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05. November 2012

Der ganz normale Familienwahnsinn

Unbrauchbare Familienparkplätze, Kinder im Computerrausch, Sisyphosarbeit im Haushalt: Die Kolumnistin und zweifache Mutter Bettina Leinenbach kennt die Glücksmomente, Ängste und Sorgen von Eltern – und wünscht Ihnen und sich selbst vor allem eines: mehr Gelassenheit in der Erziehung. In der neuen Migros-Magazin-Kolumne schreibt sie über den ganz normalen Familienwahnsinn. 

«Mamma Mia!»: Zur Rubrik mit den Familienkolumnen von Bettina Leinenbach

«Entspannt Euch!», würde sie am liebsten allen Vätern und Müttern dieser Welt zurufen, «wir müssen doch nicht perfekt sein! Für Kinder gibt es Wichtigeres als saubere Böden und Bioessen.» Ach, und das sagt die Frau, die mitten in ihrer tipptopp aufgeräumten Wohnung sitzt? Das Kinderspielzeug ist fein säuberlich in einer Kommode verstaut, der Parkettboden glänzt, und gerade hat sie einen Cappuccino aus der blitzblanken Küche serviert. 

«Jaaa, ich gebs zu», sagt Bettina Leinenbach (36) halb entschuldigend und lacht, «ich habe aufgeräumt und geputzt für den Besuch der Zeitung.» Ihr Ehemann Christian ist bei der Arbeit, die Töchter Ida (4) und Eva (2) geniessen einen der drei wöchentlichen Krippentage. Wenn sie alle zu Hause seien, versichert Leinenbach, sehe es wild aus in der Wohnung, und das dürfe auch so sein. Brosamen unterm Tisch, Flecken auf den T-Shirts, Spielsachen auf dem Sofa? Kein Problem. Hauptsache, das Basteln, Kochen, Rumtollen macht Spass. So weit, so gut – nur leider kommt der Teilzeithausfrau immer wieder der eigene Perfektionismus in die Quere. Dann räumt auch sie auf, radikal, allen Vorsätzen, eine lockere Mutter zu sein, zum Trotz. 

Die Themen ihrer Kolumne: von Politik bis Ernährung

«So inkonsequent sind doch Mütter und Väter dauernd», verteidigt sich Bettina Leinenbach. Man wolle cool und tolerant sein und sei dann manchmal genau das Gegenteil. «Solche Schwächen sollten wir Eltern uns ehrlich eingestehen», sagt sie, «dann würden wir uns gegenseitig weniger unter Druck setzen.»

Für Kinder gibt es Wichtigeres als saubere Böden.

Und darum wird die Journalistin in ihrer neuen Kolumne «Mamma Mia!» den Finger mit Vorliebe auf Schwachstellen legen, auf die eigenen und die anderer Menschen: Sie will über die Vorurteile gegenüber Krippenkindern schreiben, über die Frage, ob Ohrlöcher bei Babys unter Körperverletzung laufen oder warum man gewisse Kinderbasteleien getrost wegwerfen darf. Alles, was Familien betrifft, soll Platz haben: Gesellschaft, Politik, Erziehung, Ernährung. Die Themen, die die Journalistin mit abgeschlossenem Studium in Biologie, Germanistik und Pädagogik sowie Ausbildung zur Gymnasiallehrerin schon immer interessiert haben. Schon mit 18 begann Bettina Leinenbach zu schreiben. Nach drei Jahren beim «Tages-Anzeiger» entliess die Zeitung 80 Mitarbeiter; es traf auch Leinenbach. Sie machte sich selbständig und schreibt seither für den «Beobachter», die «Schweizer Familie», «Wir Eltern» oder für das Migros-Magazin: «Schreiben ist meine Berufung, nicht mein Beruf», sagt sie. 

Als ihre zweite Tochter auf die Welt kam, verschärfte sich ihr Blick auf die Gesellschaft. Im Einkaufszentrum, in der Arbeitswelt oder auf Reisen erwies sich das Leben oft als nicht besonders kinderkompatibel. 

Die Müttermafia – ein Graus für Bettina Leinenbach

Bettina Leinenbach beim Spielen mit ihren Töchtern Ida (4, links) und Eva (2).

Doch manchmal muss die frischgebackene Kolumnistin gar nicht weit gehen, um auf Reizthemen zu stossen. Vor drei Jahren hat sich die Familie in einem modernen Quartier im zürcherischen Fehraltorf niedergelassen. Zwischen den Mehrfamilienhäusern gibt es Spielplätze und viel Grün. Kinderspielzeug liegt in den Gärten herum, Mütter mit Buggys plaudern auf der Quartierstrasse. Und sie alle kennen auch die Müttermafia – jene Spezies, die Bettina Leinenbach ein Graus ist. «Es sind diese Supermamis, die stets alles im Griff haben», erklärt sie, «und die zu allen Erziehungsthemen eine feste Meinung haben. Dabei führen vermutlich viele Wege zum Ziel.» Diese Mütter können andere Eltern in Zugzwang bringen. Doch die Journalistin findet es viel wichtiger, die Zeit mit ihren «Mädels» zu geniessen, auch mal vom Plan abzuweichen, mit den Kleinen etwas zu unternehmen, bei dem die Kleider schmutzig werden, und Bastelorgien mit viel Leim und Farbe zu veranstalten. Zum Zvieri will sie ab und zu ohne schlechtes Gewissen Capri-Sonne servieren, weils mindestens so fein wie ungesund ist. Dass sie mit solchen Themen provoziert, ist ihr bewusst, sie will das auch. «Hauptsache, die Leser denken über die Dinge nach.» 

Sie sollen aber auch hie und da lachen und versuchen, die Kolumnistin von einer anderen Meinung zu überzeugen. In zwei Punkten allerdings wird Leinenbach niemals vom Credo abweichen, das sie mit ihrem Mann teilt: Gewalt hat keinen Platz in der Kindererziehung und die Kleinen brauchen vor allem viel Liebe und Nähe. «Egal, was passiert», sagt Leinenbach, «unsere Kinder sollen nie daran zweifeln, dass wir sie bedingungslos lieben.» 

Diese Liebe traf sie vor vier Jahren mit voller Wucht, als Ida zur Welt kam. «Bis dahin hätte ich mir nie vorstellen können, dass ein anderer Mensch einem so nah sein kann», sagt Leinenbach. Ebenso wenig war sie auf die quälende Hilflosigkeit vorbereitet, die man angesichts eines kranken Kindes empfindet, und auf die Ängste, die einen plagen, sobald der Sprössling alleine unterwegs ist. Loslassen, Geduld haben, fair und gerecht sein: lauter neue Herausforderungen. 

Als Schwangere habe ich viel nachgequatscht, was ich von anderen Eltern gehört habe.

Überhaupt seien sie und ihr Mann mit der Geburt der Mädchen selber so richtig auf die Welt gekommen. Vorsätze kippten sie ungefähr im Wochentakt über Bord. «Ich quatschte als Schwangere vieles nach, was ich von anderen Eltern gehört hatte», gibt Leinenbach zu, «zum Beispiel, dass ich höchstens ein halbes Jahr lang stillen würde.» Es waren dann eineinhalb Jahre. Ein «supergeiler» multifunktionaler Kinderwagen wurde angeschafft – «da war alles dran, was man sich wünscht. Nur die Fritteuse fehlte». Das Teil stand lange unbenutzt herum, weil sich das Tragetuch als viel praktischer erwies. Das Ehebett hatte man während der Schwangerschaft zur Tabuzone für Kinder erklärt, postnatal war es dann monatelang die Schlafstätte der ganzen Familie, während das Babyzimmer aus Ökoholz verwaiste. 

Walken, Lesen, Einrichten – Zeit für Hobbys muss sein 

Dort sind die kleinen Blondschöpfe inzwischen doch eingezogen, und die Mama hat das Babyzimmer eigenhändig in ein Kinderzimmer verwandelt, das sie mit kindlicher Freude präsentiert: grün bemalte Wände, ein massgefertigter Tisch. Einrichten, Design, Lesen und Walken gehören zu ihren Hobbys. Ja, die Zeit für all das nimmt sie sich. Und sie wird auch weiterhin über anderes schreiben als über Kinder, das braucht sie. Denn «es kann ein Glücksgefühl sein, über ein Playmobilmännchen zu stolpern ». Aber: «Manchmal drehe ich mich so sehr im Kreis, dass ich mir vorkomme wie eine Formel-1-Pilotin. Ich fahre für das Team Sauber, aber es wird nie ganz sauber.»

Mehr Infos zur neuen Migros-Magazin-Kolumnistin: www.leinenbach.ch

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Gerry Nitsch