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27. Mai 2013

Der Paradontitis vorbeugen

An einer leichten Zahnfleischentzündung leidet fast jeder einmal. Weitet sich diese jedoch aus, kann sie irreparable Schäden hinterlassen. Vorbeugen lässt sich der Parodontitis mit einer optimalen Mundhygiene und regelmässigen Kontrolluntersuchungen.

Mann mit Zahnseide
Die Zahnzwischenräume reinigt man am besten mit Zahnseide. Sonst bildet sich dort Plaque, auf die 
das Zahnfleisch mit einer Entzündung reagiert. (Bild: IStockphoto)

Am Anfang klang alles recht harmlos. Als Stefan Dübendörfer* vor über zehn Jahren von seinem Zahnarzt erfuhr, dass sich bei ihm eine Zahnfleischtasche gebildet habe — also eine Stelle, wo sich das Zahnfleisch vom Zahn löst —, die man beobachten müsse, dachte er sich nichts weiter. Trotzdem putzte der Informatiker aus Olten SO seine Zähne noch gewissenhafter als vorher. Dann ging sein Zahnarzt in Pension und eine jüngere Berufskollegin übernahm die Praxis. «Weil die neue Zahnärztin die Zahnfleischtasche bei den regelmässigen Kontrolluntersuchungen nicht mehr erwähnte und ich auch keine Schmerzen hatte, dachte ich, es sei alles in Ordnung», erinnert sich der 58-Jährige. Ein Trugschluss.

ZAHNPUTZ-IRRTÜMER UND KONTAKTHILFE
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Vor anderthalb Jahren kamen die Schmerzen. Das Zahnfleisch war mittlerweile stark entzündet, ein Zahn wackelte und fiel aus, ein zweiter Zahn war ebenfalls lose. Über Umwege landete Stefan Dübendörfer schliesslich bei Anton Sculean, Direktor der Klinik für Parodontologie an der Universität Bern. Dieser diagnostizierte eine stark fortgeschrittene Parodontitis, also eine Entzündung des Gewebes, das den Zahn im Kieferknochen verankert. Schuld daran war die nicht behandelte, mit Bakterien gefüllte Zahnfleischtasche.

«Durch die Zahnfleischentzündung wird der Zahnhalteapparat — also die Fasern und Knochen rund um die betroffenen Zähne — abgebaut, was zur Bildung von Zahnfleischtaschen führt», erklärt Experte Sculean. «Durch den Verlust von Knochen um die Zahnwurzel wird der Zahn in der Folge beweglich, was bei ausbleibender Therapie zum Zahnverlust führen kann.»

Der Zahnarzt konnte viele Zähne retten, aber nicht alle

Um Stefan Dübendörfers Paradontitis zu behandeln, erfolgte als Erstes eine Tiefenreinigung unter Lokalanästhesie, da hierfür das Zahnfleisch aufgeschnitten werden musste. Um die Entzündung zu bekämpfen, wurde ein Antibiotikum verschrieben. Und anhand der Laboranalyse der entnommenen Keime legten die Zahnexperten die genaue Therapie fest.

Seit Beginn der Behandlung hatte Stefan Dübendörfer mehr als 20 Termine in den Zahnmedizinischen Kliniken der Uni Bern, da die Behebung einer so heftigen Parodontitis eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. «Ich bin froh, dass sich die Fachleute alle an einem Ort befinden und die aufwendige Therapie sich mit meinen beruflichen Verpflichtungen vereinbaren liess», sagt der Informatiker.

Anton Sculean konnte viele von Dübendörfers Zähnen retten. Aber nicht alle. «Insgesamt habe ich fünf Zähne verloren, zwei oben rechts, zwei unten links sowie einen Schneidezahn», so der Patient. «Drei wurden ersetzt, die beiden hintersten Kauzähne fehlen. Sie zu ersetzen, ist nicht unbedingt notwendig.» Vielleicht mache er dies noch, sagt Dübendorfer. Aber das sei eine Kosten-Nutzen-Rechnung, «denn bisher hat mich das Ganze schon weit über 20 000 Franken gekostet.» Diese Summe können nicht alle Betroffenen aufbringen, schliesslich bezahlt keine Krankenkasse eine solche Zahnbehandlung.

Neben viel Geld musste Stefan Dübendörfer auch eine Menge Zeit investieren. Für die Behandlung, aber auch für die Mundhygiene. «Ich hatte die Zahnpflege neu zu erlernen und muss nun zweimal täglich eine halbe Stunde lang die Zähne putzen, weil mein Gebiss jetzt ganz spezielle Bedürfnisse hat.» Natürlich ist Stefan Dübendörfer bei Weitem nicht der Einzige, der mit den Folgen einer schweren Zahnfleischentzündung zu kämpfen hat. Dazu Anton Sculean: «Alle Menschen zeigen bei un­genügender Mundhygiene stellenweise eine Zahnfleischentzündung. Hält diese an, kann sich der gesamte Zahnhalteapparat entzünden. Hiervon sind vorwiegend Menschen ab 45 Jahren und selten auch junge Menschen unter 20 Jahren betroffen.»

Würde Stefan Dübendörfer rückblickend etwas anders machen? «Ja, ich hätte sofort zu einem Parodontologen gehen sollen, als mein Zahnarzt die Zahnfleischtasche bemerkte», sagt er. «Wäre ich damals korrekt behandelt worden, wären mir viele Schmerzen, Schäden und Kosten erspart geblieben.»

Autor: Lisa Basler