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31. März 2014

Der heilige Stuhl

Hunger im Kinderstühlchen
Der Hunger kommt im sicheren und sauberen Kindersitz von selbst. (Bild: Getty Images)

Kennen Sie das? Sie fragen im Restaurant nach einem Hochstuhl, und die Serviertochter schiebt lächelnd ein windschiefes Ding an den Tisch. Sie nennt es «Kindersitz», aber Sie wissen es besser. Das ist kein Hochstuhl, das ist ein Albtraum aus Faserplatten und aufgebügeltem Holz. Bisher kam kein Mensch auf die Idee, das gute, alte Stück (Baujahr 1983) zu entsorgen. Warum auch? Ist doch fast wie neu. («Und gellet Sie, die kleinen Brösmeli auf der Sitzfläche sind keineswegs Essensreste, sondern nur ein wenig Schaumstoff aus dem Sitzkissen.»)

Nicht viel besser erging es uns neulich in einem anderen Gasthaus. Dort war die Kindersitzgelegenheit zwar einigermassen stabil, dafür aber so verdreckt (vertrocknete Nüdeli, angenagte Pommes frites und so weiter), dass Eva schon satt war, bevor ihre Portion kam. No problem – schliesslich verhungern in Afrika die Kinder.
Was uns aber störte, war die Tatsache, dass unsere Tochter einen Meter weit von uns entfernt sitzen musste. Der Hochstuhl war genau genommen ein Hochstuhltisch. Man konnte das Möbel drehen und wenden, wie man wollte. Das angeschraubte Tablett liess sich einfach nicht an oder unter den Erwachsenentisch schieben. Vielleicht sagen Sie jetzt: «Genau das ist ja der Sinn an der Sache.»

Die letzte Variante finde ich persönlich auch lustig. Stellen Sie sich vor, Sie finden einen freien Tisch in einer entzückenden Beiz. Sie blättern schon durch die Speisekarten, als Ihnen ein Schnösel vom Servicepersonal mitteilt, dass Kinder nicht zur Hauptzielgruppe des Gastronomiebetriebs gehören. Merke: Wo keine Zwergensitzgelegenheit, da auch keine plärrenden, trotzenden Kleinen, die mit ihrem Besteck auf Tellern herumtrommeln. Dass sich nicht alle Kinder wie Vandalen aufführen und dass man mit dieser Einstellung die Kunden von morgen vergrault, interessiert kaum.
Glücklicherweise geht es auch anders: Es gibt nämlich a) schlaue Gastleute und b) wunderbare Hochstühle. Mein Favorit ist eine treppenförmige Sitzgelegenheit aus Norwegen, die (mindestens!) bis zu den Wechseljahren mitwächst. Wenn also eine Serviertochter ungefragt einen dieser wandelbaren Holzstühle zum Tisch schiebt, hat sie schon gewonnen. Dann darf der Koch die Spaghetti später ruhig «al kukidente» kochen. Egal. Hauptsache, meine Brut sitzt sicher bei uns.

Selbstverständlich stehen auch bei uns zu Hause zwei dieser heiligen Stühle. Es ist noch nie einer umgekippt. Und auch sonst bestanden die Norweger alle Belastungstests (auch den, als mein Hintern eine Hauptrolle spielte). Nur mit dem Saubermachen ist es so eine Sache. Die Dinger haben zu viele Ecken und Kanten. Wir haben Bekannte, die schrauben die Treppenstühle ihrer Söhne deswegen einmal im Jahr komplett auseinander und verteilen die Einzelteile auf dem Sitzplatz. Dann holt das Familienoberhaupt den Hochdruckreiniger aus dem Kellerabteil und spritzt alle Elemente so lange ab, bis sich auch der letzte Joghurtspritzer und die letzte verkrustete Banane löst – und an die Hauswand klatscht.

Autor: Bettina Leinenbach