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03. April 2017

Der Junge mit der Panflöte

Der 15-jährige Taras Berchtold ist ein Ausnahmetalent an der Panflöte. Der Aargauer Kantonsschüler wird an internationale Festivals eingeladen und hat bereits mehrere Musikpreise gewonnen.

Taras war fünf Jahre alt, als er sich das «Instrument mit den Röhren» wünschte. Seine Eltern waren ratlos und machten sich auf die Suche nach dem Instrument. Inzwischen gilt der heute 15-jährige Taras Berchtold aus Suhr AG als Ausnahmetalent an der Panflöte.

Der Jugendliche steht in seinem Zimmer, die Arme schützend am Körper. An der Wand hängen Auszeichnungen. Seine Mutter Halyna Berchtold (48) sagt voller Stolz: «Vor vier Jahren hat Taras den 1. Preis beim ersten schweizerischen Panflöten­festival und als einziger Interpret den internationalen Panflöten-Award ‹L’Esprit de Fa­nica Luca› gewonnen. Drei Jahre später verteidigte er seinen 1. Platz erfolgreich.»

Hochbegabtes Kind oder übereifrige Eltern?

Warum sich Taras als Kindergärtler ausgerechnet für die Panflöte begeisterte, weiss er nicht mehr. Auch für seine Mutter, eine gebürtige Ukrainerin, bleibt die Wahl ein Rätsel: «Das muss ein Geschenk Gottes sein. Wir waren nie an einem Panflötenkonzert.»

Taras Berchtold möchte Berufsmusiker werden: «Ich mag die Klangfarben der Panflöte und das Gefühl, wenn ich spiele.»

Klar war, dass sie ihren Zweitgeborenen in seinem Wunsch bestärken und fördern wollte. Also machte sie sich gemeinsam mit ihrem Mann Urs auf die Suche nach einem Musiklehrer. Das war aber gar nicht so einfach: «Viele meinten, Taras sei noch zu jung. Manche haben uns sogar als übereifrige Eltern verurteilt und uns unterstellt, dass wir das Kind zu etwas zwingen würden.

Nachdem Taras einige Jahre bei Bruno Gloor, einem pensionierten Lehrer und Querflötenspieler, in den Unterricht ging, begleitete ihn sein Vater von 2009 bis 2015 alle zwei Wochen ans Konservatorium Zürich, wo sich der renommierte Panflötensolist Peder Rizzi im Beisein des Vaters des Kindes annahm: «Der Bub ist hochbegabt und hat für sein Alter beeindruckende technische Fähigkeiten. Er geht mit einer unglaublichen Leichtigkeit mit dem Instrument um», schwärmt der Musiklehrer und fügt an: «Ich wünsche Taras von ganzem Herzen, dass er sein Potenzial ausschöpfen kann.» Noch müsse er die Pubertät gut bewältigen, die erfahrungsgemäss für viele Nachwuchshoffnungen eine Herausforderung sei.

Heute lässt sich Taras von internationalen Grössen via Skype unterrichten. Mit Stefan Negura aus Moldawien konzentriert er sich auf klassische Stücke, mit Radu Nechifor aus Rumänien feilt er an Volksliedern: «So fällt die Anfahrt weg, und Taras hat besonders mit Radu die Möglichkeit, sich in seine Lieblingsmusik, die rumänische Folklore, zu vertiefen», sagt die Mutter.

Diese Vorliebe hat dem Teenager bereits zwei Konzerte vor Tausenden von Zuhörern beschert: Er wurde im Sommer 2013 und 2015 als Nachwuchshoffnung an Open-AirKonzerte nach Sibiu im Herzen von Rumänien eingeladen. In der Folge gewann er ein Stipendium für die «Panflute Masterclasses», einem sechstägigen Kurs in Rumänien.

Ein weiterer Höhepunkt war der Aargauer Musikwettbewerb 2016, wo Taras den 1. Preis mit Auszeichnung in seiner Alterskategorie abräumte. Zuvor mussten sich seine Eltern mit allen Kräften dafür einsetzen, dass er überhaupt teilnehmen konnte, da der Wettbewerb die Panflöte bisher ausschloss. «Es ist nicht immer einfach, etwa mit den Dispensierungen, die nach Abschluss der obligatorischen Schule noch schwieriger zu erhalten sind», sagt Halyna Berchtold und seufzt.

Als Taras noch in die Bezirksschule ging, wurde er von sechs bis sieben Lektionen pro Woche vom Unterricht befreit. Das erlaubt die Kantonsschule in Aarau nicht. Eine Option wäre die Musikklasse im Gymnasium Rämibühl in Zürich gewesen, aber wegen des Anfahrtswegs ergab sich unter dem Strich kein Zeitgewinn. Vor dem Übertritt ins Gymnasium hat Taras täglich zwischen zwei und zweieinhalb Stunden geübt, vor Solokonzerten sogar doppelt so viele.

Heute liegt das nicht mehr drin. Das Verpasste versucht er, in den Ferien ­nach­zuholen. Er möchte Berufsmusiker werden und träumt davon, dereinst auf demselben Niveau wie sein grosses Vorbild Gheorghe Zamfir zu spielen.

Die Panflöte macht mehr Spass als Fussball

Aber was fasziniert den jungen Musiker denn so an dem Instrument mit den Röhren, dass er dafür auf Fussball und andere Hobbys verzichtet? «Ich mag die Klangfarben der Panflöte und auch das Gefühl, wenn ich spiele. Ich kann dabei komplett abschalten. Und es macht mir Spass, wenn ich Fortschritte mache.» Und nachdem seine Mutter meint, ob er nicht noch etwas vergessen habe, erinnert sich Taras: «Klar, das Publikum. Es ist schön, vor Publikum zu spielen, den Leuten Freude zu machen und so viel Applaus zu ­erhalten.» 

Nächster Auftritt: 6. Mai, 20.15 Uhr, in der reformierten Kirche in Wohlen AG

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Daniel Winkler