Archiv
22. Oktober 2012

«Der Mensch ist für das Bienensterben zumindest mitverantwortlich»

Peter Gallmann, Leiter des Eidgenössischen Zentrums für Bienenforschung in Bern Liebefeld, zu den Fragen und Thesen, die im Film «More than Honey» aufgeworfen werden.

Eine Buchempfehlung sowie die wichtigsten Fakten zum Bienenleben und –sterben: «Das Lied vom Honig»

Peter Gallmann ist Leiter des Eidgenössischen Zentrums für Bienenforschung in Bern Liebefeld.
Peter Gallmann ist Leiter des Eidgenössischen Zentrums für Bienenforschung in Bern Liebefeld.

Peter Gallmann, Markus Imhoofs Film über die Bienen ist auch ein Film über das Bienensterben, dessen Ursache noch immer nicht endgültig geklärt ist. Sind Sie mit seiner Schlussfolgerung, wonach der Mensch verantwortlich ist, einverstanden?

Es gibt verschiedene Ursachen für das Bienensterben — und ja, bei allen ist der Mensch zumindest mitverantwortlich. Markus Imhoof zeigt die Zusammenhänge in faszinierenden und manchmal brutalen Bildern. Er besuchte Schauplätze, die auch wir ihm empfahlen. In nur zwei Generationen hat sich die Situation der Bienen dramatisch verändert — auch das zeigt der Film sehr schön.

Pflanzenschutzmittel sind weniger harmlos als bisher angenommen, vor allem systemische Neonicotinoide gefährden die Bienen. Wie funktionieren sie?

Diese Mittel sind in allen Pflanzenteilen, so auch im Nektar und im Pollen, drin und sind in sehr geringer Konzentration gefährlich für die Bienen.

Sind diese Mittel bei uns nicht verboten?

Zurzeit nicht, aber es gibt wegen der Bienen Anwendungseinschränkungen. Die Zulassung ist in Bearbeitung. Das Problem ist, dass die konventionellen Pflanzenschutzmittel für andere Tiere und für uns Menschen gesundheitlich noch viel problematischer sind.

Die Behörden wägen also ab, welches das kleinere Übel ist?

Ja.

Was wäre das kleinste Übel, das weder den Bienen noch uns Menschen schadet?

In der biologischen Landwirtschaft dürfen keine Pestizide eingesetzt werden. Auch der Welternährungsbericht der Uno kommt zum Schluss, dass nur die Biolandwirtschaft in der Lage ist, die Welt nachhaltig zu ernähren.

In der Schweiz verbreitet ist die einheimische Landrassenbiene. Einige Imker legen Wert darauf, dass diese Bienen reinrassig bleiben. Ist das gut für deren Gesundheit?

Nur ein kleiner Teil der Schweizer Honigbienen gehört zu dieser Rasse. Für einen breiten Genpool sind die Bemühungen der Züchter sehr wichtig, neben der Landrasse auch Carnica, Ligustica und Buckfast zu erhalten. Der Genpool der Bienen ist bereits sehr limitiert, weil die Varroamilbe, die seit gut 25 Jahren wütet, die wild lebenden Honigbienen dahingerafft hat. Bienen überleben heute nur noch, wenn man sie behandelt.

Die Biene ist also abhängig vom Menschen, der für ihre Situation verantwortlich ist?

Ja, denn auch die Varroamilbe, gegen deren Befall die Imker sie zum Beispiel mit Ameisensäure behandeln, ist von den Menschen eingeschleppt worden. Eine Folge der Globalisierung.

Eine letzte Frage: Ist es eigentlich in Ordnung, den Bienen den Honig wegzunehmen?

Junge, idealistische Imker stellen uns diese Frage auch oft. Wir sagen ihnen: Ja, es ist in Ordnung, einen Teil des Honigs zu nehmen, denn die Biene produziert mehr Honig, als sie selber verwenden kann. Ausserdem ist es sogar wichtig, den Waldhonig zu ernten, weil die Bienen von ihm Durchfall bekommen und letztlich auch daran sterben können.

Autor: Esther Banz