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10. Juni 2014

Der unglaubliche Flug des Stefan Keller

Vor einem Jahr stürzte er mit dem Gleitschirm ab. Seither sitzt Stefan Keller im Rollstuhl. Nun hat der 51-jährige Gleitschirmlehrer erstmals wieder abgehoben, in seinem «Rolli». Das Migros-Magazin war dabei – sehen Sie online den Film von Robert Bösch, der Keller vom Weissenstein im Tandem nachflog:

Stefan Keller (51) stösst im Himmel über Solothurn einen lauten Jauchzer aus. Er sitzt in seinem Rollstuhl und geniesst das Gefühl, durch die warme Frühlingsluft zu fliegen. Zum ersten Mal seit seinem Unfall vor einem Jahr hob er im Mai wieder ab, diesmal mit fremder Hilfe und in einem umgerüsteten Rollstuhl mit Vorderrad und Lenker.

Das dreirädrige Gerät bekam auf dem Startplatz Göiferlätsch auf dem Weissenstein Fahrt, der Gleitschirm Luft, und Keller zog samt Rollstuhl in die Höhe. Eine halbe Stunde später, nach der Landung auf einer Wiese in Langendorf SO, sagt Stefan Keller begeistert: «Der Start und die Landung im Rollstuhl fühlten sich viel sanfter an als auf Füssen. In der Luft bemerkte ich den Rollstuhl nicht.»

Der 26. Juni 2013 hat Stefan Kellers Leben komplett verändert. An jenem Tag will der Gleitschirmfluglehrer aus Langendorf SO auf dem 1328 hohen Bergrücken Montoz im Jura für seine Schüler die Luftbedingungen prüfen. Keller öffnet seinen Gleitschirm und wird nach wenigen Sekunden von einer «äusserst aggressiven thermischen Turbulenz erfasst», beschreibt er den verhängnisvollen Moment. Der Gleitschirm klappt nach unten, und der als sicherheitsbewusst bekannte Gleitschirmlehrer stürzt aus fast 20 Metern Höhe auf das Startgelände in eine Wiese. Dort bleibt er bewusstlos liegen.

Keller wird ins Berner Inselspital geflogen, wo ein Schädelhirntrauma, eine Oberarmfraktur, Beckenfrakturen, gebrochene Lendenwirbel und Rippen diagnostiziert werden – und Paraplegie.

Wäre Stefan Keller Sekunden früher oder später gestartet, wäre nichts passiert. «Ein Sechser im Lotto ist wahrscheinlicher», sagt er ohne eine Spur von Verbitterung. Seither ist er elf Mal operiert worden. Kürzlich haben Chirurgen Metallimplantate im Schulter- und Rückenbereich entfernt. Jene im Becken und in der Lendenwirbelsäule müssen zur Stabilisation im Körper bleiben.

Keller ist wie die Mehrheit der Paraplegiker inkomplett querschnittgelähmt: Er schafft zu Fuss mit Stöcken täglich rund einen Kilometer, und er kann Treppen steigen. «Aber mit den Stöcken fühle ich mich behindert. Wenn ich im Rolli sitze, sehe ich mich beweglich, sportlich und flink.» Gehe er zu Fuss, höre er von Bekannten, es sei schön, dass er wieder gehen könne. «Die wissen gar nicht, mit welchen Schmerzen das verbunden ist. Der Mensch macht Lebensqualität vom aufrechten Gang abhängig. Das ist falsch.»

Sein Leben sei seit dem Unfall «spannender, reicher, spassiger und verspielter» geworden, obwohl er schon vorher ein erfülltes Leben gehabt habe. Reicher und spassiger? – Er entdecke den eigenen Körper neu, fühle eine Art zweite Pubertät. Verändert hat sich auch sein Verhältnis zur Sexualität, die er als «erfüllter als je zuvor» bezeichnet. Seine Freundin Monique Schacher (35) sitzt seit einem Snowboardunfall in Kanada ebenfalls im Rollstuhl.

Berufswechsel? Das war nie ein Thema

Keller spricht offen über seine Handicaps, lacht, macht Witze. «Mir hat geholfen, dass ich bereits vorher Kontakt mit Querschnittgelähmten gehabt habe. Ich habe gelernt, dass nach einem solchen Unfall das Leben nicht vorbei ist.» Wichtig sei, einen Schnitt zu machen, das alte Leben loszulassen, um Platz für das neue zu schaffen. Ein Berufswechsel kam für ihn aber nicht infrage. «Ich bin Gleitschirmlehrer. Das ist meine Arbeit. Die Schule ist mein Broterwerb. Wenn ich einen Autounfall gehabt hätte, würde ich auch wieder Auto fahren.»

Seit zwölf Jahren ist er Gleitschirmflieger, seit 2007 leitet er die Gleitschirmschule Fluso in Langendorf SO am Jurasüdfuss, und im November 2008 war er Mitbegründer von Wings for People. Diese Organisation bildet Querschnittgelähmte im Gleitschirmfliegen aus und ermöglicht Tandemflüge mit Gleitschirmpiloten.

In den nächsten Wochen wird er seinen Rollstuhl aerodynamischer ausrüsten, allenfalls mit einem Segeltuch. Tochter Stefanie (31) und Sohn Pascal (29) sind vor dem Unfall schon mit ihm im Tandem geflogen. «Jetzt freue ich mich darauf, mit meinem bald dreijährigen Enkel Nahuel Stefan abzuheben.»

DIE EMOTIONEN BEI DER LANDUNG (Aufnahme: Reto Wild)

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Robert Bösch