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02. Dezember 2013

Der kopflose Yoda

Eine kleine Ewigkeit, und doch ist mir, als wärs gestern gewesen: In einer Betrachtung über problematische Kleinteile bezeichnete ich hier am 19. Dezember 2005 das Mobiltelefönchen des Playmobil-Kranführers als ärgerlichste aller ärgerlichen Winzigkeiten – vom Staubsauger eingesaugt, eh man sichs versieht. «Ist es möglich», fragte ich, «dass in den Erfinderabteilungen der Spielzeughersteller Sadisten sitzen? Kinderlose, doppelverdienende Fieslinge mit Viertagebart stelle ich mir vor, die spätabends beim Champagnerdinner ihren superblonden Supermodels zuraunen: ‹Schau mir in die Augen, Kleines! Heut hab ich etwas total Gemeines entworfen: ein Kranführermobiltelefönchen …›»

Eines Tages werden Sie darüber lachen.

Wie ich sie verwünschte, diese Typen! «Ins Gefängnis!», pflegte ich auszurufen. (Worauf die Kinder mich sanft darauf hinwiesen, dass in meinem Verlies gar kein Platz mehr sei, ich hätte doch wegen des zu kleinen Putzschranks schon unseren Architekten eingesperrt, plus den Designer, der die verspiegelte Front des Backofens ersonnen habe …) «Ins Gefängnis!» Es war die Verzweiflung eines Desperate Househusband, der dauernd den Staubsaugersack aufschneiden musste, um Barbie-Schuhe und farblose Lego-«Rundumeli» zu befreien, so klein, dass sie mit blossem Auge kaum zu sehen sind – Leserinnen und Leser, die damals schon Kinder im Lego-fähigen Alter hatten, erinnern sich. Denjenigen aber, deren Knirpse erst jetzt in dem Alter sind, wollen wir an diesem vorweihnachtlich feierlichen Tag sagen: Gemach, alles wird gut! Und sollten Sie gerade heute über ein eingesaugtes Teilchen geflucht haben: Es kommt der Tag, da Sie darüber lachen werden.

«Eines Tages werden Sie darüber lachen.»
«Eines Tages werden Sie darüber lachen.»

Grosse Räumungsaktion, letzthin, im Zimmer unseres Sohnes. Wir sichten und sortieren Spielsachen, für die Hans nun zu gross ist, stecken zusammen, was zusammengehört, setzen skalpierten Indianern ihre Frisur wieder auf, entstauben den Playmobil-Ladekran und suchen dessen Zubehör. Da fällt es mir wieder ein: das Handy des Kranführers, millimeterklein, schwarz und leicht zu übersehen. Könnte ein Dreckkrümel sein, ein Staubkorn. Bestimmt seit Jahren verschollen. Wir komplettieren zwecks Verstauens im Keller das Frachtschiff, finden Getreidesäcke und Container, setzen dem Kapitän seine Mütze auf – und drücken ihm sein Handy in die Hand, ein grünes. Und dann geschieht das kleine Wunder: Auch dasjenige des Kranführers taucht auf. Beide Telefönchen noch da! «Vati, hier ist noch eines!», triumphiert Hans plötzlich und reicht mir ein drittes – wo wir doch nur zwei davon besassen! Ist das möglich?! Und wozu habe ich mich so aufgeregt, früher? (Das überzählige geben wir ab, Anfragen unter Chiffre «Kranführermobiltelefönchen».)

Beschwingt staubsauge ich anderntags. Kann ja nichts mehr passieren … Und was passiert? Die wichtigste Star Wars-Figur überhaupt, der kleine alte Yoda, gerät mir ins Rohr. Das Lego-Figürchen hatte in Hans’ Zimmer einen Ehrenplatz inne. Also doch das alte Lied: Staubsaugersack aufschlitzen, den Dreck und die Scherben der letzten Wochen ausleeren – Riesensauerei. Klein Yoda kommt wieder zum Vorschein, sein Kopf aber bleibt verschollen. Wie erkläre ich das dem Hans? Er mag dem Kinderspiel entwachsen sein, Star Wars ist noch immer das Grösste. Doch er raunt, mit dem Unheil konfrontiert, nur: «Ach, der? Sieht ohne Kopf doch irgendwie noch gespenstischer aus. Cool!» Sehen Sie? Es wird alles gut.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli