Archiv
26. Mai 2014

Der Kampf ums Gleichgewicht

Dina Burger galt einst als Nachwuchshoffnung im Boxen. Im Ring steht sie schon lange nicht mehr, kämpfen tut sie noch immer – um einen Halt im Leben. Lesen Sie rechts, wie das Migros-Magazin Dina Burger vor zehn Jahren porträtierte.

Dina Burger 
versucht nach
 ihrer Boxkarriere, 
wieder Tritt im 
Leben zu fassen.
Dina Burger 
versucht nach
 ihrer Boxkarriere, 
wieder Tritt im 
Leben zu fassen.

Die Geschichte war gut: Ein schlaksiges Mädchen mit grossen blauen Augen und langen blonden Haaren möchte Profiboxerin werden. Sie ist 16 Jahre alt und Schweizer Meisterin im Federgewicht. Im Migros-Magazin erzählt Dina Burger, Boxen fasziniere sie, weil Kämpfen einfach genial sei. Und im Schweizer Fernsehen vergleicht man den Teenager mit dem Million Dollar Baby aus dem gleichnamigen Boxfilm. Heute, zehn Jahre später, möchte Dina Burger nicht mehr übers Boxen, über die Vergangenheit, reden. Trotzdem erklärt sie sich zu einem Gespräch bereit.

Ein kräftiger Händedruck und ein sympathisches Lachen. Die junge Frau spricht ein schnelles Berndeutsch, redet zu Beginn nur über die Vergangenheit und macht sogar Witze über den einstigen Hype um ihre Person. Angesprochen auf ihre platinblonde Kurzhaarfrisur, meint die 26-Jährige mit einem Augenzwinkern: «Wahrscheinlich fehlt mir die Aufmerksamkeit. Jetzt bleiben mir nur noch die Haare, um aufzufallen.»

Nach 72 Kämpfen, 59 davon gewonnen, hat Dina Burger die Boxhandschuhe vor acht Jahren hingeschmissen. Sie war damals 18 und wurde im Jahr zuvor Zweite an der Amateur-WM hinter der Russin Jelena Karpatschewa. Eine starke Leistung. Für Dina Burger jedoch ein Knick in ihrer steilen Karriere. Also steigerte sie ihr Trainingspensum: «Ich absolvierte bis zu 18 Einheiten pro Woche, 5 Stunden täglich, und forderte immer mehr von mir.» Weder der Trainer noch ihre Mutter konnten sie aufhalten. Nach zwei weiteren Niederlagen gegen Jelena Karpatschewa war Dina Burger am Ende.

Sie weinte viel in dieser Zeit. War das Boxen fünf Jahre ihr Lebensinhalt, war ihr der Gedanke ans Training plötzlich unerträglich. Im Rückblick weiss sie, dass sie nicht nur an ihren Ansprüchen zerbrochen war, sondern dass dahinter ein anderes Problem steckte.

«Ich habe nur mit dem Boxen angefangen, weil ich mich plagen und auf keinen Fall dicker werden wollte. Zeitweise wog ich 49 Kilogramm bei einer Grösse von 172 Zentimetern.» Dina Burger erzählt von Masochismus und Magersucht so gnadenlos offen, dass man das Gefühl hat, sie wolle sich mit ihren selbstkritischen Worten einmal mehr strafen.

Das Essproblem hat Dina Burger inzwischen im Griff, ihr Leben jedoch ist noch immer etwas aus dem Gleichgewicht. Nach Jahren ohne Sport wollte sie 2013 am Gigathlon teilnehmen, setzte sich aber so unter Druck, dass sie das Projekt abbrach: «Ich falle immer wieder von einem Extrem ins andere.» Manchmal könne sie kaum ruhig sitzen, dann wieder komme sie tagelang nicht aus dem Bett. Dabei sehne sie sich doch nach Ausgeglichenheit und Normalität, zu der auch ein Freund gehören würde.

«Ich habe Probleme, die andere in meinem Alter hinter sich haben»

Während viele junge Erwachsene mit der Ausbildung hadern, hat Dina Burger ihr Studium der Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Jugendarbeit wie nebenbei absolviert. Sie will aber vorerst nicht auf ihrem Beruf arbeiten: «Jugendliche brauchen Halt. Den kann ich nicht bieten, weil ich selber nicht weiss, was ich will.» Alles wegen des Boxens? «Der Sport trägt keine Schuld, es ist die Art, wie ich ihn betrieben habe.» Das habe ihre Entwicklung, um Jahre verzögert: «Ich sah lange wie ein Knabe aus.»

Heute mache sich der Rückstand nur noch psychisch bemerkbar: «Ich habe Probleme, die andere in meinem Alter längst hinter sich haben.» Typische Teenagerprobleme eben, wie Unausgeglichenheit und Orientierungslosigkeit. Ihrer Vergangenheit als Kampfsportlerin kann Dina Burger trotzdem etwas Positives abringen: «Ich werde sicher nie ein Opfer.» Sie könne sehr selbstsicher auftreten – und notfalls dreinschlagen.

Lieber aktiv als defensiv geht Dina Burger auch ihre Zukunft an: «Ich ziehe demnächst nach Berlin. Dort ist es weniger eng, und man kann auch ein wenig durchgeknallt sein», sagt sie – und lacht.

Autor: Andrea Freiermuth