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15. September 2016

Der Krieg in Syrien

Der in der Schweiz lebende Ashti Amir erklärt die aktuelle Lage, die Interessen und Konflikte der Kriegsparteien und wagt einen Blick in die Zukunft. Was kann die Schweiz tun? Dazu im Porträt: «Ein Vater sucht seine IS-Söhne.»

Ashti Amir
Ashti Amir, 1965 in Aleppo geboren, kam 1999 als politischer Flüchtling in die Schweiz. Der studierte Politologe arbeitet im Flüchtlingswesen. (Bild: Flüchtlingshilfe)

Ashti Amir, 1965 in Aleppo geboren, kam 1999 als politischer Flüchtling in die Schweiz. Der studierte Politologe arbeitet im Flüchtlingswesen, ist stellvertretender Leiter eines Durchgangsheims für Asylsuchende im Kanton Bern. Er führt zudem das Hilfswerk SyriAid, das Hilfslieferungen nach Nordsyrien organisiert. Er reist trotz des Krieges selber regelmässig in sein Heimatland, zum letzten Mal Ende 2015.

Ashti Amir, seit fünf Jahren tobt in Syrien der Krieg. Es sind so viele Parteien beteiligt, dass es schwierig ist, den Überblick zu behalten. Was passiert im Moment?
Heftige Kämpfe finden im Moment vor allem in Nordsyrien, in der Nähe der türkischen Grenze, statt. Die kurdischen Milizen, denen sich auch Araber angeschlossen haben und die sich nun die Demokratischen Kräfte Syriens nennen, haben die Gebiete vom Osten her bis zum Euphrat vom IS zurückerobert und sind gar bis auf die andere Seite des Flusses vorgedrungen. Auch im Nordwestzipfel des Landes, in Aleppo (siehe Karte), sind die Kurden.
Zwischen diesen beiden Gebieten wird im Moment heftig gekämpft: Türkische Truppen sind nach Syrien vorgestossen, weil sie unbedingt verhindern wollen, dass die Kurden eine Brücke zwischen den beiden Gebieten schlagen können. Islamisten, wie der IS und die Muslimbrüder, kämpfen gegen die Kurden und gegeneinander. Verschiedene Rebellengruppen und die Regierungstruppen von Präsident Assad kämpfen zudem um Aleppo.

Es wird im Norden auch täglich bombardiert.
Die Menschen wissen: Die Bomben kommen von oben. Oft ist aber nicht klar, wer genau sie nun abgeworfen hat. Assad bombardiert, die Russen helfen ihm dabei. Die Türken fliegen offiziell die Islamisten an, inoffiziell schiessen sie gegen die Kurden, die Amerikaner unterstützen dagegen die kurdisch-arabischen Bodentruppen.

Die Menschen wissen: Die Bomben kommen von oben.

Haben Sie bei Kriegsausbruch damit gerechnet, dass der Krieg so lange dauert?
Für uns Syrer war immer klar: Irgendwann erhebt sich das Volk gegen den Diktator Assad. Es schwelte schon lange im Untergrund. Assad und seine vier voneinander unabhängigen Geheimdienste übten Gewalt auf das Volk aus, stützten die mafiosen Strukturen und sorgen für viel Ungerechtigkeit. Es waren Frauen, die im Zuge des arabischen Frühlings 2011 als Erstes auf der Strasse demonstrierten. Man dachte, gegen Frauen wird Assad nicht so heftig vorgehen wie 1980 gegen die Muslimbrüder und 2004 gegen die Kurden. Bei den Aufständen von damals gab es Tausende von Toten.
Als dann kurz darauf Jugendliche in den Kerkern der Geheimdienste verschwanden, die Anti-Assad-Sprüche auf Wände sprayten, war plötzlich das ganze Land in Aufruhr. Ich rechnete mit Kämpfen und dachte, dass es sicher zwei Jahre ginge, bis sich die Situation wieder beruhigt. Dass es nun schon fünf Jahre sind und sich unzählige syrische und internationale Parteien am Krieg beteiligen, war nicht absehbar.

Wie konnte es so weit kommen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass Assad zusammen mit den Islamisten ein abgekartetes Spiel spielte: Sie schürten gezielt ethnische und religiöse Konflikte in Syrien, wo seit jeher Sunniten, Schiiten, Christen, Drusen, Araber, Kurden, Ismailiten, Yesiden und Alawiten, die Glaubensrichtung von Assad, leben. Assad hat zu diesem Zweck auch Hunderte von Islamisten aus seinen Gefängnissen entlassen. So wurde die Gesellschaft vergiftet. Als die Islamisten und Assad ihre Anhänger bewaffneten, war es für die Gemässigten unmöglich, friedlich weiter zu demonstrieren. Auch sie mussten sich bewaffnen. Zudem hat die internationale Gemeinschaft versagt.

Inwiefern?
Die syrische Verwaltung hat sich aus Gebieten und Städten wie Rakka oder Aleppo zurückgezogen. Dort gab es ein Machtvakuum, das die Islamisten füllten. Die internationale Gemeinschaft hätte früh eingreifen müssen, in Gebieten, wo niemand mehr das Gewaltmonopol ausübte, für die Sicherheit und das Überleben der Bürger garantieren müssen. Man hat Millionen von Syrern im Stich gelassen. Extremisten konnten wüten. Bürger, die sich dagegen wehrten, bekamen keine Unterstützung. Sie starben zu Tausenden. Überlebende ernährten sich von Gras. Im Moment hungern auch Leute in gewissen Quartieren von Aleppo.

Die aktuelle Lage auf der Syrien-Karte
Die aktuelle Lage auf der Syrien-Karte

Die aktuelle Lage auf der Syrien-Karte (JPG, 1280 px breit, dpa/Keystone)

Wie stark ist der sogenannte Islamische Staat (IS) in Syrien noch?
Seine politische Rolle ist am Ende. Das heisst aber nicht, dass es in Syrien keine islamistischen Terroristen mehr hat. Es gibt Anzeichen dafür, dass Radikale sich bereits zu einer Nachfolgeorganisation zusammenschliessen. Die Al-Nusra-Front, nicht weniger gewalttätig als der IS, hat in den letzten Wochen den Namen gewechselt und nennt sich nun Fateh-al-Sham-Front. Es scheint, als würden sich die Extremisten vereinen, um politisch wieder mehr Einfluss zu bekommen.

Im Moment wird auch über die Teilung des Landes in mindestens vier Gebiete gesprochen

Haben Sie noch Hoffnung auf Frieden?
Hoffnung ist ein grosses Wort. Doch wurde bisher jeder Krieg im 20. Jahrhundert durch politische Verhandlungen irgendwann beendet. Es finden ständig Gespräche statt, informelle. Nebst den von den USA und Russen initiierten Gesprächen hin zur beschlossenen Waffenruhe vom 9. September wird im Moment auch über die Teilung des Landes in mindestens vier Gebiete gesprochen: Assad erhält das Gebiet von Aleppo bis Damaskus. Die Muslimbrüder und ihre islamistischen Gesinnungsgenossen den Südosten, die Kurden den Nordosten, und ein kleiner Teil im Norden soll an die Türkei gehen.

Syrien wird es in der Form also nicht mehr geben.
Natürlich wird auch intensiv darüber diskutiert, wie man das Land zusammenhalten könnte, zumindest unter uns Exilsyrern. Wir wollen nicht, dass es zu einer Teilung kommt. Aber wir haben wenig zu sagen: Das Dossier ist längst nicht mehr in den Händen der Syrer. Am Tisch sitzen ausländische Parteien: Amerikaner, Russen, Türken, Saudis und so weiter. Viele Exilsyrer finden, dass Syrien als säkularer Staat weiterexistieren soll mit einer modernen Justiz und einem Verwaltungsapparat, der für Gerechtigkeit sorgt. Dass in Gebieten Syriens die Scharia eingeführt werden soll, finde ich inakzeptabel.

Wie kann die Schweiz als Land, wie können Schweizerinnen und Schweizer helfen?
Viele dieser Gespräche finden in der Schweiz statt. Die Schweiz nimmt hier ihre Gastgeberrolle wahr. Die Schweiz sollte allerdings unbedingt dafür sorgen, dass die Syrer, die hier sind, sinnvoll integriert werden. Dazu gehört zum Beispiel, dass Studenten hier viel schneller weiterstudieren können und Studierte rascher hier arbeiten dürfen. Dies sind unter anderem Leute, die mit Geld und Know-how dafür sorgen werden, dass Syrien wiederaufgebaut wird. Der Friedensprozess braucht mutige Menschen. Und Menschen, die diesen Mut aufbringen, sollten auch in der Schweiz gestärkt werden.

Autor: Erika Burri