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05. Januar 2015

Der Fisch-Faktor

Danke für den Fisch!
... und Danke für den Fisch! Nach drei Tagen wirds für die Familie auf Verwandtenbesuch Zeit, heimische Gefilde aufzusuchen. (Bild Getty Images)

Als wir am dritten Abend in die Gästebetten krochen, war Ida noch Ida, Eva noch Eva, Herr Leinenbach noch Herr Leinenbach und ich noch ich. Irgendwann nachts, es muss so zwischen drei und vier Uhr gewesen sein, vollzog sich die Verwandlung. Es tat nicht weh, und wir hätten es auch um ein Haar nicht bemerkt. Wäre da nicht dieser Geruch gewesen. Als die Sonne aufging, stank es im Gästezimmer nach Fisch. Nach sehr altem, sehr schleimigem Fisch. «Auweia, es ist schon wieder passiert», sagte Herr Leinenbach. Ich nickte und kraulte Evas Rückenflosse. Dann öffnete ich mein Fischmaul: «Wir sollten dann bald die Heimreise antreten.» Alle blubberten zustimmend.

Wir verwandeln uns jedes Jahr in Fische. Es passiert immer ausgerechnet dann, wenn wir auf Verwandtschaftsbesuch sind. Manchmal erst am fünften Besuchstag, gelegentlich auch schon vor dem vierten. So oder so bleiben uns einige schuppenfreie Tage. Deswegen halten wir auch von Herzen gerne an der Tradition fest und besuchen die Verwandtschaft. Die Choreografie ist übrigens jedes Jahr ähnlich: Nach einer mehrstündigen Fahrt lenke ich unsere Familienkutsche in Grosspapis Garageneinfahrt und hupe laut. Die Grosseltern strecken ihre Köpfe aus dem Küchenfenster und winken. Dann entern wir das Haus. Mit all unseren Koffern, Taschen und Päckli. Ida quietscht vor Freude und will sofort mit Papis alten Legos spielen und Guetsli essen. Pippi muss sie auch noch. Eva bietet dem Grosspapi bereits im Flur an, sein Weihnachtsgeschenk für ihn auszupacken. Die Kinder quasseln ohne Punkt und Komma.
Wir Eltern lassen uns auf das Sofa fallen. Der erste gemeinsame Abend verläuft total harmonisch. Alle haben sich lieb, und die Grosseltern finden es gar nicht schlimm, dass überall Spielzeug herumfliegt. Der nächste Tag ist traditionell auch noch gut. Eva plärrt? Och, das bringt doch Leben ins Haus. Ida täubelt? Kein Problem. Die Eltern der beiden Mädchen würden gerne in den Ausgang? Nur zu! Es könnte eigentlich immer so weitergehen. Fisch-Faktor? Noch nie davon gehört.

In diesem Jahr ging es am dritten Tag los. Ein Schüppchen hier, ein Blubbern dort. Der Grossvater wirkte am Zmorgetisch minimal gestresst, die Grossmutter gähnte, dass es krachte. Seid ihr etwa müde? Herr Leinenbach und ich, wir bemühten uns jetzt besonders. Wir verräumten Geschirr, sammelten Legosteine ein, staubsaugten. Dann schnappten wir unsere Kinder und fuhren mit ihnen ins Hallenbad. «Damit sich Omi und Opi ein bisschen von uns erholen können.» Tief in unserem Innern wussten wir aber, dass die Verwandlung begonnen hatte.

Wissen Sie, was man mit Fisch macht, der stinkt? Richtig. Man drückt ihn fest an sich, küsst ihn, streichelt ihm über den Kopf und sagt, wie schön es war, und dann wünscht man ihm eine gute Heimreise. Der Fisch nickt und ist insgeheim auch sehr froh, dass er bald wieder im eigenen Teich schwimmen darf. Ende gut, alles gut.

Autor: Bettina Leinenbach