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12. März 2012

Der letzte Totengräber von Eschenz

Seit 40 Jahren hebt der Thurgauer Eugen Ullmann in Eschenz Gräber aus. Er ist der Letzte, der dies noch mit Spaten und Schaufel tut. Hört er eines Tages auf, übernehmen diese Arbeit Baggerschaufeln. Aber ans Aufhören denkt der 76-Jährige noch lange nicht.

Das Grab seiner Mutter Theres hat Eugen Ullmann von einem Stellvertreter ausheben lassen. Selbst Hand anzulegen, wäre ihm zu schwer gefallen.

Auf dem kleinen Friedhof von Eschenz TG am Bodensee fühlt sich Eugen Ullmann (76) zu Hause. Fast zu jedem Bestatteten kennt er eine Geschichte, hat als Totengräber den ganzen Friedhof rund um die katholische Kirche mindestens einmal umgegraben.

Seit vier Jahrzehnten ist er Totengräber in dem 1700-Seelen-Dorf. In dieser Zeit hat er die letzte Ruhestätte von rund 600 Verstorbenen vorbereitet — gut 150 Zentimeter tief unter der Erdoberfläche. Dafür benötigt er jeweils gegen sechs Stunden. Kommt es zu einem Schwatz mit einem Friedhofsbesucher, kann es auch länger dauern. «Ich mache alles von Hand — mit Schaufel, Spaten und Bickel. Mehr habe ich nicht», sagt Ullmann und schaut auf seine kräftigen Hände. In Eschenz beerdigt er die Katholiken — die reformierten Eschenzer liegen auf dem Friedhof Burg in der Nachbargemeinde Stein am Rhein SH. «Aber alle haben den gleichen Herrgott», findet er. Mindestens einmal pro Woche geht der letzte Totengräber von Eschenz – ein Nachfolger ist nicht in Sicht – zum Dorffriedhof und schaut nach dem Rechten. Und er hält stets in der zweiten Grabreihe inne: Dort ruht seine Mutter Theres Ullmann-Mathis. Sie lebte von 1908 bis 2006. Eugen Ullmann ist stolz. Die Grabsteine sind alle in Reih und Glied ausgerichtet und bilden trotz unterschiedlichen Materialien und Farben eine schnurgerade Linie. Dafür habe er sich persönlich eingesetzt.

Wenn ich die Verstorbenen kenne, ist es für mich nicht einfach, die Gräber vorzubereiten.

Ullmann ist nach dem Pfarrer und dem Doktor der bekannteste Eschenzer. 1971, als er für die Gemeinde als Strassenmeister angestellt war, habe ihm der Gemeindeammann eines Tages gesagt: «Eugen, muesch helfe iisarge.» Der kräftige Eugen Ullmann hatte vorher schon Särge vom Wohnhaus der Verstorbenen zum Friedhof mitgetragen und fühlte sich verpflichtet. Ausgerechnet er: Zwei Monate nach seiner Hochzeit wurde bei seiner ersten Frau ein Gehirntumor diagnostiziert, 1967 starb sein Vater, dann seine Frau. 1999 hörte das Herz seines Neffen auf zu schlagen, ein Jahr später das seines Bruders. Nach einem tiefen Seufzer sagt Eugen Ullmann: «Wenn ich die Verstorbenen kenne, ist es für mich nicht einfach, die Gräber vorzubereiten. Bei meiner Mutter und bei meiner Frau hat sich ein Stellvertreter um die Bestattung gekümmert.»

Um mit Trauer und tragischen Todesfällen besser umgehen zu können, spricht der rüstige Thurgauer manchmal mit seiner zweiten Frau Elsbeth (56). Er lernte sie kennen, als er als Witwer und damals dreifacher Vater via Inserat eine Haushaltshilfe suchte. Heute ist Ullmann stolzer Vater von vier Töchtern und einem Sohn sowie Opa von acht Enkelkindern.

Wenn am Grab von Verstorbenen übers Erbe gestritten wird

«Verunglücken kleine Kinder tödlich, macht mir das besonders zu schaffen», sagt Ullmann. Einmal musste er an einen Unfallort und sah den blonden Schopf eines Buben. Ihm stand der Atem still, weil er auf den ersten Blick glaubte, das tote Kind sei sein eigener Sohn. Als er einen toten Mann im Wald holen musste, der einen Herzschlag erlitten hatte, erkannte er in ihm einen Sängerkollegen aus dem Männerchor. «Mit dieser Trauer muss ich leben. Psychologische Hilfe habe ich deswegen noch nie in Anspruch genommen. Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und verliere keine Zeit, stundenlang über die Schicksalsschläge nachzudenken», sagt er mit sicherer Stimme. Tatsächlich ist der Rentner viel beschäftigt — seit 57 Jahren im Männerchor und als Vizepräsident und amtierender Meisterschütze der Schützengesellschaft Eschenz. Zahlreiche Pokale im Gang seines kleinen Einfamilienhauses zeugen vom Erfolg.

Die Grabsteine auf dem kleinen Friedhof im thurgauischen Eschenz bilden eine schnurgerade Linie. Darauf ist Eugen Ullmann stolz.
Die Grabsteine auf dem kleinen Friedhof im thurgauischen Eschenz bilden eine schnurgerade Linie. Darauf ist Eugen Ullmann stolz.

Zu seiner Arbeit als Totengräber gehört, Leichen zu bergen und sie dann mit Schwamm und Desinfektionsmittel zu waschen und «schö z richte». Er erinnert sich noch genau an seine erste Beerdigung: «Am 1. Mai 1971 begruben wir einen Italiener. Der stämmige Mann war so schwer, dass wir den Sarg zu sechst tragen mussten.» Ullmann erlebte, wie am Grab von Verstorbenen übers Erbe gestritten wurde, wie ein serbisch-orthodoxer Pfarrer in Stein am Rhein Wein über den Sarg schüttete, wie eine Muslima mit sieben Seidenröcken in den Sarg gelegt wurde oder wie ein Zigeuner alle anwesenden Eschenzer zum Leichenmahl einlud, weil Ullmann den Verstorbenen so schön hergerichtet hatte.

Er übe seine Aufgabe mit Leib und Seele aus. Und so lange er gesund sei, höre er damit nicht auf. Für Eugen Ullmann ist heute schon klar: «Meine Familie weiss, dass der Papi einst auf dem Friedhof von Eschenz beerdigt werden möchte.» Eine Erdbestattung soll es sein. «Nur schon wegen meines Berufs.»

Autor: Reto Wild

Fotograf: Daniel Ammann