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24. Oktober 2016

Der Placeboforscher über die Pharmagie

Wenn Medikamente helfen, obwohl sie keinen Wirkstoff enthalten, sprechen wir vom Placeboeffekt. Der Apotheker und Placeboforscher Georg Schönbächler erklärt, warum wir Magie und Rituale in der Medizin brauchen und weshalb wir keine Beipackzettel lesen sollten.

Kein Hirngespinst
Kein Hirngespinst: Placebos können ...

Georg Schönbächler, heute früh haben wir eine Dusche und einen Kaffee gebraucht, um wach zu werden. Bilden wir uns solche Effekte nur ein?

Das sind wahrscheinlich Placebomomente im Alltag. Schon Epiktet, ein Philosoph der Antike, sagte: Es sind nicht die Dinge, die uns in Angst und Verwirrung stürzen, sondern unsere Vorstellungen von diesen Dingen. Das gilt fürs Positive wie fürs Negative.

Wir glauben, ein Schmerzmittel einzunehmen, tatsächlich aber ist es eine Zuckerpille – und die wirkt trotzdem. Wie entsteht dieser Placeboeffekt im Gehirn?

Die Einnahme von Medikamenten – egal, ob echte oder vermeintliche – erleben wir als Selbstbelohnung, und das Gehirn schüttet unter anderem Endorphine aus. Diese wirken schmerzlindernd. Das Schema läuft auch bei beglückenden Tätigkeiten wie Marathonlaufen, Schokoladeessen oder Sex ab. An der Stelle im Gehirn, wo die Endorphine wirken, docken übrigens auch die Morphine an – deshalb sind sie so gute Schmerzmittel.

Muss man an die Placebowirkung glauben, damit sie funktioniert?

Dazu gibt es eine schöne Geschichte: Vor etwa 20 Jahren wollte ein Chirurg in den USA die Wirksamkeit von Knieoperationen erforschen. Er bot 150 Patienten mit Kniearthrose auf: 50 Probanden spülte er bloss das Knie, bei 50 entfernte er auch Knorpelmaterial, und bei weiteren 50 nahm er nur einen Schnitt in die Haut am Knie vor. Danach ging es der Placebogruppe besser als den Probanden, die tatsächlich operiert worden waren. Auf Youtube gibt es einen Film dazu: Er zeigt einen über 70-jährigen Patienten aus der Placebogruppe, der schwärmt: «Ich kann wieder mit meiner Frau tanzen gehen!» Ihm war egal, wie die Heilung zustande gekommen war.

Wirken Placebos bei gewissen Krankheiten stärker als bei anderen?

Je mehr uns ein Leiden bewusst ist, desto grösser die Wirkung von Placebos. Im gesamten Schmerzspektrum wirkt es gut. Auch bei Depressionen sprechen die Patienten stark auf Placebos an.

Wie machen sich Ärzte oder Apotheker diese Effekte zunutze?

Zunächst muss man unterscheiden zwischen reinen und Pseudoplacebos: Reine Placebos sind Zuckerpillen zum Einnehmen oder Kochsalzlösungen zur Injektion. Unter Pseudoplacebos dagegen versteht man Mittel, die zwar einen Wirkstoff enthalten, aber zu tief dosiert sind, um zu wirken. Oder sie werden bei einer Krankheit eingesetzt, für die sie nicht bestimmt sind. Ein Beispiel dafür sind Vitamine. In der Schweiz, wo es jederzeit frisches Gemüse zu kaufen gibt, leidet fast niemand unter Vitaminmangel. Und doch verschreiben viele Ärzte Vitamine. Oder sie geben bei viralen Erkrankungen Antibiotika, obwohl diese nur bei bakteriellen Infekten helfen. Aber Patienten wollen mit einem Medikament nach Hause gehen. Eine Studie hat gezeigt, dass mehr als zwei Drittel der Zürcher Hausärzte hie und da Pseudoplacebos abgeben und 16 Prozent gelegentlich reine Placebos.

Dürfen Ärzte das denn?

Rechtlich schon. Moralisch betrachtet, kann man darüber diskutieren. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ist wesentlich für den Heilungsprozess. Tatsache ist: Verschreibt ein Arzt ein Placebo, macht er das mit den besten Absichten.

Wie sehen das die Patienten?

Das hängt von der Arzt-Patient-Beziehung ab. Nimmt man die Haltung ein, der Arzt wisse am besten, was gut für einen sei, dann begibt man sich in dessen Hände, und die Abgabe von Placebos lässt sich rechtfertigen. Legt ein Patient dagegen viel Wert auf seine Autonomie, ist es etwas heikler. Dieser Patient will, dass der Arzt sein Problem mit ihm gemeinsam löst. In diesem Fall wäre ein Placebo eine Täuschung.

Viele wollen einfach mit einem Mittel heimgehen.

Finden Sie als Apotheker Pseudoplacebos in Ordnung?

Ja. Der Gang in die Apotheke hat etwas Rituelles; viele wollen einfach mit einem Mittel aus dem Laden gehen und sich damit etwas Gutes tun. In solchen Fällen sage ich: «Man weiss nicht genau, wie es wirkt, aber vielen Menschen hilft es. Probieren Sie es doch aus.» Ich weiss ja, dass es den Placeboeffekt gibt und dass Placebos helfen können. Ich halte das für unproblematisch. Die meisten Vitamine etwa sind wasserlöslich und werden wieder aus dem Körper gespült. Auch homöopathische Globuli schaden nicht.

Hängt es vom persönlichen Naturell ab, ob ein Placebo wirkt oder nicht?

Es gibt keine «Placebopersönlichkeit». Jeder kann im entsprechenden Kontext darauf ansprechen. Was man an Erwartungen und Therapieerfahrungen mitbringt, ist ebenso entscheidend wie das sogenannte Setting, also die Umgebung. Wer sich in einem Spital aufhält, weiss: Da kümmert man sich um mich. Der weisse Kittel und das Stethoskop des Arztes unterstreichen diesen Eindruck. Aber man kann den Placeboeffekt auch konditionieren. Wenn ein Kind Kügeli bekommt und es sich danach besser fühlt, können Kügeli auch später im Leben heilend wirken.

Wie reagieren Tiere auf Placebos?

Es gibt einen Wirkstoff namens Cyclophosphamid, der unter anderem in der Krebstherapie eingesetzt wird. Erhalten Ratten diese Substanz zusammen mit einer Saccharinlösung zum Trinken verabreicht, wird damit ihr Immunsystem gedrosselt. Gibt man den Ratten nach einer Woche die Saccharinlösung ohne das Cyclophosphamid, fahren sie ihr Immunsystem trotzdem herunter. Solche konditionierten Lernprozesse sind ein Erklärungsansatz bezüglich der Wirkungsweise von Placebos.

Reagieren Menschen ebenso?

Ja, allerdings werden leider auch die Nebenwirkungen konditioniert. Man trainiert sich also nicht nur die positiven, sondern auch die negativen Effekte an. Schadet ein Mittel, obwohl es keine wirksamen Inhaltsstoffe hat, spricht man vom Noceboeffekt.

Was folgern Sie aus dem Noceboeffekt?

Dass man keine Beipackzettel von Medikamenten lesen sollte – sie sind voller negativer Suggestionen. Steht darin etwa, dass eine Nebenwirkung sehr häufig vorkomme, liegt die Wahrscheinlichkeit zwischen einem und zehn Prozent. Aber weit mehr Kunden berichten in der Apotheke über diese Nebenwirkung – mit grösster Wahrscheinlichkeit handelt es ich dabei um einen Noceboeffekt.

Warum haben Placebos einen so negativen Beigeschmack?

Gewisse Schulmediziner sind der Meinung, nur Quacksalber und Scharlatane würden mit Placebos arbeiten, während sie über ihre Medikamente sagen: «Hier ist der Schlüssel, der genau ins Schlüsselloch passt.» Das ist schade, denn Schulmediziner bringen sich damit um grossartige therapeutische Möglichkeiten.

Schulmediziner bringen sich um grossartige therapeutische Möglichkeiten.

Verstehen Sie Homöopathie auch als Placebomethode?

Ja. Beobachten wir einen Homöopathen bei der Arbeit, sehen wir: Er hat eine Flasche, gefüllt mit einem Deziliter flüssiger Medizin. Davon gibt er ein Zehntel in eine andere Flasche, die er wiederum mit Wasser auf einen Deziliter auffüllt und schüttelt. Dieses Vorgehen wiederholt er beliebige Male, wobei er von Potenzieren spricht. Ich aber bin naturwissenschaftlich sozialisiert und spreche von Verdünnen. Ich glaube, Homöopathen haben Erfolg, weil sie die Methode, für das richtige Setting zu sorgen, bestens beherrschen.

Schulmediziner könnten sich also etwas von den Homöopathen abschauen?

Ganz genau: sich Zeit nehmen und auf das Individuum eingehen. In der Homöopathie gibt es sogenannte Konstitutionsmittel, die exakt auf einen Patienten oder eine Patientin abgestimmt werden. Das gibt der Person das Gefühl: Endlich ist da jemand, der mich versteht.

Was sagt die Tatsache, dass die Komplementärmedizin künftig Teil der Grundversicherung sein soll, über unseren Zeitgeist aus?

Dass eine gewisse Unzufriedenheit mit der Schulmedizin da ist und sie nicht alle Bedürfnisse stillen kann. Aber auch, dass wir uns das leisten können, weil es uns gut geht. Und dass zu wenig geforscht wird, um zu zeigen: Homöopathische Mittel sind Placebos und sollten nicht von der Grundversicherung übernommen werden.

Wo sind die Grenzen von Placebos?

Knochenbrüche wachsen damit nicht schneller zusammen, und Wunden heilen damit nicht besser, denn da sind Bakterien im Spiel. Auch hohen Blutdruck kann man nicht mit Placebos korrigieren und ebenso wenig Blutwerte. Auch bei Krebs würde niemand Placebos abgeben – auch wenn es Leute gibt, die behaupten, man hätte ihre Tumore mit Placebos heilen können. Und sehr viele Patienten erhalten zusätzlich zur schulmedizinischen Krebstherapie homöopathische Mistelpräparate, die auf der Signaturenlehre des Mittelalters basieren.

Was genau hat es damit auf sich?

Die Menschen glaubten, dass der liebe Gott Zeichen für sie in die Welt gesetzt habe. Weil etwa die Mistel aussieht wie ein Krebsgeschwür am Baum, nahm man an, sie könne bei Krebs helfen. Oder dass die Walnuss, die wie ein Hirn aussieht, gut sei für die Hirnfunktionen. Und die Weide, die weich und biegsam ist, wurde als Antiaphrodisiakum für Mönche eingesetzt.

Durch eine Operation können tief verankerte Vorstellungen von Heilritualen unbewusst wach werden.

Wo zeigt sich denn sonst noch althergebrachter Glaube?

In der Chirurgie. Die Parallelen zu schamanistischen Ritualen sind frappant: Man reist an den Ort des Rituals, zieht bestimmte Kleider an, wird mit reinigenden Flüssigkeiten eingeschmiert, trifft auf maskierte Heiler. Danach bleibt man noch ein wenig am Ort des Rituals. Durch eine Operation können tief verankerte Vorstellungen von Heilritualen unbewusst wach werden. Dafür sind wir sehr empfänglich. Das zeigt, wie mächtig Rituale sind, auch bei Medikamenten. Pharmazie ist immer auch Pharmagie: Das magische Denken gehört dazu.

Sind heutige Ärzte moderne Schamanen?

In etwa. In Urzeiten wurde jemandem die Funktion des Heilers zugeteilt: Dies war der Schamane. Daraus sind die heutigen Ärzte hervorgegangen. Es ist erstaunlich: Trotz ihrer mehrere tausend Jahre alten Geschichte gibt es in der Medizin erst seit kurzer Zeit Medikamente, die wirklich etwas bringen! Das Allermeiste, das man vor der Entwicklung von Morphin, Chinin und Aspirin im 19. Jahrhundert verwendete, waren Placebos. Die Ärzte arbeiteten mit Ritualen und hatten schon damals eine gute Reputation. Die Patienten hätten ja sagen können, die Mittel nützten nichts. Aber sie kamen und wollten die Pülverchen und Tinkturen.

Gibt es auch Placebo-Rauscherfahrungen? Etwa, dass man eine Zigarette ohne Nikotin raucht und doch eine Wirkung spürt? Oder dass alkoholfreies Bier einen berauscht?

Ja. Im Rahmen einer amerikanischen Studie wurde Probanden ein alkoholfreier Drink serviert. Der einen Hälfte sagte man, er enthalte Alkohol, der anderen, er sei alkoholfrei. In einem anschliessenden Gedächtnistest schnitt die vermeintliche Alkoholgruppe signifikant schlechter ab als diejenige, die wusste, dass sie keinen Alkohol getrunken hatte.

Offenbar kann man sich sogar Allergien einbilden ...

Ja, das zeigt eine japanische Studie mit dem Wachsbaum, auf den viele Leute allergisch reagieren. Man führte Allergiker in einen dunklen Raum und sagte ihnen: Über Ihren rechten Arm fahren wir mit einem Wachsbaumast und über den linken Arm mit einem harmlosen Ast. Dann machte man es aber umgekehrt. Die meisten Probanden bekamen daraufhin Rötungen an dem Arm, der mit dem harmlosen Ast in Berührung gekommen war. Die Vorstellung genügte, um eine negative Reaktion hervorzurufen.

Was sagt das über den Menschen aus?

Um überleben zu können, müssen wir dauernd Zeichen in unserer Umwelt interpretieren. Diese enorm wichtige Fähigkeit kann uns aber hie und da auch einen Streich spielen. 

Autor: Yvette Hettinger, Monica Müller

Fotograf: René Ruis