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26. Mai 2015

Der indische Nachbar des Migros-Mitarbeiters

Thomas Paroubek leitet in Hongkong das Beschaffungsbüro der Migros, nach vier Monaten stellt er fest: «Platz ist hier Mangelware». Er lebt in einem Wohnturm neben einem indischen Nachbarn, den er allmählich besser kennenlernt.

Thomas Paroubek und Kam Bahra
Bier auf dem Balkon: Thomas Paroubek und Kam Bahra im siebten Stock ihres Hochhauses in Hongkong.

Thomas Paroubek (40) ist mit seiner Frau und seinen beiden Kindern (3 und 5) Anfang dieses Jahres nach Hongkong gezogen. In der chinesischen Metropole leitet er das Beschaffungsbüro der Migros. Paroubek steht einem Team aus Schweizern und Einheimischen vor, das die Einhaltung der Richtlinien bei Importprodukten aus dem asiatischen Raum sicherstellt. So haben Migros-Kunden die Sicherheit, dass Artikel aus Fernost unter fairen Arbeitsbedingungen entstanden sind.

Familie Paroubek wohnt im siebten Stock eines für Hongkonger Verhältnisse sehr kleinen Wohnblocks mit lediglich 20 Etagen. Keller? Estrich? Fehlanzeige. Dafür hat sich die Familie mit den Nachbarn, indischen Sikhs, angefreundet.
«In unserem Haus wohnen neben Hongkongern auch zahlreiche Expats, Menschen aus anderen Kulturkreisen», erzählt Paroubek. Zehn Prozent aller Einwohner Hongkongs sind Ausländer. Der Kontakt zu den Nachbarn ist bis dato zwar spärlich; man geht frühmorgens zur Arbeit, kehrt spät wieder zurück. Und dennoch: Es gibt sie, die persönlichen Begegnungen im Flur, die kurzen Gespräche im Hauseingang. So weiss Paroubek zum Beispiel, dass sein Nachbar Kam Bahra (52) einst aus beruflichen Gründen nach Hongkong gekommen ist. Aber wie lange das her ist?

«Ich lebe seit elf Jahren in Hongkong», gibt Bahra in akzentfreiem British English bereitwillig Auskunft. «Meine Familie wanderte nach England aus, als ich zehn war.» In London studierte der gebürtige Inder Luftfahrttechnik, arbeitete später als Wirtschaftsprüfer, kam so in die Finanzindustrie und mit ihr nach Hongkong.
Bahras Söhne sind ausgezogen – der eine macht in Hongkong gerade seinen Abschluss, der andere studiert in Oxford.

Die Grossstadt entdecken und kantonesisch lernen
Anders als Kam Bahra ist Thomas Paroubek neben der Arbeit zurzeit voll damit beschäftigt, die Grossstadt zu entdecken und die ersten Worte Kantonesisch zu lernen. Und dann sind da noch die neuen, beengenden Platzverhältnisse, an die er sich gewöhnen muss. «Die Velöli der Kinder und mein Bike stehen auf dem Balkon», sagt er. Biken in Hongkong? «Ja, tatsächlich», lacht er. «Mit der Fähre bin ich in einer halben Stunde auf einer einsamen Insel im Bikeparadies.» Entspannt ist er, der Mann. Kaum zu glauben, dass er vor gerade erst drei Monaten mit Kind und Kegel um die halbe Welt gereist ist, um ein neues Leben zu beginnen. Entgegen aller Befürchtungen gelang es seinen Kindern leicht, sich in Hongkong zu integrieren. Bereits kurz nach der Ankunft fanden sie neue Freunde.

Damit die Kleinen sich weiter an die Internationalität Hongkongs gewöhnen, rät Bahra seinen Nachbarn, dem Landhockey-Club beizutreten: «Landhockey fördert den Mannschaftsgeist!», ist er sich sicher. Die Schweizer Familie hat Hongkong mitsamt Kulturpatchwork nach kurzer Zeit bereits ins Herz geschlossen. «Kürzlich war ich geschäftlich in der Schweiz», erzählt Paroubek. «Da habe ich am Ende der Reise erstmals gesagt und gleichzeitig gefühlt: Jetzt fliege ich heim.»

Es ist kein leichtes Unterfangen, in einem fremden Land ein neues Leben aufzubauen. Das Kennenlernen neuer Menschen hilft. Gemeinsam mit den Bahras planen die Paroubeks deshalb ein Essen. Chicken Masala und Raclette für den Völkeraustausch. Genau so geht Nachbarschaft.  

Autor: Janine Wagner

Fotograf: Philipp Engelhorn