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06. Oktober 2014

Der Musterknabe

Als Bub hatte er ein klares Ziel: in den USA reich werden. Mit 26 Jahren hat das Stephan Goss bereits erreicht. Er betreibt ein Web-Start-up in San Diego, das 45 Millionen pro Jahr umsetzt. Im Artikel verrät er seine zehn besten Tipps und beantwortet er Ihre Fragen.

Stephan Goss jongliert
Stephan Goss jongliert mit Mustern, die er unter die Leute bringt.

Für die «San Diego Times» ist Stephan Goss (26) der beste Import aus der Schweiz seit Jahren. Er sei so vielfältig wie ein Schweizer Sackmesser. Der gebürtige Aargauer aus Berikon hingegen findet sich nicht besonders schweizerisch. «Ich passe viel besser nach San Diego», sagt er. In der Schweiz, da halte man ihn für crazy.

Als Goss mit 19 Jahren für ein Semester nach Detroit reiste, war für ihn bald klar: Ich will nicht zurück. Er studierte Wirtschaft in New York, zumindest vordergründig. Eigentlich sass er ganz hinten im Vorlesungssaal und versuchte, online Geld zu verdienen. Da er mit dem Schweizer Pass keinen Studentenjob finden konnte, baute er Websites für Kunden und verkaufte Werbung für ein Pharmaunternehmen.

Mit Ersterem scheiterte er, mit Letzterem legte er den Grundstein für sein heute florierendes Unternehmen Zeeto Media, welches die Website Getitfree.us betreibt. Sobald es um seine Firma geht, wechselt Goss spontan ins Englische. «Auf Deutsch fehlen mir die Worte.» Die Idee hinter Getitfree.us: Die Nutzer bekommen gratis Proben neuer Produkte, die Firmen gelangen so an die Koordinaten möglicher neuer Konsumenten.

Goss trägt Shorts und T-Shirt zur Arbeit, doch das Business ist hart

6,5 Millionen Amerikaner nutzen die Website heute, und Goss nimmt an, es könnten zehn Millionen werden. Auch wenn er über Zahlen plaudert wie andere übers Wetter, hat es nie einen Businessplan gegeben. Er hat einfach gemacht. Als Goss das Leben in New York nach Uniabschluss zu teuer war, lud er alle seine Habseligkeiten in ein Auto und fuhr quer durchs ganze Land nach San Diego zu einem Studienkollegen. Dieser teilte Goss’ Begeisterung für das Geschäft mit den Mustern. In drei Jahren wuchs die Firma auf 55 Angestellte in San Diego, weitere 5 sind auf den Philippinen damit beschäftigt, neue Proben online zu suchen.

Goss trägt Shorts, T-Shirt und Flip­flops bei der Arbeit und bietet seinen Mitarbeitern Arbeitsbedingungen, wie sie im Silicon Valley, der Tech-Start­up-Hochburg zwischen San Francisco und San Diego, mittlerweile üblich sind: Sie arbeiten in einer 1000 Quadratmeter grossen Loft, in der Sofas, Pingpongtische und Töggelikästen für Entspannung sorgen. Zwei Köche verköstigen die Belegschaft, zu der auch etwa zehn Hunde gehören.

So locker die Atmosphäre, so knallhart das Business. Goss arbeitet von morgens um neun bis abends um acht, beantwortet E-Mails rund um die Uhr. «Natürlich habe ich Stress, aber das gefällt mir», sagt er. Bei der Personalpolitik ist «hire and fire» angesagt. Bringt jemand die gewünschte Leistung nicht oder passt er nicht ins Team, wird er, auch wenn eben erst angeheuert, wieder gefeuert. Goss bereitet das keine Mühe: «Die Mentalität ist hier eine andere, regelmässige Jobwechsel sind die Regel.»

Besetzt Goss Stellen neu, achtet er nicht auf Ausbildungen oder Diplome. Er selbst sei ein schlechter Schüler und Student gewesen, habe aber schon früh über einen guten Geschäftssinn verfügt. Bereits als Zehnjähriger verkaufte er selbst gefangene Fische in der Nachbarschaft. «Entscheidend ist die Praxis.» Kürzlich hat er einen Pizzakurier angestellt, der sagte, er könne gut programmieren. Und? «Er ist top.»

Um den Groove aus Gründerzeiten zu erhalten, lädt Goss die ganze Belegschaft alle zwei Wochen in seine 800-Quadratmeter-Wohnung auf die riesige Terrasse zu Bier und Pizza ein; das Bier brauen die Mitarbeiter gemeinsam auf dem Bürobalkon. Andere Unternehmer sind stets auch willkommen. «Ich kann eigentlich nicht viel», sagt Goss, «aber Netzwerken liegt mir.» Er habe ein gutes Händchen dafür, bei wichtigen Entscheidungen die richtigen Leute beizuziehen.

Bereits hat der Aargauer eine weitere Website lanciert

Aus der Schweiz vermisst Goss drei Dinge: gutes Brot, Patisserie (vor allem Crèmeschnitten) und seine Freunde. In Kalifornien sei es üblich, 100 Kollegen zu haben und vielleicht einen guten Freund. Das sei das Einzige, woran er sich habe gewöhnen müssen.

Abgesehen von seiner geräumigen Wohnung ist Goss bescheiden geblieben. Auch wenn Zeeto Media pro Jahr 45 Millionen umsetzt, erscheint ihm ein Abendessen für 200 Dollar noch immer teuer. Das gesamte Vermögen stecke in der Firma und ihr Wert lasse sich nur schwer beziffern. «Mein Ziel ist nicht, die Firma möglichst teuer zu verkaufen, sondern sie so gut wie möglich aufzustellen.»

Er möchte seine Muster-Idee auch nicht in ­andere Länder exportieren. «Warum auch?» Europa sei viel zu fragmentiert, für jedes Land bräuchte er einen separaten Juristen, eine eigene Sprachversion und Werbestrategie. Der Markt sei in den USA mit gut 300 Mil­lionen Amerikanern gross genug. Mit Samples.com hat Goss kürzlich eine neue Website lanciert, welche die alte Geschäftsidee noch besser umsetzen soll. Die ersten 100 000 Nutzer haben schon angebissen. Und er ist überzeugt: «Das ist erst der Anfang.»

Autor: Monica Müller

Fotograf: René Ruis