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20. Juni 2016

Der gute Mensch von Greifensee

Auch wer wenig Geld hat, ist in Gino Ramadanis Restaurant willkommen: Der Gastronom lässt Bedürftige kostenlos konsumieren. Ein Akt der Nächstenliebe. Denn der gebürtige Mazedonier weiss nur zu gut, was Armut bedeutet.

Gino Ramadani
Menüs zum Nulltarif: Gino Ramadani hat in seinem Restaurant schon um die 100 Gäste kostenlos bedient.

Es war am Ostersonntag, als Gino Ramadani (39) sich hinsetzte und mit einem Kugelschreiber folgende Zeilen auf ein Blatt Papier schrieb: «Liebe Gäste, wenn Sie Hunger haben, aber kein Geld, dann können Sie hier trotzdem essen und später bezahlen. Und wenn Sie gar nicht bezahlen können, dann ist das auch nicht schlimm, denn niemand soll hungern müssen.» Am Ende seines Schreibens fügte er an: «Bitte nutzen Sie diese Gutmütigkeit nicht aus, damit wirklich Bedürftige davon profitieren können. Ihr Restaurant Toscana in Greifensee.» Dann klebte er den Zettel an die Eingangstür seines Restaurants.

Schon seit Längerem wollte Ramadani Menüs verschenken. Die Idee stammt von seinem Onkel, der in seiner Berliner Gaststätte ein ähnliches Schreiben an der Tür angebracht hatte. Er bewunderte damals die Grosszügigkeit des Onkels. Doch erst der Besuch einer fünf­köpfigen Familie in seinem eigenen Restaurant liess Ramadani handeln: Er bekam mit, wie die Eltern an jenem Karfreitag kaum Getränke zum Essen bestellten. Als der Vater seinen drei Kindern die Glace verweigerte, weil das Dessert das Budget sprengte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er offerierte der Familie das Dessert, die Getränke – das komplette Abend­essen. Ramadani: «Mit Tränen in den Augen vertraute mir der Mann an, dass sie aus finanziellen Gründen schon seit neun Jahren nicht mehr auswärts gegessen hatten.» Die Geschichte berührte das Herz des Gastronomen zutiefst.

Seit bald acht Jahren führt Gino Ramadani das Restaurant Toscana in Greifensee, eine typische kleine Quartierpizzeria: schlichtes Interieur, rote Tischtücher, die Wände mit italienischen Dorflandschaften bemalt. Mittags gibt es für 13.50 Franken Tortellini Carbonara mit Salat, abends für 45 Franken Rindsfilet vom heissen Stein. Er hat fast nur Stammgäste, kaum Laufkundschaft. «Ich pflege ein enges Verhältnis zu meinen Gästen. Von ihnen weiss ich auch, dass es in der reichen Schweiz viele Arme gibt, die nicht mal die Krankenkassenprämien zahlen können.»

Ein schönes, aber kein soziales Land

Armut. Gino Ramadani kennt sie gut. Aufgewachsen in Mazedonien, verlor er seinen Vater, als er 13 Jahre alt war. «Für mich war er Gott. Sein Tod hat mich sehr getroffen.» Mit 15 zog er mit der Mutter und zwei Brüdern nach Berlin. «Meine Mutter hatte es mit uns drei Kindern schwer. Sie konnte nicht richtig arbeiten. Wir hatten nicht viel.» Ramadani brach die Schule ab und begann, in einem Restaurant als Tellerwäscher zu arbeiten. Er absolvierte die Gastronomiefachschule und führte ­danach mehrere Restaurants. Vor neun Jahren kam er wegen seiner Frau Elvira (36), einer Schweizerin, nach Greifensee ZH, wo er mit ihr und den Kindern Anesa (13) und Demirali (8) lebt.

«Mir gefällt die Schweiz sehr. Aber sie ist kein soziales Land. Man muss schon selber dafür sorgen, dass es einem gut geht», sagt der 39-Jährige, der seit fünf Jahren den Schweizer Pass besitzt. Das habe ihm auch seine Gratisaktion vor Augen geführt: «Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Menschen in der Schweiz sich tatsächlich keinen Restaurantbesuch leisten können.»

«Bei mir muss niemand etwas erklären»

Etwa 100 Gäste hätten bis jetzt kostenlos bei ihm gegessen. Dass er dabei ausgenutzt werden könnte, befürchtet er nicht: «Manchmal schämen sich die Menschen sogar ein bisschen, dass sie hier essen, ohne zu bezahlen. Deshalb bestellen sie zu zweit nur eine Pizza oder verzichten auf Getränke. Das jedoch komme für ihn nicht infrage: «Sie sollen so viel bestellen können wie zahlende Kunden. Sie sollen den Abend geniessen.» Dazu gehöre auch, dass der Besuch diskret ablaufe. «Ich sehe meistens sehr schnell, wer wegen des Gratisessens hier ist. Bei mir muss niemand irgend etwas erklären.»

Mittlerweile ist der Zettel an der Eingangstür fleissig auf sozialen Plattformen wie Facebook geteilt worden. Auch mehrere Medien haben darüber berichtet. Zum einen freut sich der Wirt über so viel Aufmerksamkeit. «Ich bekomme viele positive Rückmeldungen.» Zum anderen möchte er nicht, dass die Gratismahlzeit als Werbeaktion für sein Restaurant missverstanden wird. Daher habe er Fernseh- und Radioanfragen abgelehnt. «Es geht mir darum, den Menschen etwas zurückzugeben. Mir geht es finanziell gut», sagt Ramadani. Auch deshalb habe er die Aktion bis jetzt noch nicht bereut – im Gegenteil: «Ich hätte den Zettel schon viel früher aufhängen sollen.»

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Lee Jakob