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08. Oktober 2012

«Der Mensch muss herausfinden, was er im Leben will»

Vortragsredner Martin Betschart, Experte für Erfolgspsychologie und Motivation, empfiehlt seinem Publikum, wesentliche Fragen des Lebens zu klären und sich täglich damit auseinanderzusetzen, wie man seine Wünsche umsetzen kann.

Martin Betschart
Martin Betschart (49) ist Autor 
von Büchern wie «Ich weiss, wie du tickst» und spricht jährlich vor über 
20'000 Personen. (Bild: zVg.)

Martin Betschart (49) ist Autor von Büchern wie «Ich weiss, wie du tickst» und spricht jährlich vor über 20'000 Personen.

Martin Betschart, Sie gelten als einer der besten Motivationstrainer der Schweiz. Warum?

Mich hat keine staatliche Ausbildung vorwärtsgebracht. Ich habe sehr viel Selbststudium betrieben und viele Seminare besucht. Zudem habe ich diverse psychotherapeutische Ausbildungen absolviert — aus reiner Neugierde, weil ich wissen wollte, wie die Menschen funktionieren. Ich rede in meinen Seminaren nie konzentriert über Motivation; mein Schwerpunkt ist die Erfolgspsychologie. Offenbar habe ich eine motivierende Art.

Was hat Ihnen am meisten geholfen?

Entscheidend war die Begegnung mit den Arbeiten des amerikanischen Hirnforschers Paul MacLean. Damals war ich 20 und verstand plötzlich, wie die Menschen ticken. Dieses Grundverständnis ist entscheidend. Nur ist die Arbeit MacLeans leider noch immer zu wenig bekannt. Schauen Sie nur das staatliche Schulsystem an! Es ist nicht zielorientiert und unbefriedigend.

Wie meinen Sie das?

Ich mache ein Beispiel: Ein Kind schreibt ein Diktat mit 100 Worten. Der Lehrer gibt die Arbeit korrigiert zurück und zeichnet mit rotem Stift an: fünf Fehler. Das ist doch nicht motivierend, denn das Kind hat 95 Wörter richtig geschrieben! Das ist nicht einfach die Schuld des Lehrers. Das System krankt. Hauptaufgabe wäre es, den Lehrern beizubringen, wie sie die Schüler zum Lernen motivieren.

Was braucht es denn, um erfolgreich zu motivieren?

Das Wort Motivation kommt von Motiv oder Beweggrund. Der Mensch muss herausfinden, was er im Leben will. Wenn er einen Wecker braucht, um aufzustehen, ist er kaum motiviert. Das gilt für 80 Prozent der Arbeitnehmer. Schauen Sie nur in die Gesichter frühmorgens auf dem Bahnhof.

Wie soll man sich motivieren?

Genau das wird in der Schule nicht gelehrt. Deshalb kommen so viele Leute in meine Seminare. Ich zeige den Kursteilnehmern, was ihre Fähigkeiten und Talente sind. Der Hauptgrund, weshalb viele Menschen nicht motiviert sind: Sie gehen einem Job nach, der nicht wirklich ihren Fähigkeiten entspricht.

Nur, was kann ein Motivator ausrichten, wenn jemand nicht motiviert ist?

Er kann aufzeigen, wie man vorgehen muss. Sie haben allerdings recht: Die Leute müssen das auch wirklich wollen. Dazu braucht es fünf Kernbereiche: Erstens muss ich wissen, wo, wie und mit wem ich leben möchte. Zweitens muss ich mir klar werden, was ich beruflich machen möchte oder was meine Berufung ist. Drittens müssen die Gesundheit und die Fitness stimmen. Der Körper ist die Hardware, das Denken die Software. Viertens muss ich mir bewusst sein, was ich finanziell, materiell und in der Altersvorsorge will. Und fünftens sollte ich wissen, wer ich als Person sein möchte und was ich anstrebe. Alle reden von Burn-out. Ein Mensch, der weiss, was er will, wird das nie haben.

Ich zeige den Leuten ihre Talente.

Wie motivieren Sie?

Ich habe starke Visionen. Die beflügeln mich. Visionen sind wie Fixsterne. Daraus formuliere ich machbare und motivierende Ziele. Heute geht man davon aus, dass der Mensch täglich 50'000 Gedanken hat. Der Inhalt dieser Gedanken ist entscheidend.

Und wie gehen Sie damit um?

Vor Jahren fragte mich ein Journalist, ob ich in einem Satz sagen könne, was mein Erfolgsgeheimnis ist. Ich sagte ihm, ich könne ihm das in einem einzigen Wort erklären: täglich. Ich muss mich täglich damit beschäftigen, was ich will, wie ich meine Gedanken umsetze.

Wer sind für Sie grosse Schweizer Motivatoren?

Bertrand Piccard ist hoch motiviert bei dem, was er macht. Für Christoph Blocher gilt das gleiche. Roger Federer und andere Spitzensportler würden es nicht schaffen, wenn sie nicht eine hohe Motivation hätten. Triathleten wie Natascha Badmann nehmen in Kauf, dass ihnen nach harten Trainings die Zehennägel ausfallen, nur um auf den Tag X hinzuarbeiten. Genau eine solche Hingabe braucht es eben.

Wer motiviert Sie persönlich?

Ich lasse mich immer wieder inspirieren, auch von Unbekannten. Einmal hatte ich in meinem Seminar einen gut 30-Jährigen, der sagte, er sei Privatier. Er habe mit 20 das Baugeschäft seines Vaters übernommen und sei nun daran, seinen weiteren Berufsweg aufzugleisen. Heute lebt er auf Ibiza und führt eine eigene Firma. Extrem motivierend für mich ist zu sehen, wie das Gelernte die Teilnehmer verändert hat. Das gibt mir Kraft und Energie. Man kann von jedem Menschen lernen — von einigen auch, wie es nicht geht. Leider sind manche lernresistent und viele davon Lehrer. Im Sommer 2013 wird mein nächstes Buch publiziert. Ich werde dabei systemkritisch aufzeigen, was schiefläuft und wie wir dagegen ankämpfen sollten. Letztlich geht es um Freiheit und Unabhängigkeit.

Autor: Reto Wild