Archiv
25. Juni 2012

Der Orchideenflüsterer

Nur gerade sieben Menschen in der Schweiz beherrschen die Kunst, Orchideen durch Aussaat zu vermehren. Lukas Müller ist einer von ihnen.

1000 Orchideenarten und gegen 5000 Pflanzen: Lukas Müller steht für seine
 Orchideen gerne täglich im Orchideenhaus – sonntags nur zum Giessen.

Von Frauenschuh- bis Spinnenorchidee:
Die schönsten Exemplare aus Müllers Orchideenhaus

Das Orchideenhaus mit dem subtropischen Klima erinnert ein wenig an die Hängenden Gärten von Babylon, eines der sieben Weltwunder der Antike. Das Haus mit den knapp 1000 verschiedenen Orchideenarten und gegen 5000 Pflanzen ist jedoch ein Wunder der Gegenwart und steht am Rand von Steinmaur ZH. Hier befindet sich der Arbeitsort von Orchideengärtner Lukas Müller (34). Er ist einer von schweizweit sieben Experten, die Orchideen durch Aussaat vermehren können. Ein diffiziles Unterfangen — Orchideensamen sind kaum im Handel erhältlich, und damit die Samen gedeihen, braucht es spezielle Nährlösungen und sterile Werkbänke. Und Geduld: Bis zur ersten Blüte verstreichen mehrere Jahre.

Lukas Müller, der in Windlach ZH lebt, arbeitete elf Jahre lang als Landschaftsgärtner. Er fühlte sich 2004 ausgelaugt und entschied sich, eine dreimonatige kreative Pause einzulegen. Während dieser Zeit kaufte er sich in einem Fachmarkt eine violette Schmetterlingsorchidee und interessierte sich für die Befruchtung der Blüten. «Mich faszinierte von Anfang an, dass man die Pflanzen relativ leicht kreuzen kann.» Er informierte sich im Internet und begann, den eigenen Keller in ein Labor zu verwandeln. Er lernte, dass die Orchideensamen zu den Feinsten in der Flora gehören. Eine einzige Samenkapsel enthält bis zu fünf Millionen Samen.

Das Orchideenhaus löst bei den Besuchern einen Wow-Effekt aus

«Ich beschäftigte mich bald mehr mit den Orchideen statt mit meiner Frau Melanie», sagt Müller und lacht. Die ganze Wohnung war mit Orchideen verstellt. Sein damaliges Hobby, das sein Leben veränderte, sei kein Zufall. «Ich liebe Orchideen. Gott ist ein wunderbarer Kreator.» Wie die Mehrheit seiner zehn Brüder und Schwestern ist auch Lukas Müller gläubiger Christ. Die Grossfamilie pflegt einen engen Zusammenhalt und hat ein Flair für soziale Berufe (siehe weiter unten).

Nach seiner Auszeit war der jüngste Müller während zweieinhalb Jahren als Landschaftsgärtner im Kinderspital Zürich beschäftigt. Ende 2007 wechselte er zur Orchideengärtnerei Amsler in Sirnach TG. Er war zuständig für die Pflege der Kulturen, den Verkauf und die Aussaaten und vertiefte so seine Kenntnisse über die Orchideen. Seine Brüder Stephan und Daniel schufen dann für ihn die Möglichkeit, seine Passion im eigenen Gemüsebetrieb, der seit 50 Jahren Produkte an die Migros Ostschweiz liefert, weiterzuleben. Dort, im Orchideenhaus, kümmert er sich täglich, sonntags zum Giessen, um die Orchideen und ist auch in den Verkauf involviert. «Obwohl ich das nie so geplant habe, arbeite ich seit 2009 in Steinmaur und bin mit dieser Lösung total glücklich.» Sein einstiges Hobby ist zum Job geworden.

«Das Grösste» für ihn ist, «wenn wir mit unserem Orchideenhaus bei den Kunden einen Wow-Effekt auslösen.» Einmal habe eine Besucherin geweint. Lukas Müller fragte, was los sei. Sie sagte, sie sei so berührt von den exotischen Pflanzen, die ihren Ursprung in Taiwan haben. Berührt war auch Wu Bangguo, Parlamentsvorsitzender in China. Der 70-jährige Politiker schaute sich mit seiner Entourage im Juli 2010 das Orchideenhaus und den biologischen Gemüseanbau im Rahmen eines Freundschaftsbesuchs an. Die anderthalbstündige Visite sorgte bei der Kantonspolizei Zürich für einen Grosseinsatz mit verschlossenen Toiletten und Scharfschützen auf den Dächern der Umgebung.

Brassia Rex und der Stern von Madagaskar

Zu den Lieblingsorchideen von Lukas Müller gehört die filigrane Brassia Rex mit der nach Vanille duftenden Blüte und einer Spannweite von bis zu 35 Zentimetern. In der Vorweihnachtszeit schlägt die Stunde des Sterns von Madagaskar mit einer weissen Blüte und einem langen Schweif. Im Vorfeld des Muttertags, wenn im Orchideenhaus die grösste Ausstellung stattfindet, duftet die Maxillaria mit ihrem Kokosaroma. Lukas Müller kennt jeden einzelnen Namen der Schönheiten und betont, dass seine Frau Melanie Müller (32) diese inzwischen besser auseinanderhalten kann. «Wahrscheinlich murmle ich die Namen der Orchideen noch im Schlaf …»

www.mueller-orchideen.ch

Die LocarnOrchidea
Müller-Orchideen treffen SIe auch an Internationalen Orchideenausstellung, organisiert vom Regionalverein Amici Ticinesi delle Orchidee und unterstützt von der Schweizerischen Orchideengesellschaft, vom 21. bis 23. September in Locarno (TI) an: www.locarnorchidea.ch

Grossfamilie Müller

Lukas Müller hat zehn Geschwister:

Grossfamilie Müller
Grossfamilie Müller

1) Lukas Müller (34), Windlach ZH, Orchideengärtner
Der Jüngste gilt auch als der Verwöhnteste der Familie Müller.

2) Simon Müller (38), Steinmaur ZH, Marktfahrer
Markenzeichen: Er trägt immer einen Hut, ausser beim Fototermin mit dem Migros-Magazin.

3) Michael Müller (39), Oberweningen ZH, gelernter Schreiner, Weiterbildung zum Sozialmanager
Er war sieben Jahre als Entwicklungshelfer in Afghanistan im Einsatz. In der Familie gilt er als der grosse Träumer.

4) Salomon Müller (43), Dielsdorf ZH, Sozialpädagoge
Lief als Junior 5000 Meter in einer Zeit von 14:58.

5) Ruth Beereuter (44), Windlach ZH, Hausfrau und Mutter von drei Mädchen
Die Liebe für die Musik erbte sie von ihren Eltern. Auch heute noch schätzt die Familie ihren Gesang und ihr Gitarrenspiel.

6) Daniel Müller (47), Steinmaur ZH, Ausgebildeter Gemüsegärtnermeister, Co-Betriebsleiter
Er musste mit Salomon im gleichen Bett und mit Stephan im selben ungeheizten Zimmer schlafen.

7) Mirjam Sennhauser (48), Bäch SZ Sozial- und Tanzpädagogin
Sie war immer eigenwillig und freiheitsliebend.

8) Rahel Baumgartner (52), Weiach ZH, Sozialpädagogin
Weil sie von kleiner und feiner Statur war, musste sie als Kind zur Stärkung ins Ferienlager.

9) Renate Müller (53), Steinmaur ZH, Sozialpädagogin
Legendär ist Renate Müllers Missgeschick an einem 1. August: Sie stellte das Feuerwerk auf einen Brückenwagen und eine Kerze darauf. Die ganze Pracht ging bereits bei Tageslicht los. Anfang 2012 hatte sie einen unverschuldeten Verkehrsunfall. Sie wurde schwer verletzt, ist aber optimistisch, dass alles wieder gut kommt.

10) Stephan Müller (54), Steinmaur ZH (im Elternhaus), Gemüsegärtner und Co-Betriebsleiter BioLand Agrarprodukte AG
Der Jäger und Sammler hat keine Berührungsängste: Als Bub hatte er oft Würmer und Schnecken in den Hosensäcken.

11) Brigitte Müller (56), Sünikon ZH, Köchin
Sie ist die Älteste und war für ihre Geschwister wie eine zweite Mutter. Sie ärgerte sich darüber, dass sich Stephan zum Geburtstag stets Kutteln wünschte.

12) Mutter Luisa («Liseli») Müller (77), Steinmaur ZH, Rentnerin
Sie ist 32-fache Grossmutter. «Jedes Kind war ein Geschenk des Himmels.» Selbst hochschwanger schnitt sie morgens um vier Uhr Salat und kochte für portugiesische Saisonniers, die im Gemüsebetrieb arbeiteten.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Gerry Nitsch