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12. Mai 2014

«Der Fussball ist ein Abbild der Gesellschaft»

35 Jahre lang war Hanspeter Latour leidenschaftlicher Fussballtrainer und bekannt für seine kernigen Sprüche. Jetzt ist sein Buch «Das isch doch e Gränni!» erschienen. 2015 will der Thuner kürzertreten und mehr Zeit für seine Frau, den Garten und Distelfinken haben.

Hanspeter Latour am Thunersee. Hier im Berner Oberland ist seine Heimat, hier ist er verwurzelt.
Hanspeter Latour am Thunersee. Hier im Berner Oberland ist seine Heimat, hier ist er verwurzelt.

Hanspeter Latour, «Das isch doch e Gränni!» lautet der Titel Ihres Buchs. Warum?

Noch heute rufen mir Leute auf der Strasse zu: «Ja, dr Gränni!» – seit meinem legendären Spruch beim Spiel Thun gegen Servette (siehe untenstehend den Youtube-Ausschnitt, Anm. der Red.). Ich habe diesen immer humorvoll angeschaut. Manche sagten, das sei ein Ausraster gewesen, aber dann hätte ich den Schiedsrichter sicher nicht mit «Herr Meier» angesprochen. Fussball hat auch ein bisschen mit Theater zu tun. Der gegnerische Spieler fiel in meinen Augen immer sehr schnell hin. Natürlich war die Intervention unseres Verteidigers Armand Deumi ziemlich hart. Deshalb dachte ich, das musst du ein bisschen abschwächen. Aus diesem Grund habe ich geschrien: «Das isch e Gränni, Herr Meier!»

Warum dieses Buch?

Kollegen aus dem Journalismus haben mir schon vor vielen Jahren gesagt, sie wollten mit mir ein Buch schreiben. Ich sträubte mich immer dagegen. Es braucht nicht auch noch von mir ein Buch. Vor drei Jahren erhielt ich wieder vier Anfragen. Drei der Interessierten kenne ich persönlich, ihnen sagte ich ab. Die vierte Anfrage kam von Philipp Abt aus Langenthal, einem Texter, der mir gleich ein ganzes Konzept schickte. Eines schönen Abends sagte ich zu meiner Frau, jetzt muss ich noch diesem Abt absagen. Meine Frau entgegnete: «Das ist eigentlich schade. Stell dir vor, wie sich unsere Enkelin Annette über das Buch freuen würde.»

Sie liessen sich von Ihrer Frau überzeugen?

Ja, aber ich wollte keine Biografie. Ausserdem willigte ich nur unter einer Bedingung ein: Der Buchverlag musste aus Thun sein. Im Weber Verlag haben wir diesen gefunden. Geschrieben hat das Buch schliesslich Sportjournalist Beat Straubhaar, einst wie ich Balljunge im Thuner Lachenstadion. Heute kann ich sagen: Momol, das Buch macht sich gut. Ob es wirklich gut ist, müssen allerdings die Leser entscheiden. Ich bin ein emotionaler Mensch und musste lernen, dass nicht alle immer gleich begeistert sind wie ich.

Ihnen ist das Regionale sehr wichtig, obwohl Sie in Basel, Zürich und Köln gearbeitet haben.

Meine Wurzeln habe ich im Berner Oberland. Ich habe Freude, wenn es den Leuten hier gefällt. Obwohl: Die Offenheit geht uns ein wenig ab. Die Präsenz von Touristen entlockt dem Bauern höchstens ein «Jetzt tschalpen sie mir durchs hohe Gras». Wir sollten uns bewusst sein, wie wichtig der Tourismus ist. Wenn man schön wohnt und einen sicheren Arbeitsplatz hat, entsteht eine Trägheit, die gefährlich sein kann.

Ihre Fussballtrainerkarriere dauerte 35 Jahre. Ist sie nun definitiv abgeschlossen?

Ich habe nie zu einer offiziellen Medienkonferenz eingeladen. Deshalb wird diese Frage immer wieder gestellt. Für mich war bereits vor vier Jahren klar, dass ich nie mehr Trainer werde. Damals habe ich die Einzelfirma Hanspeter Latour gegründet. Letztes Jahr hielt ich 70 Honorarvorträge, obwohl ich nur von der Mundpropaganda lebe. Dazu kommen meine Einsätze für Radio und Fernsehen. Ich bin 115 Tage pro Jahr unterwegs. Zum Schluss meiner beruflichen Karriere wollte ich noch einmal etwas ganz anderes machen. Bereits damals, mit 41 Jahren, bewies ich Mut, als ich meine sichere Arbeitsstelle als Laborant beim Bund aufgab und als Trainer des FC Solothurn ganz auf die Karte Fussball setzte.

Was würden Sie machen, wenn Sie heute eine Anfrage eines Super-League-Clubs erhielten, beispielsweise vom FC Sion?

Dann würde ich einen Wohnwagen mieten (lacht). Präsident Constantin hält bekanntlich nicht lange an seinen Trainern fest. Im Ernst, es gab die eine oder andere Anfrage. Ich blieb hart: Mit dem Trainerdasein habe ich abgeschlossen.

Wie hat sich der Beruf des Trainers in den letzten Jahren verändert?

Er wird immer kurzlebiger. Man sollte aber mindestens drei Jahre Zeit haben, um mit einer Mannschaft etwas zu erreichen. Der Verein erwartet jedoch, dass man bereits am nächsten Sonntag nach Vertragsunterzeichnung gewinnt. Es wird schnell abgerechnet. Das war früher anders und besser. Heute geht es um viel mehr Geld.

Der Fussball hat sich insgesamt stark verändert. Stichworte dazu sind: Professionalisierung, Vermarktung, Einschaltquoten.

Der Fussball ist ein Abbild der Gesellschaft. National verfolge ich die Szene genau. Einerseits ist es toll, wie sich der Schweizer Fussball entwickelt. Andererseits wird er immer teurer. Man sollte Wege finden, um eine gewisse Verhältnismässigkeit zu behalten. Es kann nicht sein, dass sich einzelne Clubs nur auf Mäzene abstützen.

Hanspeter Latour: «Wichtig ist, den Humor nicht ganz zu verlieren.»
Hanspeter Latour: «Wichtig ist, den Humor nicht ganz zu verlieren.»

Was ist zu tun?

Bei der Lizenzvergabe geht es in die richtige Richtung. Heute schaut man nicht nur, wie viel Geld ein Club hat, sondern auch, woher das Geld stammt.

Ist dies ausreichend?

Ich sehe keine anderen Mittel. Als ich in den 70er-Jahren bei YB spielte, verfolgten den Cuphalbfinal in Bern gegen Basel 52 000 Zuschauer – und vier Securitas! Ich habe absolut kein Verständnis fürs Randalieren. Trainer und Spieler sollten gegen Gewalt in und um die Stadien aufrufen. Es kann nicht sein, dass Familien aus Angst keinen Match mehr besuchen.

Wie stark hat Ihnen die Arbeit als Trainer gesundheitlich zugesetzt, etwa nach der Freistellung beim 1. FC Köln?

Das hat niemand gerne. So ein Entscheid kommt aber nicht überraschend. Bei Erfolglosigkeit ist der Trainer das schwächste Glied in der Kette.

Haben Sie die Freistellung tatsächlich so locker hingenommen?

Das Leben ist nicht immer nur lustig. Eine positive Grundeinstellung hilft da schon sehr viel. Wichtig ist, den Humor nicht ganz zu verlieren.

Wie schafft man das im Misserfolg?

Sie finden in jeder Sache einen positiven Ansatz. Eine Stärke von mir ist, dass ich gern vorwärts schaue. «Was düre isch, isch düre.» Der eine hört in solchen Situationen Musik oder liest ein Buch. Ich ging viel joggen. Ich jogge auch heute noch oft. Nur gerate ich unter Druck, weil mich alle überholen wollen (lacht). Nun, 2015 lasse ich mich pensionieren. Ab dann werde ich nicht mehr regelmässig für Radio und Fernsehen arbeiten und habe mehr Zeit fürs Trainieren.

Wieso gehen Sie in Pension?

Mir ist es viel angenehmer, wenn man sagt: «Der hört zu früh auf», als wenn man tuschelt: «Endlich hat auch er es gemerkt». Im Sommer 2015 werde ich immerhin 68 Jahre alt. Ich habe noch viel anderes, das mir viel bedeutet.

Was denn zum Beispiel?

Ich habe die Natur sehr gern. Zuhinterst im Zulgtal, in Innereriz, habe ich seit 1986 ein Hüttli. Es ist nicht speziell, der Garten hingegen schon. Die Biodiversität fasziniert mich. Wenn ich einen Tag freihabe, gehe ich dorthin. Im März wollte ich Distelfinken fotografieren. Aber sie fliegen jedes Mal davon, wenn ich auf sie fokussiere. Ich freue mich, dass ich nächstes Jahr zwei Tage lang nur Distelfinken fotografieren oder mal mit der Montreux–Berner Oberland-Bahn im neuen Panoramawagen fahren kann. Die Tätigkeit beim Radio und Fernsehen macht mir zwar Spass. Nur muss ich dafür immer am Ball bleiben und Spiele verfolgen. Das will ich nicht mehr.

Reisen Sie für die WM nach Brasilien?

Im Mai halte ich noch 20 Referate, dann fliege ich am 4. Juni für fast einen Monat nach Brasilien, wo ich als Onlinekommentator für Radio und Fernsehen im Einsatz bin.

Was sagt Ihre Frau zu Ihren Engagements?

Ohne ihre Unterstützung wäre all das nicht möglich gewesen. Es ist ihr Verdienst, dass aus den Kindern etwas geworden ist. Als es darum ging, den Fussball zum Beruf zu machen, sagte sie: «Der Sport ist deine Leidenschaft. Also mach es.» Sie wiederum reist gern für 14 Tage ans Meer, wo ich schon nach drei Tagen grantig werde. Ich reise trotzdem mit, da passe ich mich gern an.

Als Trainer hatten Sie einen ungewöhnlichen Umgang mit den Spielern: In Thun musste die Mannschaft die Namen der Hausberge kennen. Bei anderer Gelegenheit haben Sie mit den Spielern eine 6-Liter-Flasche Château Latour à Pomerol aus Plastikbechern getrunken.

Ein schmales Budget lehrt einen, kreativ zu sein. Die Ideen müssen spontan kommen. Man kann sie schlecht planen.

Wo positionieren Sie den Schweizer Fussball?

In der Fifa-Weltrangliste belegt die Schweiz hinter Brasilien den achten Platz. Deshalb waren wir bei den Auslosungen im Topf 1 der stärksten Mannschaften. Wenn man in Topf 1 ist, sollte man an der WM die Gruppenspiele überstehen. Danach ist alles möglich.

Wer wird Weltmeister?

Deutschland hat alle Qualitäten dazu. Aber Brasilien wäre schon toll. Das täte dem Land sehr gut. Meine Idole waren früher Pele, Vavá und Didi. Ja, diese Fussball-WM ist ein schöner Abschluss meiner Karriere.

Hanspeter Latour, «Das isch doch e Gränni!», Anekdoten aus dem Leben des leidenschaftlichen Menschen und Motivators, Weber Verlag, bei Ex Libris für Fr. 31.20 erhältlich

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Marco Zanoni