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16. März 2015

Der Herr der Adler

Seine Raubvögel lieben Jacques-Olivier Travers so sehr, dass sie ihn zur Paarungszeit anbalzen. Das grosse Ziel des französischen Falkners ist es, die majestätischen Weissschwanzseeadler in Mitteleuropa wieder anzusiedeln. Ein Dokumentarfilm soll dabei helfen – hier sehen Sie zwei Videos mit Dreh-Aufnahmen aus der Adler-Perspektive in Davos.

Jacques-Olivier Travers mit Kaiseradler Darshan
Ein eingespieltes Team: Jacques-Olivier Travers mit Kaiseradler Darshan auf der Kunsteisbahn von Davos.

Ruhig, aber stets aufmerksam sitzt Darshan auf dem Unterarm von Jacques-Olivier Travers (42) und wartet auf seinen Einsatz. Vom Medienrummel, der seinetwegen auf der Kunsteisbahn in Davos GR ausgebrochen ist, lässt sich der vierjährige Kaiseradler nicht stören. Nur als eine Fernsehjournalistin mit ihrem Mikrofon zu nahe kommt, zuckt sein Kopf mit dem gebogenen Schnabel kurz vorwärts. Blitzschnell zieht sie ihre Hand ausser Reichweite. Travers, dessen Arm mit dickem Leder vor Darshans scharfen Krallen geschützt ist, lächelt: «Jeder Kuss muss mit ein paar Stichen genäht werden.» Er hat da einige Erfahrung.

Travers gründete 1997 den Greifvogelpark Les Aigles du Léman im französischen Sciez zwischen Genf und Thonons-les-Bains. Auf dem riesigen Parkgelände mit eigenem See leben 150 Greifvögel. 70 Prozent der Besucher kommen aus der Schweiz, darunter viele Schulklassen. Travers und sein Weisskopfseeadler Sherkan geniessen in Genfer Eishockeykreisen zudem einige Prominenz: Der Vogel mit einer Flügelspannweite von 2,10 Metern ist das offizielle Maskottchen von Genf-Servette und fliegt vor jedem Heimspiel durch das Stadion auf den Lederhandschuh seines Falkners. «Ich habe grosses Glück mit Sherkan, er ist völlig furchtlos und liebt den Lärm und die Aufregung. Von meinen zehn Weisskopfseeadlern ist er der Einzige, mit dem ich das machen kann.»

Blick aus der Adlerperspektive

An diesem sonnigen Januartag ist Travers zu Gast in Davos, um mit seinen Adlern ein spektakuläres Wintersportvideo zu drehen. Darshan soll vom Dach des Sportzentrums Time-out über das Eisfeld und den Davoser Eisschnellläufer Martin Hänggi (46) hinweg zu Travers fliegen, gefilmt von einer Drohne, mehreren Kameramännern auf dem Boden und einer Minikamera auf dem Rücken des Adlers selbst. Der Falkner hat inzwischen schon eine ganze Reihe solcher Filme gedreht – sogar vom Eiffelturm in Paris und dem Burj Khalifa in Dubai sind seine Adler schon geflogen. Die Rückenkamera der Vögel erlaubt den Zuschauern dieselbe Perspektive auf die Welt, wie sie die Adler haben. Das alles sieht spektakulär aus, entsteht aber nicht einfach zum Vergnügen oder zu Showzwecken. «Mein Ziel ist, den europäischen Weissschwanzseeadler in Mitteleuropa wieder anzusiedeln», sagt Travers. In der Schweiz wurde er vor rund 200 Jahren ausgerottet. «Die Aktionen und Filme sollen die Menschen an diese eindrücklichen Tiere gewöhnen und die notwendigen Sympathien für sie schaffen. Ich will damit die Herzen erreichen, nicht die Köpfe.»

Darshan fliegt übers Eis – das Ergebnis der Dreharbeiten bei der Davoser Kunsteisbahn.

Wenn alles wie geplant läuft, wird Travers in Frankreich 2016 ein erstes Adlerpaar in die Wildnis entlassen. Dafür jedoch braucht es einige Vorbereitung. «Das Problem ist, dass Adler, die in Gefangenschaft aufwachsen, in der Wildnis nicht überlebensfähig sind. Sie können kaum fliegen, geschweige denn fischen oder jagen.» Die Lösung: Travers bringt es ihnen bei. «Zu Beginn mögen sie mich gar nicht», erklärt er und lacht. «Sie haben ihr bisheriges Leben im Tierpark verbracht, sind gemütlich von Ast zu Ast gehüpft und wurden gefüttert. Nun kommt da einer und will, dass sie sich anstrengen, dass sie fliegen.» Die ersten paar Male schaffen sie kaum fünf Minuten, dann sind sie völlig erschöpft, und es dauert zwei bis drei Monate, bis die Vögel die Arbeit mit Travers wirklich akzeptieren. «Aber mit der Zeit wird ihre Kondition besser, die Muskeln entwickeln sich – plötzlich gibt es für sie nichts Schöneres, als zu fliegen. Ihr Instinkt übernimmt.» Und Travers fliegt mit ihnen. Mit einem Gleitschirm segelt er voran, die Adler folgen ihm, wie sie ihren Eltern gefolgt wären.

Tatsächlich haben ein paar der Vögel fast eine zu enge Beziehung zu Travers entwickelt. «Sherkan sieht mich als sein Weibchen, zur Paarungszeit wirbt er immer heftig um mich, wenn er mich sieht», sagt Travers, der allerdings schon anderweitig vergeben ist und eine 17-jährige Tochter hat. Auch für einige der anderen Adler ist er das wichtigste Bezugswesen. «Inzwischen bin ich beim Training zurückhaltender, denn wenn die Vögel zu stark auf mich fixiert sind, wird es sehr schwierig, sie dereinst freizulassen.» Das Aufzuchtprogramm trägt erste Früche: Mittlerweile gibt es in Frankreich drei Seeadlerpaare mit Jungtieren, eines in Travers’ Park.

Im Herbst folgt ein Dokumentarfilm über Adler

Inzwischen ist der Eisläufer Martin Hänggi eingetroffen, Eisfläche und Kameras sind vorbereitet, und Travers übergibt Darshan einem Mitarbeiter. Dieser trägt ihn durch das Gebäude auf das kleine Vordach der Sporthalle, derweil Travers sich am Rande des Eisfelds platziert und Hänggi sich für seinen Einsatz bereit macht. Sobald die Kameradrohne über der Eisbahn korrekt platziert ist, wird Darshan vom Vordach losgeschickt. Elegant gleitet er mit seinen fast zwei Metern Flügelspannweite über das Eis, knapp über Eisläufer Hänggi hinweg, der sich ebenfalls direkt auf Travers zu bewegt und kurz vor ihm abdreht, während der Adler gezielt auf dem Armschutz landet und mit Futter belohnt wird. Hänggi war von Davos Tourismus für den Filmdreh angefragt worden und sagte sofort zu.

«Es ist mir eine Ehre. In der Mythologie gilt der Adler als Krafttier, und es ist schon sehr eindrücklich, einen mal so nah zu erleben», erklärt Hänggi seine Motivation. So dicht der Adler über ihn hinweggeflogen sei, er habe weder den Luftzug gefühlt noch den Flügelschlag gehört, sagt er. «Aber irgendwie im Nacken gespürt habe ich ihn schon.»

Auch dieser Film mit Adler Fletcher und einem Langläufer entstand im Skigebiet Davos.

Diese kleinen Filme, die am Ende auf Youtube und der Website des Vogelparks aufgeschaltet werden, sind jedoch kein Vergleich zu dem grossen Dokumentarfilm «Freedom» , der Travers seit Herbst 2013 beschäftigt. Rund ein Jahr dauerten die Dreharbeiten für die Dokufiktion um ein Adlerpärchen mit dem letzten frei lebenden Männchen und seinem Weibchen, das in Gefangenschaft aufgewachsen ist und mit Travers’ Hilfe in die Freiheit entlassen werden soll. 500 000 Euro hat der Film gekostet. Er wird Mitte März in Frankreich und der Schweiz den Medien vorgestellt und kommt im Herbst in die Kinos – alles privat und über Sponsoren und Spenden finanziert, wie Travers betont. Auch sein Park ist selbsttragend. «Das ist heute umso wichtiger, als der Staat überall sparen muss.» Ob sich sein Traum von wild lebenden Seeadlern in Mittel- und Südeuropa bald erfüllt, hängt allerdings nicht allein davon ab, wie gut er es schafft, die Vögel und die Menschen darauf vorzubereiten. «Es lauern einige Gefahren dort draussen», sagt Travers.

Darshan in Davos.
Darshan in Davos.

Erfahrungswerte gibt es aus Nord- und Osteuropa, wo eine Population von rund 2500 Weissschwanzseeadler-Paaren lebt. «Umweltgifte und ein mangelndes Angebot an Feucht- und Wassergebieten sind ein Problem.» Immer wieder sterben Adler auch, weil sie mit Hochspannungsleitungen kollidieren oder in die Rotoren von Windkraftanlagen geraten. Oder weil sie auf der Strasse von Autos erfasst werden, wenn sie sich im Winter dort niederlassen, um sich über ein Strassenverkehrsopfer herzumachen. «Dafür hat die Akzeptanz der Menschen stark zugenommen.Viele sehen die Adler heute nicht mehr als Bedrohung, sondern als Bereicherung.»

Darshan hat mittlerweile seine vier Flüge übers Eis absolviert. Zufrieden sitzt er wieder auf Travers’ Unterarm und beobachtet interessiert seine Umgebung. Seine Arbeit ist für heute getan. Für den zweiten Dreh auf der Langlaufpiste springt Adler Fletcher ein, da sich Darshan vor Ski fürchtet. Abends aber, wenn Travers mit den beiden zurück in seinem Davoser Hotel ist, werden es sich die Vögel auf dem Balkon vor seinem Zimmer zusammen gemütlich machen. Natürlich könnten sie jederzeit wegfliegen, und vielleicht tun sie es auch. Aber bisher sind sie noch immer wieder zurückgekommen.