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14. November 2016

Der Mann mit den vielen Gesichtern

Olaf Breuning ist bekannt für seine ironischen Kunstwerke – etwa die Food-Smileys auf Instagram. Nun hat der international erfolgreiche Schweizer auch für die Migros ein Motiv kreiert.

Olaf Breuning
Humor prägt sein Schaffen: Olaf Breuning mit seiner Kreation, einem Katzenhaus (Bilder: Kubat Casanova, Olaf Breuning).

Zwei Augen, ein Mund und manchmal auch noch eine Nase – im Suppenteller, auf der Teekanne, unter den Rüst­ab­fällen. Auf Olaf Breunings Instagram-Account blicken einem Gesichter in allen Farben und Formen entgegen: Die meisten davon sind aus Lebensmitteln komponiert. Viele lachen, einige schmollen – lustig sind sie aber alle irgendwie.

Zu Beginn der 2000er-Jahre wurde Olaf Breuning (46) als einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Schweizer Künstler gehandelt. Der Absolvent der Zürcher Hochschule der Künste hat in jungen Jahren so ziemlich alle Preise und Stipendien abgeräumt, die es hierzulande zu holen gibt. Zur Jahr­tausendwende wanderte er in die USA aus. Inzwischen kann er auf 85 Einzel- und 380 Gruppenausstellungen zurückblicken – so etwa im Museum of Modern Art oder im Whitney Museum in New York.

Seine Bilder kosten derzeit zwischen 10 000 und 20 000 Franken. Doch der gebürtige Schaffhauser gibt sich bescheiden und sagt: «Ich hoffe, ich kann noch lange von meiner Kunst leben. Ich wüsste nicht, was ich sonst tun sollte.»

Während über zehn Jahren lebte Olaf Breuning in Downtown Manhattan, ganz in der Nähe von Ground Zero, sozusagen am Puls der Zeit. 2012 hat er sich mit seiner japanischen Frau Makiko ins Grüne nördlich von New York zurückgezogen. Der nächste Nachbar, ein Rentner, lebt rund fünf Kilometer entfernt. «Solange ich Internet habe, spielt es eigentlich keine Rolle, wo ich mich aufhalte», meint Breuning, der von sich sagt, dass er die Welt aufsauge, sie verdaue und anschliessend wieder ausscheide.

Eine Sprache, die alle verstehen

Olaf Breuning verleibt sich alles Mögliche ein: Zu Beginn seiner Karriere bediente er sich im Fundus von Trash- und Horrorfilmen, etwa für die Videoarbeit «Ugly Yelp», in der wirre Gestalten mit Kettensägen durch die Nacht rennen. Für die Serie «Art Freaks» bemalte er die Haut von Models, um sie in Gemälde grosser Meister wie Pablo Picasso, Edvard Munch oder Jackson Pollock zu verwandeln.

Vom Dünkel des Kunstbetriebs hält Breuning wenig. Er möchte keine Kunst für Eliten machen. Lieber bedient er sich gängiger Zeichen und Codes, einer universellen Sprache, die von allen verstanden wird. In den neueren Werken integriert er deshalb Emojis oder Sprechblasen, wie wir sie aus Textnachrichten kennen.

Besonders angetan hat es ihm offensichtlich der Smiley: Auf Instagram hat er bisher über 400 Motive gepostet und damit rund 48 000 Abonnenten gewonnen. «Das einfachste aller Emoticons eignet sich super für Instagram, da die Plattform eigentlich bloss eine ‹Dubelisprache› erlaubt.» Tiefgang haben die Gesichter nicht. «Die Vorstellung, dass die Instagram-Posts dereinst das Einzige sein werden, woran man sich im Zusammenhang mit meiner Kunst erinnert, macht mir Angst.»

Einfach, aber nicht belanglos

Olaf Breuning macht sich gerne lustig – über sich selbst, über die Welt. Sein Humor ist zuweilen bitterböse und tiefschwarz, beispielsweise in seinen Bleistiftzeichnungen. Das Werk mit dem Titel «Yes/No» etwa zeigt einen Mann mit einem «No» im Kopf und einem «Yes» auf dem erigierten Penis. In «Wrong Side» sieht man einen Mann von einem Hochhaus springen – am Boden würde ihn ein Trampolin erwarten, aber leider springt er von der falschen Seite hinunter. Oder die Zeichnung «Allah is Big»: Sie zeigt ein Kamel, dessen Kopf und Höcker unter einer Burka stecken.

Breunings Zeichnungen sind simpel gestaltet, dabei aber alles andere als belanglos: Die Werke beziehen sich auf aktuelle Ereignisse oder gängige Klischees und reflektieren damit das menschliche Dasein oder üben Kritik an der Gesellschaft. Elsy Lahner, die Kuratorin des Wiener Kunstmuseums Albertina, beschreibt es so: «Es scheint, als würde sich Olaf Breuning, anders als bei der Planung seiner Arbeiten im Atelier, beim Zeichnen gänzlich auf das Treiben um ihn herum einlassen und noch viel mehr als sonst aus dem Bauch herausarbeiten und vorwiegend in­tuitiv vor­gehen – einem Seis­mo­grafen gleich, der Bewegungen wahrnimmt und unmittelbar aufzeichnet.»

Da er Kunst für alle machen möchte, versteht es sich von selbst, dass er mit allen möglichen Medien arbeitet. So scheut er sich etwa nicht, seine Zeichnungen auf T-Shirts zu drucken oder Taschen für das Modelabel Bally zu kreieren.

Nun hat Olaf Breuning auch etwas für die Migros entworfen: Kunst für bloss zwei Franken. In den kommenden Wochen wird eine Mehrwegtragetasche aus rezykliertem PET mit einem von Breuning gestalteten Motiv in die Läden kommen. Sie zeigt zwei Gesichter, bestehend aus lauter Süssigkeiten. Auch wenn die beiden etwas verstockt aus ihren Keksaugen blicken: Sie sind eine sympa­thische Syn­these aus Kunst und Kommerz.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Olaf Breuning