Polizei hält den Unfall fotografisch fest, um das Bild anschliessend der Medienmitteilung anzuhängen.

Als Arnold Odermatt im Kanton Nidwalden Polizist war, gab es noch keine Smartphones und keine Leserreporter. Über 60 Jahre ist es her, als Odermatt jeden Morgen seine Polizeiuniform anzog und als Kantonspolizist zu Unfällen ausrückte. Am Unglücksort angekommen, betreute er nicht nur die Opfer und erstellte Zeugenprotokolle, sondern machte mit seiner Privatkamera auch Bilder der Unfallautos.

AUS ODERMATTS ARCHIV

Alle Bilder © Arnold Odermatt, aus Meine Welt (Benteli Verlag Bern, 1993) / Karambolage / Im Dienst / In Zivil / Feierabend (Steidl Verlag Göttingen, 2013, 2014 und 2016), herausgegeben von Urs Odermatt.

Vor Odermatt hatte das in der Region kein Polizist gemacht: Bis dahin wurden Unfallbilder gezeichnet, denn Fotos standen im Verdacht, manipuliert werden zu können. Deshalb musste sich Arnold Odermatt als junger Polizist erst mal gegen seinen Polizeidirektor durchsetzen. Dieser wollte ihm das Fotografieren im Dienst nämlich verbieten. Doch Odermatt liebte die Fotografie zu sehr.

Bereits als Siebenjähriger hatte er durch Sammeln von Indianerbildchen bei einem Wettbewerb einen kleinen Fotoapparat gewonnen. Weil seine Eltern es sich nicht leisten konnten, ihm einen Film für die Kamera zu kaufen, trat der kleine Arnold als Zauberer auf und verlangte pro Vorstellung einen Eintritt von fünf Rappen. Nachdem er genug Geld gesammelt hatte, erwarb er seinen ersten Fotofilm im Kolonialwarenladen im Dorf und brachte sich das Fotografieren selbst bei. Seine ersten Motive waren die zehn Geschwister.

Lob der Richter

Der Polizeijüngling blieb also stur, schoss mutig weiter Unfallfotos und fürchtete, eines Tages dafür zum Teufel gejagt zu werden. «Ich hatte schon ein paar schlaflose Nächte deswegen», sagt Arnold Odermatt.

Der 91-Jährige lebt heute in einer Wohnung in Stans NW. Er erinnert sich noch gut, wie er damals die Bilder der zerbeulten und zerschellten Autos als Beweisstück an die Polizeiakte heftete. Die Richter, die diese Akten für ihre Urteile studieren mussten, waren begeistert: Endlich konnten sie die Unfälle beurteilen, als wären sie selbst vor Ort gewesen. Odermatt wurde gelobt, der Polizeidirektor mit seinen Manipulationsvorwürfen war besänftigt.

Jahrzehntelang fotografierte Odermatt mit seiner Rolleiflex-Kamera solche Unfälle. Zehntausende Bilder landeten in den Akten. Nur ab und zu wurden besonders schlimme Unfallbilder im Schaufenster der Polizeistation aufgehängt – zur Abschreckung.

Nie jedoch sind auf Odermatts Bilder Leichen zu sehen, nur immer das zerknüllte Blech. «Ich musste ja am Unfallort zuerst meine Arbeit als Polizist machen. Erst danach hatte ich Zeit für die Fotos», sagt er. Als Odermatt als Chef der Verkehrs­polizei und Vizekommandant der Nidwaldner Kantonspolizei pensioniert wurde, gingen seine Polizeifotos in den Schubladen vergessen.

Unfallbilder gehen um die Welt

Erst als sein Sohn, der Regisseur Urs Odermatt, bei der Recherche zu seinem Spielfilm «Wachtmeister Zumbühl» im Archiv seines Vaters stöberte, entdeckte er, welche Schätze sich darin verbargen. Bereits der erste Bildband, den er mit dem Titel «Karambolage» im Steidl Verlag herausgab, war ein internatio­naler Erfolg.

Arnold Odermatts Fotos wurden 2001 für die 49. Biennale von Venedig ausgewählt und 2002 in einer Einzelausstellung im Art Institute of Chicago gezeigt. Denn Odermatt war mehr als ein Beamter, der Unfallautos für Akten fotografierte. Seine Fotos haben eine eigene Bildsprache, hinter der Kamera war er ein Künstler. Seine Bilder zeichnen sich durch einen überwältigenden Pragmatismus aus. Alles ist auf das Wesentliche reduziert. «Es hat nur dort Licht, wo es Licht braucht, er ging sehr zielstrebig vor», sagt Urs Odermatt.

Arnold Odermatt, erster Polizeifotograf der Schweiz
Arnold Odermatt, erster Polizeifotograf der Schweiz

Odermatts Fotos sind inzwischen in mehreren Bildbänden verewigt.

Mittlerweile sind aus den rund 60 000 Bildern einige ­Bildbände entstanden: «Karambolage», «In zivil» oder «Im Dienst». Im neuesten Band «Feierabend» sind Bilder abgedruckt, die Odermatt nach der Arbeit gemacht hatte: Fotos aus dem Alltag der Menschen und aus der Natur der Zentralschweizer Berglandschaft.

Geld verlangte Odermatt für solche Feierabendaufträge nie. Um Geld zu sparen, schoss er meistens nur ein einziges Foto – nicht immer gelang ­dabei ein ­perfektes Bild. Als er auf demBürgenstock Charlie Chaplin fotografieren wollte, war er zu nervös. Das Foto wurde unscharf.

Das neue Buch: «Feierabend»
Das neue Buch: «Feierabend» (Steidl Verlag Göttingen, 2016)

Seine Fotoleidenschaft führte Odermatt bis ins hohe Alter fort. Erst vor wenigen Monaten musste er das Fotografieren aufgeben. Seine Augen spielen nicht mehr mit. Digital hat Arnold Odermatt übrigens nie fotografiert. Er blieb dem Analogen immer treu. «Bei der digitalen Fotografie muss man ja nichts mehr selbst einstellen», sagt er. Das sei ihm zu einfach. 

Alle Bücher von Arnold Odermatt sind in The Odermatt Shop erhältlich.

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Herbert Zimmermann