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02. März 2015

Der Feind

Ein Mammakarzinom
Ein Mammakarzinom (Bild: Keystone)

Wir sind uns in vielen Dingen ähnlich: Sie ist so alt wie ich, sie raucht nicht, sie trinkt nicht, und sie hat ihre zwei kleinen Töchter sehr lange gestillt. Es gibt aber auch Unterschiede: Sie ist schlank, sie ist sportlich – und sie hat Brustkrebs. Im Herbst entdeckte sie den Knoten. Er war mittelgross und hart. Als sie es mir sagte, wollte ich es erst nicht glauben. War das nicht eine Krankheit, die vor allem Frauen jenseits der Wechseljahre bekamen? Ein Leiden, das einen traf, wenn die Kinder bereits aus dem Haus waren und nicht mehr jeden Morgen zu einem ins Bett krochen und sich an einen kuschelten? Schon merkwürdig, dass viele Menschen es schaffen, in einer Blase zu leben. Bei uns ist alles heile, heile Gänschen, bei uns ist alles gut. Meine Blase zerplatzte, als mir die Kollegin von dem Knoten erzählte.

Das Biopsie-Ergebnis war eindeutig: Mammakarzinom. Dabei ist Mama so ein schönes Wort. Ich erinnere mich noch gut an die Momente, in denen mich meine Kinder das erste Mal so nannten. «Mama» bedeutet Liebe, Geborgenheit, Vertrauen. Die weibliche Brust heisst im Lateinischen nicht zufällig «Mamma». Alle Mütter dieser Welt wissen, dass der Busen ein Sehnsuchtsort ist. Dort ist es warm, dort ist es weich, dort findet man Trost. Und nun? Nun wohnt der Feind im Paradies.

Die Operation verlief erst gut, endete dann aber im Desaster. Der Krebs wucherte und überzog das Paradies mit seinen Ausläufern. Ein zweiter Eingriff folgte. Dann ein dritter. Am Schluss war nichts mehr von dem linken Busen übrig. Totalamputation.
«Glaubst du, dass es Männer gibt, die eine Frau weniger begehrenswert finden, wenn sie nur noch eine Brust hat?» Keine Ahnung. Spielt das überhaupt eine Rolle? Obwohl ich ihren Mann nicht persönlich kenne, glaube ich, dass sie sich diesbezüglich keine Sorgen machen muss. Er weicht ihr nicht von der Seite, er weint mit ihr, er lacht mit ihr, er kämpft mit ihr.

«Du doofer Krebs, du hast dich eindeutig mit der Falschen angelegt!», postete sie neulich auf Facebook. Es klingt sehr trotzig. Das ist gut, oder? Das Mammakarzinom ist nun Teil des Familienlebens. Die älteste Tochter durfte ihrer Mutter die Haare abschneiden, bevor die Chemo begann. Meine Bekannte hat sich keine Perücke gekauft. Sie will ihren Krebs nicht einlullen, will ihn nicht gesellschaftsfähig machen. Es scheint, als wolle sie ihm sagen: «Richte dich hier nur nicht häuslich ein! Hier ist kein Platz für dich.»

Es gibt auch Glück im Unglück. Alle Testergebnisse sind zurück. Das Mammakarzinom ist einfach so entstanden, eine üble Laune der Natur. Meine Kollegin hat kein defektes Gen, das sie an ihre Töchter weitergegeben haben könnte. Noch wichtiger: Die Lymphknoten unterm Arm sind krebsfrei, Lunge, Knochen, alles frei, keine Metastasen in Sicht. Wenn alles gut läuft, dann ist der Krebs nur ein Nebendarsteller im Leben einer Frau. Ein ungebetener Gast, der bald wieder verschwindet. Hoffentlich auf Nimmerwiedersehen.
Obwohl ich nicht der Typ bin, der betet, bete ich dieses Mal für sie.

Autor: Bettina Leinenbach