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10. April 2012

«Der Franken ist noch immer 15 bis 20 Prozent zu teuer»

Die Schweizer Wirtschaft leidet weiter unter dem hohen Frankenkurs. Weil sich das Ende der Finanzkrise abzeichne, gebe es aber Grund für Optimismus, sagt Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, die seit einem Jahr das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) leitet.

Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch: «Frausein in dieser Position ist weder ein Vor- noch ein Nachteil.»

Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, die Zeichen mehren sich, dass die Finanzkrise überstanden ist. Wie optimistisch sind Sie?

Umfragen bei Unternehmen und Konsumenten zeigen, dass die Wirtschaft langsam wieder Tritt fasst. Das entspricht auch der Einschätzung des Seco.

Und das gilt für die Schweiz und die Weltwirtschaft insgesamt?

Die Rahmenbedingungen in der Schweiz waren auch zur Zeit der Krise immer sehr gut — ausser während der Frankenhöchstkurse. Optimistisch stimmt mich, dass die Eurozone die Probleme langsam in den Griff zu bekommen scheint und die US-Wirtschaft trotz riesiger Schuldenberge wieder in Gang kommt. Die Schwellenländer wachsen zwar nicht mehr zweistellig, aber sie wachsen. Es sieht also kurzfristig weniger schwarz aus, als ursprünglich befürchtet. Mittelfristig bleibt die Lage angespannt. Viele industrialisierte Länder müssen noch beweisen, dass sie über mehrere Jahre hinweg Sparmassnahmen umsetzen können.

Wie gross sind die Risiken eines Rückfalls?

Das ist schwierig abzuschätzen. Je grösser die Ungleichgewichte sind und je länger sie bestehen bleiben, desto höher sind die Risiken. Mit der Schuldenbremse und der Arbeitslosenversicherung hat die Schweiz jedoch zwei wichtige Instrumente, um die Auswirkung von negativen Schocks zu mildern.

Wie schätzen Sie die Aussichten der Schweizer Wirtschaft ein?

Wir rechnen für 2012 mit einem leichten Wirtschaftswachstum von 0,8 Prozent und für 2013 mit einer weiteren konjunkturellen Verbesserung um 1,8 Prozent. Dabei haben wir allerdings zwei Hauptprobleme: einerseits den starken Franken, der noch immer 15 bis 20 Prozent zu teuer ist. Andererseits müsste die Weltwirtschaft stärker wachsen, damit wir als Exportnation mehr Absatzmärkte haben. Denn einen von zwei Franken verdienen wir mit der Ausfuhr von Gütern und Dienstleistungen. Wichtig ist, dass wir diversifizieren und weltweit nach Märkten schauen, nicht nur in Europa. Wir versuchen, mit Freihandelsabkommen die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen.

Wie kommen die Verhandlungen mit China und Indien voran?

Sie sind sehr schwierig, gerade mit Indien. Denn die wirtschaftliche Öffnung gehört nicht zu den Grundphilosophien auf dem indischen Subkontinent. Die Inder möchten für die Öffnung ihres Marktes massgebliche Zugeständnisse der Schweiz sehen, etwa für IT-Spezialisten.

Seit dem 1. April 2011 ist Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch (51) Direktorin des Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).
Seit dem 1. April 2011 ist Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch (51) Direktorin des Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Und China?

Das Reich der Mitte ist eher bereit, obwohl es anfänglich glaubte, die Schweiz sei zu wettbewerbsfähig. Aber Länder wie China oder Indien würden am liebsten gar nicht über geistiges Eigentum oder nachhaltige Entwicklung reden. Ich hoffe dennoch, dass wir die Verhandlungen bis Ende dieses Jahres abschliessen können.

Auch mit der EU will die Schweiz Dossiers diskutieren. Allerdings scheint die Situation derzeit ziemlich festgefahren. Wo liegt das Problem?

Es ist wichtig, eine Balance der verschiedenen Anliegen zu erreichen. Noch haben wir dafür Zeit, allerdings nicht mehr unbegrenzt. Die Schweiz ist für die EU ein besonderer Fall, weil wir weder EU- noch EWR-Mitglied sind und trotzdem bei verschiedenen Bereichen im Binnenmarkt der EU mitmachen. Die EU und ihre Mitgliedstaaten bezeichnen die Betreuung unserer Dossiers als aufwendig. Doch man darf dabei nicht vergessen: Es ist die Schweiz, die gegenüber der EU ein Handelsbilanzdefizit hat, nicht umgekehrt. Die EU erwirtschaftet im Handel mit der Schweiz also einen Überschuss — den zweitgrössten überhaupt, den sie mit einem Staat erreicht. Es müsste deshalb auch im Interesse der EU sein, weiter mit uns zu verhandeln.

Im Volk wächst die Skepsis gegenüber der Personenfreizügigkeit. Was muss getan werden, damit es diese weiterhin stützt?

Wir müssen aufzeigen, wie die Personenfreizügigkeit der Schweiz und namentlich der Schweizer Wirtschaft geholfen hat. Dank dem Zugang zu ausländischen Fachkräften konnten in der Schweiz viele zusätzliche hochwertige Arbeitsstellen geschaffen und bestehende gesichert werden. Das dynamische Wirtschaftswachstum hat natürlich auch Nebenwirkungen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

Wie steigende Immobilien- und Mietpreise in den Städten?

Oder überfüllte Züge. Aber auch hier muss man differenzieren: Die Einwanderung aus der EU ist nur ein Faktor von mehreren. Die Nachfrage nach Wohnraum und Mobilität hat in den letzten Jahren auch bei der einheimischen Bevölkerung sehr stark zugenommen. Die Antworten auf die Herausforderungen müssen also primär in der Raumplanung und bei der Entwicklung der Infrastruktur gefunden werden.

Wird das Volk auch bei weiteren Abstimmungen zur Personenfreizügigkeit rational entscheiden?

Ich bin zuversichtlich. Wir müssen differenziert kommunizieren — gerade vor einer allfälligen Abstimmung über die EU-Erweiterung mit Kroatien oder der SVP-Masseneinwanderungsinitiative.

Sie sind jetzt bald ein Jahr im Amt. Ihre Bilanz?

Sehr gut (lacht). Es ist eine ausserordentlich spannende und herausforderungsreiche Arbeit. Das Zusammenspiel der Binnen- und Aussenwirtschaft hat viele Facetten und ist sehr interessant.

Was hat Sie in diesem Jahr am meisten beschäftigt?

Der starke Franken und die Folgen sowie die Freihandelsabkommen. Diese sind aufwendig auszuhandeln, aber wichtig, damit Schweizer Unternehmen gleich lange Spiesse wie ihre ausländischen Konkurrenten haben.

Was haben Sie intern gegenüber Ihrem Vorgänger, Jean-Daniel Gerber, verändert?

Nicht viel. Ich setze auf Kontinuität. Klar, ich habe wahrscheinlich einen anderen Führungsstil als mein Vorgänger. Das müssten Sie aber meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichnen?

Ich pflege einen partizipativen Führungsstil und beziehe die Mitarbeitenden in die Entscheidungsfindung ein. Wenn dann ein Entscheid getroffen ist, wird er umgesetzt.

Sie sind die erste Frau in dem Amt und eine der wenigen Frauen beim Bund in einer so hohen Führungsfunktion. Wie reagieren Ihre Gesprächspartner?

Manchmal staunt jemand im ersten Augenblick. Das legt sich jedoch schnell. Frausein in dieser Position ist weder ein Vor- noch ein Nachteil. Ich gehe davon aus, dass ohnehin die Persönlichkeit und nicht das Geschlecht im Vordergrund steht.

Wie ist das bei Verhandlungen mit anderen Staaten?

Einmal verhandelte ich in Genf mit Saudi-Arabien, als es um den WTO-Beitritt ging. Dazu habe ich bewusst ein langes Kleid angezogen, und die Verhandlungen fanden in einer ganz normalen Atmosphäre statt. Ich habe bis anhin als Frau nur gute Erfahrungen gemacht.

Wie stehen Sie zum Thema Frauenförderung und Frauenquoten?

Ich bin nicht überzeugt, dass Frauenquoten richtig sind — Frauenförderung hingegen ist nötig. Noch viel zu tun gibt es beim Angebot von Krippen und Tagesschulen. Denn wenn Frauen Kinder und Karriere nicht unter einen Hut bringen, können sie auch nicht aufsteigen.

Sie reden sechs Sprachen, darunter Chinesisch und Russisch. Wie kam es dazu?

Beides lernte ich in jungen Jahren, habe aber heute leider sehr viel vergessen. Schon meine Mutter hatte eine grosse Affinität zu russischen Schriftstellern. Auf Chinesisch kam ich, als mein Vater als Forscher 1973 aus China zurückkehrte und sagte: «Dieses Land hat Zukunft, Mao hin oder her.» Ich hatte weitsichtige Eltern. Ich suchte mir dann einen Lehrer, der mir Chinesisch beibrachte. Zudem bin ich mit Italienisch und Französisch aufgewachsen. Deutsch und Englisch lernte ich in der Schule.

Sie sind begeisterte Bergsteigerin. Was war ihre spektakulärste Tour?

Ich habe heute weniger Zeit für Bergtouren als vor meiner Aufgabe als Seco-Chefin. Beeindruckt war ich vom Matterhorn mit seinen zwei Gipfeln, dem italienischen und dem schweizerischen. Bergsteigerisch schwierig war der über 4500 Meter hohe Lyskamm westlich der Monte-Rosa-Gruppe. Da fühlte ich mich wie eine Seiltänzerin, weil es rechts und links 1500 Meter in die Tiefe ging. Das brauchte gute Nerven.

Helfen die auch bei schwierigen Verhandlungen?

Ja, ein gutes Gedächtnis und gute Nerven helfen. Eigentlich bin ich dagegen, immer bei allem Parallelen zu ziehen, aber in diesem Fall lässt sich tatsächlich einiges vergleichen: Eine gute Vorbereitung mit der richtigen Ausrüstung ist sehr wichtig, man braucht Ausdauer, und die letzten paar hundert Meter vor dem Gipfel sind die schwierigsten. Das ist bei internationalen Verhandlungen genau gleich. Ich erinnere mich noch an jene über ein Freihandelsabkommen mit Kolumbien morgens um drei Uhr. Wenn man es dann geschafft hat, kommt beim Verhandeln und beim Bergsteigen ein wunderbar euphorisches Gefühl auf.

Haben Sie sonst noch Zeit für Hobbys?

Ich bin eine sehr gesellige Person und lade gerne Freunde zum Essen ein.

Kochen Sie selber?

Nein, gar nicht. Ich habe einen Mann, der sehr gut kocht, und halte mich da ganz an die Handelstheorie des Wettbewerbsvorsprungs: Er kocht so gut, weshalb soll ich mich auch noch darum bemühen? Ich kümmere mich dafür ums Tischdecken und den Abwasch, das muss schliesslich auch jemand erledigen. Manchmal mache ich das Dessert, eine Zabaglione oder einen warmen Gratin, beides kann ich gut.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Ruben Wyttenbach