Archiv
21. Dezember 2015

Der geschenkte Baum

Gratis zum Mitnehmen!
Gratis zum Mitnehmen!

«Gratis zum Mitnehmen» ist zu lesen, und da steht er auf dem Trottoir am Quartierstrassenrand, gerade so, wie hier manchmal ein altes Büchergestell oder ein ausgemusterter Schirmständer steht: ein Tannenbaum. Jemand hat es auf ein Blatt Papier gedruckt, das Blatt dann sorgsam in eine Klarsichthülle gefasst, eine, die seitlich mit Löchern versehen ist, und die Mitteilung durch die Löcher mit einer Schnur ans Geäst gezurrt: «Gratis zum Mitnehmen». Viele Familien sind jetzt, so kurz vor dem Fest, unterwegs, um sich einen Weihnachtsbaum zu besorgen. Aber wer stellt an diesem eisig kalten Morgen einfach so einen hin, einen Tannenbaum, hier aufs Trottoir neben die blätterlose Hecke? Und wird sich jemand getrauen, ihn wirklich mitzunehmen?

Bänz Friedli stellt sich Fragen über Fragen.
Bänz Friedli stellt sich Fragen über Fragen.

Wir gehen in Gedanken die Wohnungen und Reihenhäuser der Umgebung durch. Hat vielleicht bei Pfisters der Vater einen Baum heimgebracht, und es stellte sich heraus, dass die Mutter schon einen gekauft hatte? Ein stattlicher Baum ist es. Hat der Michel im Parterre schon wieder eine zu hohe Tanne ausgewählt und daheim gemerkt, dass diese nicht in die Stube passt? Es würde ihm ähnlich sehen, dem liebenswerten Lulatsch. Aber das ist ihm doch schon letztes Jahr passiert! Und wenn, dann wäre er den Baum doch umtauschen gegangen …?

Dutzende Möglichkeiten bieten sich an, lustige und traurige. Sind die Cerruttis kurzfristig verreist? Lottogewinn oder Todesfall? Feiern Lisa und Per nun doch bei den Schwiegereltern und diese nicht bei ihnen? Hat sich das kinderlose Paar aus der Überbauung da drüben zerstritten, getrennt gar, und nun ist der Baum überflüssig geworden, weil es nichts mehr zu feiern gibt? Haben die Eltern vom vierten Stock, die ihren Kindern stets so strenge ­Strafen androhen und sich damit selber bestrafen, weil sie dann oft nicht umhinkommen, diese Strafen auch zu vollstrecken … ­Haben sie ­wieder gedroht? «Wenn du dies und das nicht erledigst, gibts heuer keinen Weihnachtsbaum!»

Ist gar, bei den Kammerers würde einen dies ja nicht verwundern, eine ganze Familie auseinandergebrochen, ausgerechnet jetzt? Möglich wäre es, denn in der Weihnachtszeit liegen alle Nerven blank, und es wird einem von überallher eingehämmert, es stehe das Fest der Liebe und der Besinnlichkeit bevor, sodass oft genau das Gegenteil geschieht.

Aber ich werde versuchen, mir zu diesem Baum eine schöne Vorgeschichte auszudenken. Und Sie dürfen sich ein schönes Ende ausmalen. Als wir von der Post zurückkamen, an diesem Morgen, war die Tanne nämlich weg. Gratis mitgenommen.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

Hörkolumnen bei iTunes

Hörkolumnen mit RSS-Client

Website: www.baenzfriedli.ch

Bänz Friedlis Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli