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03. Januar 2012

Der Kampf gegen Pfunde und schräge Blicke

Dicke Menschen haben es oft doppelt schwer: Einerseits werden sie wegen ihres Äusseren diskriminiert, andererseits kämpfen sie oft mit den körperlichen Folgen ihres Übergewichts. Das halten viele nur mit gesundem Selbstvertrauen aus.

Isabelle Schilt (40)
Isabelle Schilt (40): «Übergewicht ist mein einziges Problem im Leben. Was ist das schon?»

Die Welt wird dicker. Laut einer in der medizinischen Fachzeitschrift «Lancet» veröffentlichten Studie mit Daten aus 199 Ländern sind inzwischen anderthalb Milliarden Menschen übergewichtig; 205 Millionen Männer (9,8 Prozent) und 297 Millionen Frauen (13,8 Prozent) gelten gar als fettleibig. Die meisten Übergewichtigen der Industriestaaten leben in den USA (68 Prozent), am wenigsten leben in Japan (25 Prozent). Und auch etwa 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer gelten als zu dick (1992 waren es erst 30 Prozent). Laut einer neuen Studie des Bundesamts für Gesundheit leiden vier Prozent der Bevölkerung an Essstörungen, dazu zählen auch unkontrollierbare Fressattacken. Das ist die eine Seite. Die andere Seite: Die Dicken selbst fühlen sich mehr und mehr wie Aussätzige. Oder wie es die Schweizer Autorin Susann Sitzler in ihrem Buch «Bauchgefühle» formuliert: «Ein Mensch hat heute in jedem Fall schlank zu sein. Dicksein ist unerwünscht. Der schlanke Körper ist gesundheitspolitisches Ziel und kulturelle Norm zugleich.»

Diskriminierung und Vorurteile wegen Übergewicht

Der Druck ist so gross, dass viele Menschen, vor allem Frauen, selbst dann abnehmen wollen, wenn sie gar kein Übergewicht haben. Wer der Norm allerdings allzu offensichtlich nicht entspricht, wird oft schief angesehen, muss sich Kommentare anhören, wird gar angespuckt oder bei der Beförderung übergangen. US-Studien zeigen, dass stark übergewichtige Menschen – insbesondere Frauen – ihr Leben lang weniger verdienen und geringere Karrierechancen haben als Normalgewichtige. Das Vorurteil, Dicke seien faul, undiszipliniert und auch ein bisschen doof, hält sich hartnäckig.

In den USA gibt es seit einigen Jahren eine Gegenbewegung, das «fat acceptance movement» oder kurz: «fat pride». Übergewichtige also, die sich der kulturellen Norm widersetzen, dem ewigen Diätendruck abschwören und stolz sind auf ihre Pfunde. Die «Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung» in Deutschland kämpft für eine bessere Behandlung von Dicken.

In der Schweiz gibt es solche Ansätze erst zaghaft. Die Website rundnaund.ch geht in diese Richtung. Sie versteht sich als Plattform für dicke Menschen, über die Kontakte geknüpft werden können – alle zwei Monate gibt es einen Stammtisch, wo man sich auch persönlich trifft. Ums Abnehmen geht es dabei nicht.

Heinrich von Grünigen (70), Leiter der Schweizerischen Adipositas-Stiftung und selbst übergewichtig, steht der Bewegung mit gemischten Gefühlen gegenüber. «Grundsätzlich ist ein höheres Selbstwertgefühl gut. Das Gefährliche an Übergewicht sind aber die gesundheitlichen Probleme, die grösser werden, je älter man wird.» Stark übergewichtige Menschen tragen ein erhöhtes Risiko für diverse Krankheiten. «In jungen Jahren merkt man davon noch nichts. Aber später bereut man möglicherweise, dass man sein Gewicht nicht rechtzeitig reduziert hat.»

Von Grünigen sieht die «fat pride»-Bewegung auch als Schutzmechanismus: «Es hilft, sich als Teil einer Gruppe zu fühlen, die das Problem offensiv angeht. Das spendet Trost.»

Abnehmen ist einfach, das Gewicht halten jedoch nicht

Von Grünigen weiss, dass es schwierig ist, Pfunde loszuwerden. «Abnehmen ist leicht, das Gewicht zu halten, ist das Problem.» Die Rückfallquote liegt bei 85 Prozent, erfolgreicher sind operative Eingriffe. «Das Wichtigste wäre, dafür zu sorgen, dass Übergewicht gar nicht erst entsteht.»

Leichter gesagt als getan. Insbesondere, wenn man der These des Übergewichtsexperten Gary Egger folgt, die er in «Planet Obesity» formuliert. Danach ist Adipositas «ein Kollateralschaden der Moderne». Fettleibigkeit sei «die natürliche Reaktion des menschlichen Immunsystems auf den modernen Lifestyle». Nur eine Abkehr vom Mythos des permanenten Wachstums könne Erleichterung bringen. «Treffender kann man es kaum sagen», meint auch von Grünigen.

Isabelle Schilt (40), stellvertretende Filialleiterin, Bözen AG, 110 Kilogramm

«Ich hatte eine tolle Kindheit und auch nie Probleme mit meinen Klassenkameraden. Mobbing habe ich trotz Übergewicht nie erlebt. Das hat sicher geholfen, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Seit ich mich erinnern kann, habe ich zu viele Kilos, aber ich habe mich damit arrangiert. Klar, wäre ich lieber schlank, aber ich bin jetzt nun mal so und habe das akzeptiert. Und Übergewicht ist mein einziges Problem im Leben – was ist das schon?

Auch ich habe schon Diäten ausprobiert, aber am Ende ist das mit all den Mittelchen, Drinks und Kuren doch nur Geldmacherei. Da mache ich nicht mit. Wobei ich natürlich schon darauf achte, was ich esse. Aber: Ich esse gern, ich esse falsch, und ich mache keinen Sport. Mir fehlt wohl der Leidensdruck, um daran etwas zu ändern. Oft komme ich erst abends richtig zum Essen, und das setzt halt an. Genauso wie das Naschen zwischendurch. Den einzigen Grund zum ernsthaften Abnehmen hätte ich, wenn gesundheitliche Probleme aufträten, aber davon bin ich bis jetzt verschont. Ob ich die Disziplin aufbrächte, weiss ich nicht. Diskriminierung erlebe ich nicht. Vielleicht gibts mal Blicke im Bus, aber das ist mir egal. Ich hatte auch nie Probleme, einen guten Job zu finden – oder einen Partner. Mein jetziger Partner ist auch übergewichtig. Genauso wie meine drei besten Freundinnen. Wir sind die ‹Golden Girls› – ein Spitzname, den die Mutter einer jener Freundinnen uns mal verpasst hat. Wir sind schon zusammen zur Schule gegangen und unternehmen viel gemeinsam. Über die Gewichtsprobleme können wir nur lachen, wir habens lustig und essen gerne. Wenn wir uns treffen, lautet das Motto: Hau rein!»

Annick Erika Ruedi (36), Marketingleiterin, Zürich,  155 Kilogramm

Einst wog Annick Erika Ruedi 155 kg (Bild). Dank einer Operation verlor sie 44 Kilogramm.
Einst wog Annick Erika Ruedi 155 kg (Bild). Dank einer Operation verlor sie 44 Kilogramm.

«Meine Familie hatte schon immer mit dem Gewicht zu kämpfen, daher wurde auch ich bereits früh auf Diät gesetzt. Mit dem unkontrollierten Essen richtig los ging es jedoch erst, als ich 19 war und nach einem schweren Familienkonflikt ausziehen musste. Immer wenns mir schlecht ging, ass ich – das gab mir ein gutes Gefühl. Zwar nahm ich sehr stark zu, ich konnte mich aber nicht bremsen. Ein Jahr später wog ich bereits über 100 Kilogramm. Natürlich habe ich immer mal versucht, Gewicht zu reduzieren, aber danach regelmässig wieder zugelegt. Es dauerte rund zehn Jahre, bis der familiäre Konflikt verdaut war und mein Gewicht sich stabilisierte. Das Frustessen hörte auf, das Bedürfnis zu essen jedoch blieb. Ohne rigorose Disziplin ist es unglaublich schwierig, von diesem ‹Suchtverhalten› wegzukommen.

Mein Wunschgewicht sind 70 Kilo

Aus gesundheitlichen und ästhetischen Gründen habe ich mich nun für eine Magenbypass-Operation entschieden und den überschüssigen Pfunden den Kampf angesagt. Das Magenvolumen wird dabei stark verkleinert, mit der Folge, dass ich nur kleine Mengen zu mir nehmen kann, weil mir sonst schlecht wird. Mein Wunschgewicht von 70 Kilo zu erreichen, ist sehr ambitioniert, aber mit ausgewogener Ernährung und viel Bewegung hoffentlich möglich.

So wie es jetzt ist, zieht das Leben in gewisser Hinsicht an mir vorbei. Ich halte mich in vielen Dingen zurück, denn ich befürchte immer, dass das Erste, was die Leute von mir wahrnehmen, mein Übergewicht ist. Das wirkt sich auch auf mein Berufsleben aus. Hinsichtlich Beziehungen bin ich in einer Zwickmühle: Ich kann niemanden akzeptieren, der mich so nimmt, wie ich bin, weil ich mich selbst mit dieser Figur nicht akzeptieren kann. Wenn ich angemacht werde, denke ich immer: Jesses, was findet der an mir?

Ich schätze, ich bin viel weniger mit Diskriminierungen konfrontiert als andere, weil ich mich modisch kleide und style. Daher hatte ich auch nie Schwierigkeiten, einen Job zu finden. In öffentlichen Verkehrsmitteln oder im Kino kriege natürlich auch ich die Blicke zu spüren – ich nehme halt mehr Platz weg als andere. Und ich fühle mich dann immer sehr unwohl. Ab und zu gibts auch Kommentare, beispielsweise wenn ich ausgehe. Oder von Kindern auf der Strasse: Läck, isch diä dick! Ich versuche das so gut wie möglich zu ignorieren – und freue mich auf die bevorstehende Operation und die vielen Möglichkeiten, die sich mir eröffnen werden!

Ich gönne es allen, die sich mit Übergewicht in ihrer Haut wohlfühlen, deshalb finde ich auch die «fat pride»-Bewegung in den USA toll. Ich kenne dort Frauen, die gehen an spezielle Partys und zeigen stolz ihre Körperfülle. Das ist prima, aber ich bin nicht der Typ dafür.»

Daniel Hess (54), Gründer und Geschäftsführer  einer Versicherungsagentur, 
Oberembrach ZH,   132 Kilogramm

Daniel Hess wurde wegen seines Übergewichts nicht befördert. Heute ist er selbständig und erfolgreich.
Daniel Hess wurde wegen seines Übergewichts nicht befördert. Heute ist er selbständig und erfolgreich.

«Angefangen hat es mit 13 in einem Klassenlager, als einer der Leiter fand, ich esse zu viel. Ich landete beim schulpsychologischen Dienst, und der verdonnerte mich zu einer vierwöchigen Null-Kalorien-Diät. Man steckte mich in ein abgelegenes Zimmer im Kinderspital. Zwar verlor ich 20 Kilo, aber der Boden für meine Übergewichtskarriere war gelegt.

Hätte man das damals nicht getan, hätte ich heute dieses Problem nicht, davon bin ich überzeugt. Der Jo-Jo-Effekt sorgte dafür, dass das Gewicht bald wieder so war wie vorher. Obwohl ich mich nur mit 1000 Kalorien pro Tag ernährte, konnte ich zusehen, wie ich wieder zunahm. Das war sehr frustrierend.

Mit 29 wanderte ich in die USA aus, dort nahm ich stetig zu, bis ich 1989 165 Kilogramm wog. Ein Beinahe-Herzinfarkt trieb mich dann in einen Fitnessclub; das Ganze war an ein Diätprogramm gekoppelt.

1991 kam ich aus den USA zurück – ich wog 95 Kilo. In meinem neuen Job bei der heutigen Zurich, musste ich aber mittags oft mit Kunden essen gehen, hatte abends Anlässe, vernachlässigte die Fitness. 1995 erreichte ich mein Maximalgewicht: 195 Kilo. Mein Hausarzt fand, ich solle halt ein bisschen abnehmen, mehr Sport machen.

Übergewicht ist nicht Disziplinlosigkeit

Mit 195 Kilogramm macht man keinen Sport mehr. Aus meiner Sicht ist das ein klares Suchtverhalten. Dazu kommt die genetische Veranlagung – mit mangelnder Diszplin hat das nichts zu tun.

Zur gleichen Zeit lernte ich damals meine Frau kennen, eine Thailänderin. Die thailändische Kultur hat ein anderes Verhältnis zum Körper als unsere. Davor hatte es nie viel mit Frauen gegeben, da war meine Körperfülle klar ein Hindernis.

Ich war einer der Ersten in der Schweiz, die eine Magenbandoperation machen liessen. Inzwischen habe ich das vierte Band drin und auch noch einen Magen-Bypass. Erst mit diesen Operationen verschwand das ewige Hungergefühl.

1996 wäre eigentlich eine Beförderung in die Direktion fällig gewesen, aber mein Chef erklärte, daraus werde nichts, weil ich zu dick sei. Alle haben es gedacht, er hat sich getraut, es auszusprechen, immerhin. Es sehe im Geschäftsbericht nicht gut aus. Das hat mich natürlich getroffen. Ich suchte eine neue Stelle und baute vier Jahre später meine eigene Firma auf, die Abraxas AG. Diskriminierung im Job habe ich seither nicht mehr erlebt, die Geschäfte gehen gut.

Warum isst der das jetzt, besagen die Blicke im Restaurant. Der müsste jetzt doch nur ein Salätli essen und sonst nichts. Mich ärgert der Vorwurf, wir Übergewichtigen belasteten das Gesundheitssystem ungebührlich. So nach dem Motto: Der Dialysepatient kann ja nichts für seine Krankheit, aber der Dicke ist selber schuld. Das ist einfach nicht wahr.

Mit meinem Gewicht bin ich heute zufrieden. Was soll ich mich kasteien und für den Rest meines Lebens Diät halten? Irgendwann sterbe ich wie jeder andere auch. Aber bis dahin muss das Leben doch irgendwie lebenswert sein.»

Hande Güler (32), kaufmännische Angestellte,    aus dem Aarau, 78 Kilogramm

Hande Güler wiegt dank einer Operation 40 Kilogramm weniger. Sie will aber noch mehr Pfunde verlieren.
Hande Güler wiegt dank einer Operation 40 Kilogramm weniger. Sie will aber noch mehr Pfunde verlieren.

«Ich war immer schon ein Pummelchen. Mein Gewicht stieg in der Pubertät schleichend: 60 Kilo innert fünf Jahren. Mit 18 wog ich 139 Kilo bei einer Körpergrösse von 1,70 Metern. Die spöttischen Blicke und verbalen Beleidigungen auf der Strasse, die tägliche Diskriminierung setzten mir seelisch massiv zu. Ich kapselte mich immer mehr ab, fühlte mich einsam und unverstanden. Das Essen war eine vermeintliche Kompensation des seelischen Stresses – ein Teufelskreis.

Eines Tages realisierte ich: So kann es nicht weitergehen. Es folgten mehrere Operationen am Magen-Darm-Trakt, die nur bedingt erfolgreich waren. Ich konnte mein Gewicht lediglich auf 103 Kilogramm reduzieren und nahm mit der Zeit sogar wieder zu. Erst die vierte und letzte Operation Ende 2010 brachte den gewünschten Erfolg. Heute bin ich über 40 Kilo leichter. Ein unbeschreibliches Gefühl! Ich ermüde beim Laufen weniger schnell, die Fussgelenke schmerzen weniger, ich habe mehr Energie, und die Lebensqualität hat sich erhöht. Nur optisch habe ich mich noch nicht daran gewöhnt. Wenn ich mich im Spiegel sehe, denke ich: Bist du das wirklich?

Das nächste Ziel ist, mein Wunschgewicht von 65 bis 70 Kilogramm zu erreichen – und auch das werde ich noch schaffen.»

Melanie Graf (19), Call Agentin, Seen ZH,      116 Kilogramm

Melanie Graf wurde von klein auf gehänselt. Und auf dem Pausenplatz sogar angespuckt.
Melanie Graf wurde von klein auf gehänselt. Und auf dem Pausenplatz sogar angespuckt.

«Ich musste mein ganzes Leben lang Hänseleien und Sprüche über mich ergehen lassen. Einmal spuckte mich einer an, mitten auf dem Pausenplatz. In der Oberstufe bearbeiteten zwei Typen sogar Bilder von mir und hängten sie an meinem früheren Wohnort Wiesendangen auf. Sie verwandelten mich in Hagrid, den riesigen Wildhüter aus ‹Harry Potter›. So nannten sie mich auch in der Schule immer.

Manchmal ging ich das ganze Wochenende über nicht aus dem Haus. Ich hatte auch nie einen grossen Freundeskreis, weil ich mich immer eher zurückgezogen habe.

Meine Eltern sind geschieden, ich wuchs bei meiner Mutter auf. Sie kochte nie gesundes oder leichtes Essen. Heute haben wir ein katastrophales Verhältnis.

Ich lebe bei meinem Vater und seiner neuen Familie. Dort gibt es viel Gemüse und ausgewogeneres Essen. Ich dachte eigentlich immer, dass ich mich irgendwann operieren lassen würde, deshalb habe ich wohl auch nie eine Diät gemacht. Aber ich kenne mich gar nicht anders. Was, wenn ich mich dünn gar nicht gut finde? Das muss auch ohne Operation gehen.

Mein Höchstgewicht war 139,8 Kilo. Ich habe mir aber immer geschworen, dass da nie eine Vier stehen wird. In letzter Zeit habe ich abgenommen, ohne mich speziell zu bemühen. 20 Kilo innerhalb von drei Monaten. Vermutlich, weil ich vor einigen Monaten meinen (jetzt bereits ehemaligen) Freund kennenlernte. Er ist Coiffeur und schlank, er war mein erster Freund. Ich dachte viel weniger ans Essen. Er lernte mich mit meinem Höchstgewicht kennen, sprach mich trotzdem an und sagte nie etwas wegen meines Gewichts. Ich hatte am Anfang etwas Mühe, weil er so dünn ist. Und kleiner als ich ist er auch. Seit ich aus der Schule bin, ist alles besser geworden. Ich habe mehr Selbstvertrauen und würde gerne bei einer Anti-Mobbing-Kampagne mitmachen»

Fotograf: Gerry Nitsch