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08. Juni 2017

Kurt, der Lokomotivführer der 125-jährigen Brienz-Rothorn-Bahn

Kurt Amacher und seine «Nummer 2» sind derzeit vermehrt im Einsatz: Die Brienz-Rothorn-Bahn feiert ihren 125. Geburtstag. Das Porträt des 53-Jährigen, der bereits sein halbes Leben mit dem historischen Zug zum Rothorn fährt – und der Einblick in ein Leben unter Dampf in animierten Bildern (unten).

Kurt Amacher (links) und Arbeitskollege Bruno Zurbuchen posieren stolz auf der historischen, dampfbetriebenen Zahnradbahn.
Kurt Amacher (links) und Arbeitskollege Bruno Zurbuchen posieren stolz auf der historischen, dampfbetriebenen Zahnradbahn.

Die eigentlich blauen Uniformhosen sind fast so schwarz wie das Hemd. Kohle und Maschinenöl sind die Stoffe, die zum Leben des Kurt Amacher (53) gehören: Er ist Lokomotivführer bei der Brienz-Rothorn-Bahn (BRB). Macht es ihm nichts aus, wenn seine Hände russgefärbt sind? «Nein, die sind genau ein Mal im Jahr weiss: nach meinen Ferien.»

Kurt Amacher ist stolz auf seine Arbeit und auf seine Lokomotiven: «Ich fahre die Nummer 2, die 1891 bei der ‹Schweizerischen Locomotiv & und Maschinen-Fabrik› in Winterthur hergestellt wurde», sagt er. «Unsere Maschinen haben keine Namen, nur Nummern.» Und diese Dampflokomotive 2, eine von neun BRB-Maschinen, wird mit Kohle betrieben.


Das Duo Kurt Amacher und Lokomotive 2 sind in diesen Tagen vermehrt im Einsatz, denn die BRB feiert am 17. Juni ihren 125. Geburtstag. «Ich werde mit der alten Maschine zusätzlich Spezialtouren fahren. Und bei grösserer Nachfrage werden wir nachmittags auch den Würstlizug einsetzen.» Dabei erhitzt die Maschine in einem mitgeführten Kochtopf heisses Wasser, in das Amacher die Würste hineinlegt. Er freut sich schon darauf.

Der Brienzer wollte bereits als Bub Lokführer werden und hat mehr als sein halbes Leben auf einer der bekanntesten Zugstrecken der Schweiz verbracht. Schon sein Grossonkel sei hier gefahren. Am 14. April 1980, das weiss er ganz genau, begann Kurt Amacher dort mit einer Mechanikerlehre seine Berufskarriere. «Nach der Lehre folgte das Militär, und jetzt bin ich ‹gäng no do› – inzwischen ist es meine 38. Saison.»

Von Mai bis Ende Oktober fährt er in der Regel zweimal täglich zum Rothorn – im Winter wartet er seine Nummer 2. Pro Weg verbraucht dieses Schweizer Kulturgut bei einer Leistung von 300 PS rund 1500 bis 1800 Liter Wasser und 250 Kilogramm Kohle aus Polen, was für dunklen Dampf und ein regelmässiges Zischen sorgt.

Kurt Amacher
Kurt Amachers Arbeit besteht zu einem grossen Teil aus der Wartung der «Nummer 2»: Sie beginnt vor der Zugfahrt, damit die Maschine sich behutsam aufwärmen kann.

Kurt Amachers Arbeit besteht zu einem grossen Teil aus der Wartung der «Nr. 2».

Die Züge überwinden auf der einstündigen Reise eine Höhendifferenz von 1678 Metern. «Wir sind keine Gondelbahn: Auf jeder Fahrt sind neben mir als Lokführer ein Heizer und ein Zugbegleiter dabei.» Eine der schönsten Stellen sei Geldried, wo sich die Züge kreuzen. «Und auch die Aussicht zuoberst vom Horu auf Eiger, Mönch und Jungfrau ist wunderschön.»

Mit seiner Faszination für die Bahn und die Region ist Amacher in bester Gesellschaft: Schon Kronprinzessin Mary von England (1903), Revolutionsführer Lenin (1915) und der Ex-US-Präsident Richard Nixon (1980) waren begeistert von der Landschaft und der Brienz-Rothorn-Bahn.

Über 50 Grad im Führerstand
Beim Hochfahren hat Amacher allerdings keine Zeit, die Aussicht auf den türkisblauen Brienzersee zu geniessen. Er muss sich auf die Strecke konzentrieren und schwitzen: Im Sommer kann es im Führerstand über 50 Grad werden, «kuschelig warm», wie er sagt. So müsse er nicht joggen gehen. Besonders gern leitet der Oberländer Heizerworkshops, in denen er erklärt, wie eine Dampflokomotive funktioniert.

Die BRB und Brienz sind sein Leben. «Am liebsten mache ich im Berner Oberland Ferien – in ­Brienz», sagt er mit einem schelmischen Lachen. «Amacher Kurt», wie er sich gern vorstellt, ist dort nicht nur aufgewachsen, er wohnt auch am Brienzersee – zusammen mit Vater und Mutter sowie Bruder Alfred (56), der eine Maurerlehre absolvierte und seither ebenfalls beim selben Betrieb arbeitet. Eine Liebesbeziehung habe Kurt Amacher in seinem Leben «nicht wirklich» gehabt. «Es geht auch ohne.»

Als er zehn Jahre alt war, verbrachte der Bähnler letztmals Ferien ausserhalb von Brienz: Die Familie fuhr nach Reckingen VS. Aber er war auch schon im Ausland: Er reiste mehrmals nach England und ins niederländische Venlo, um die Dampfkessel der Maschinen reparieren zu lassen. «Mich reizt das Ausland nicht. Ich kann ganz gut hier leben.»
Auch in seiner Freizeit ist er in Brienz engagiert: als Präsident der Brienzer Schützen, bei denen schon sein Vater Mitglied war. «Wir sind heimatverbunden und lernen an den Schützenfesten viele Menschen kennen.» Bis Anfang der 1990er-Jahre habe er zusätzlich als Schlagzeuger musiziert – in einer Heavy-Metal-Band. 

Die Aussicht auf den türkisfarbenen Brienzersee
Die Aussicht auf den türkisfarbenen Brienzersee gehört zum Erlebnis einer Brienz-Rothorn-Bahnfahrt

Die Aussicht auf den türkisfarbenen Brienzersee gehört zum Zahnrad-Erlebnis.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Beat Schweizer