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26. Mai 2014

Der Himmel kann warten

Kevin Hediger erkrankte vor rund vier Jahren an Krebs. Dank einer Transplantation von Stammzellen ist er heute wieder gesund. Rechts finden Sie das erste Porträt von ihm und seinem mittlerweile verstorbenen Freund Christoph Finster und dessen Blog («Tagebuch einer Stammzellenspende»).

Zurück im Leben: Kevin Hediger ist wieder voll berufstätig und nutzt seine Freizeit, um die Welt zu entdecken.
Zurück im Leben: Kevin Hediger ist wieder voll berufstätig und nutzt seine Freizeit, um die Welt zu entdecken.

Das zweite Leben von Kevin Hediger (24) begann kurz vor Weihnachten 2011. Er erhielt einen Anruf mit der Nachricht, dass man einen Spender für ihn gefunden habe: «Es war eine wahnsinnige ­Erlösung und das schönste Weihnachtsgeschenk, das ich mir vorstellen konnte.»

Ein halbes Jahr zuvor diagnostizierte man beim jungen Mann, der gerade seinen Lehrabschluss und die Rekrutenschule hinter sich gebracht hatte, Lymphknotenkrebs. Diese Krebsart ist heimtückisch. Man kann sie mit einer konventionellen Chemotherapie behandeln, doch die Heilungschancen stehen mit einer Blutstammzell-Transplantation um einiges besser. Die Suche nach einem geeigneten Spender ist schwierig, da die Chance einer Übereinstimmung der Gewebemerkmale zwischen Spender und Empfänger gering ist. Familienmitglieder eignen sich nicht zwingend.

Nach der ersten Euphorie kamen die Ängste vor dem Eingriff

«Wer der Spender ist, weiss ich nicht – nur, dass man in der Schweiz nicht fündig geworden ist.» Aus rechtlichen Gründen sei das so gehalten, damit nicht plötzlich jemand Forderungen stellen könne.

Von der erlösenden Nachricht bis zur Transplantation musste sich Kevin noch einen Monat gedulden: «Sowohl mein Körper wie auch jener des Spenders musste für die Transplantation beziehungsweise die Entnahme vorbereitet werden.» Nach der ersten Euphorie habe er mit Ängsten gekämpft. Denn bei jedem fünften Empfänger klappt die Transplantation nicht, was dann meist das Todesurteil bedeutet.

Nach dem erfolgreichen Eingriff verbrachte der Sanitär-Spengler 30 Tage auf einer sterilen Station im Spital. Sein Immunsystem war so geschwächt, dass ihn ein harmloser Virus hätte umbringen können. Man beschied ihm, dass er nie wieder auf dem Bau arbeiten könne. Doch Mitte Jahr, fünf Monate nach der Transplantation, war Kevin Hediger mit einem reduzierten Pensum wieder zurück an seinem Arbeitsplatz.

«Ich wollte das unbedingt. Normalität. Nicht immer nur an die Krankheit denken müssen, sondern über ganz Banales reden und auch mal wieder einen dummen Spruch machen können.» Heute arbeitet Kevin Hediger wieder zu 100 Prozent in seinem Beruf. Versetzte ihn ein Knoten oder eine Hautveränderung im ersten Jahr noch in Panik, fühlt er sich heute wieder gesund und führt ein normales Leben. Trotzdem hat ihn die Krankheit verändert.

«Ich bin viel toleranter gegenüber Andersdenkenden und allgemein offener geworden.» Er habe bemerkt, wie schnell es vorbei sein kann, ohne dass man etwas erlebt hat – und introvertiert, wie er früher gewesen sei, habe er wertvolle Zeit verschwendet. Heute nutzt Kevin Hediger seine Freizeit, um die Welt zu entdecken. In diesem Sommer etwa fährt er gemeinsam mit einer Kollegin nach Norwegen.

Autor: Andrea Freiermuth