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21. November 2016

Der Freund der US-Astronauten

Lukas Viglietti kennt fast alle Pioniere persönlich, die einst auf dem Mond spazierten. Drei der Herren sind auf Einladung seiner Organisation Swiss Apollo auch schon in die Schweiz gekommen – kürzlich Charlie Duke, der 1972 als drittletzter Mann auf dem Mond war.

Lukas Viglietti (r.) mit US-Astronaut Charlie Duke
Sieht fast so aus wie auf dem Mond: Lukas Viglietti (r.) mit US-Astronaut Charlie Duke in der Kiesgrube Eschenbach LU.

Nur gerade zwölf Menschen standen jemals auf der Oberfläche des Mondes, zehn von ihnen hat Lukas Viglietti (47) persönlich getroffen. Und die anderen beiden nur deshalb nicht, weil sie schon nicht mehr am Leben waren, als seine Leidenschaft für das amerikanische Apollo-Mondprogramm der 60er- und 70er-Jahre so richtig in Fahrt kam. Inzwischen leben nur noch sieben. «Es bleibt nicht mehr viel Zeit, diese Pioniere persönlich zu treffen, um mit ihnen zu sprechen und sich von ihnen inspirieren zu lassen», sagt Viglietti.

Der Swiss-Pilot weiss, wovon er spricht. Er selbst war zwölf Jahre alt, als er die Gelegenheit hatte, Jim Irwin zu treffen, der 1971 mit Apollo 15 zum Mond geflogen war. Zehn Jahre danach war der Astronaut in Vigliettis Nachbardorf Reconvilier BE zu Gast. «Ich erwartete einen muskelbepackten Superhelden, stattdessen stand da ein bescheidener, eher kleiner Mann. Damals realisierte ich, dass sich grosse Träume auch für Menschen wie mich realisieren lassen.»

Etwa der Traum, später mal selbst zu fliegen. Astronaut wollte er zwar nie werden, aber würde ihm heute jemand die Gelegenheit bieten, zum Mond zu fliegen, würde er sofort zusagen. «Der Blick vom Mond zurück auf die Erde muss unglaublich sein. Solche Fotos von Apollo 8 waren es ja auch, die uns bewusst gemacht haben, wie klein und kostbar unsere Welt ist und dass wir sorgfältiger mit ihr umgehen müssen.»

Claude Nicollier vermittelte Kontakte

Vigliettis Leidenschaft für die Mondpioniere schwelte jahrelang im Hintergrund. Er verfolgte das US-Raumfahrt-Programm mit Interesse und war zeitlebens ein grosser Science-Fiction-Fan. Aber erst als er bei seinen Langstreckenflügen als Co-Pilot regelmässig in den USA landete, kam er auf die Idee zu versuchen, noch weitere «Moonwalker» zu treffen. «Das war zu Beginn gar nicht so einfach, denn diese Leute schirmen sich natürlich ab, weil dauernd irgendwer etwas von ihnen will.» Aber nach und nach gelang es ihm, über Freunde und Bekannte Kontakte zu knüpfen. Eine grosse Hilfe dabei war der Schweizer Astronaut Claude Nicollier (72), der inzwischen ein guter Freund geworden ist.

Vigliettis Frau Bettina (41), ursprünglich aus dem Bankfach, liess sich von seiner Begeisterung anstecken, und so gründeten sie 2009 an ihrem Wohnort Winterthur die Organisation Swiss Apollo, in dessen Beratungsausschuss neben Claude Nicollier auch der Schweizer Raumforscher Johannes Geiss und der US-Astronaut Charlie Duke sitzen. Swiss Apollo soll die Erinnerung an die Pionierleistung der Apollo-Missionen aufrechterhalten, aufzeigen, wie stark die Schweiz in das Mondprogramm involviert war, und Begegnungen mit den Astronauten ermöglichen. «Ich will die Leute inspirieren», sagt Viglietti.

Drei der inzwischen älteren Herren waren auf Einladung von Swiss Apollo schon in der Schweiz, Anfang Oktober gerade wieder Charlie Duke (81). «Wir haben auch in anderen Ländern Fans, aber so etwas wie Swiss Apollo gibt es sonst nirgends», sagt der Astronaut aus Texas, der 1972 mit Apollo 16 als zehnter und jüngster Mensch den Mond betreten hat. Duke ist auch immer wieder überrascht, wie viele Leute jeden Alters sich in der Schweiz für ihn und seine Erfahrungen interessieren.

Gerade jüngere fragen ihn oft, was sie tun müssen, um Astronaut zu werden. «Man muss sich für Naturwissenschaften, Technik oder Medizin interessieren», erklärt Duke. «Aber ich sage immer allen, dass sie etwas machen sollen, dass sie leidenschaftlich gern für den Rest ihres Lebens tun möchten. Sonst hat man nach zehn Jahren einen Doktor in Physik, obwohl man das Fach gar nicht mag – und dann wird das Raumfahrtprogramm eingestellt.»

Rivalen aus dem Kalten Krieg plaudern

Den wohl spektakulärsten Anlass organisierte Lukas Viglietti 2015 in Lausanne. Damals brachte der Romand (aus Tramelan BE) mit italienischen Wurzeln zwei Rivalen aus dem Kalten Krieg gemeinsam auf die Bühne und liess sie über die Zeit damals sprechen: US-Astronaut Buzz Aldrin (der zweite Mann auf dem Mond, bei der ersten Landung 1969) und den sowjetischen Kosmonauten Alexei Leonov (der erste Mensch überhaupt, der sich ausserhalb einer Raumkapsel im All bewegte, 1965).
«Die Halle fasste 3000 Personen und war bis auf den letzten Platz belegt, wir hätten problemlos auch einen Ort mit 5000 Menschen füllen können», sagt Viglietti sichtlich stolz. «Damit haben wir Geschichte geschrieben. Es war viel Arbeit und Vertrauen nötig, um diese beiden Männer zusammenzubringen, und so etwas wird wohl auch nie wieder passieren.» Aldrin ist inzwischen 86, Leonov 82.

Aber Vigliettis nächste Pläne sind noch ambitionierter: Gemeinsam mit dem Genfer Regisseur Julien Dumont arbeitet er an zwei Filmen, die beide 2019 fertig sein sollen, zum 50-Jahr-Jubiläum der ersten Mondlandung. Einen will er weltweit ins Kino bringen, ein Dokumentarfilm mit den Porträts von allen noch lebenden «Moonwalkern» und vielen persönlichen Gesprächen. Einige Stunden Material hat er in den USA bereits dafür gedreht. Den anderen Film sieht Viglietti eher im Schweizer Fernsehen. Für ihn reist er mit einem Team durch die Schweiz zu sämtlichen Orten, die einen Bezug zu den Apollo-Missionen haben.

Auf den Spuren Schweizer Pioniere

Es sind 17 Stopps geplant; dazu gehören die Heimatorte in die USA ausgewanderter Ingenieure und Techniker, die beim Raumfahrtprogramm mitarbeiteten, aber auch Omega und Rolex, deren Uhren Astronauten auf dem Mond trugen. Besuchen werden sie auch Velcro, die Schweizer Firma, die den praktischen Klettverschluss erfunden hat, der für die Mondfahrer in ihren Raumkapseln sehr nützlich war. Und natürlich gehen sie zu den Universitäten, an denen Experimente vorbereitet wurden, etwa die Uni Bern, an der Professor Johannes Geiss das Sonnensegel entwickelte, das Charlie Duke 1972 auf dem Erdtrabanten aufspannte.

Doch die Zeit, als der Mond der Sehnsuchtsort menschlicher Raumfahrer war, ist vorbei. Das nächste Ziel ist der Mars – bis 2030 soll der erste Mensch die Oberfläche unseres Nachbarplaneten betreten, kündigte US-Präsident Barack Obama im Oktober dieses Jahres offiziell an. Viglietti findet die Absichtserklärung ermutigend, auch wenn technologisch noch einiges passieren muss, damit das möglich wird. Für ihn sind die US-Raumfahrer, die auf dem Mond spazierten, Pioniere wie einst der Seefahrer Christoph Kolumbus, der Amerika entdeckte. «Sie stehen für mich in einer Reihe. Und der nächste Pionier dieses Kalibers ist der erste Mensch auf dem Mars. Ich freue mich schon darauf.» 

Weitere Infos: www.swissapollo.ch

Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond (l.), mit Lukas Viglietti
Neil Armstrong, der inzwischen verstorbene erste Mann auf dem Mond (l.), mit Lukas Viglietti. (Bild zVg)

Neil Armstrong, der inzwischen verstorbene erste Mann auf dem Mond (l.), mit Lukas Viglietti.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Mischa Christen