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24. Februar 2014

Der Fastenblog

Redaktorin Andrea Freiermuth zieht sich für eine Woche zum Fasten zurück und berichtet hier täglich über ihre Erfahrungen. Haben Sie auch schon gefastet? Verraten Sie uns (unter den Blogeinträgen) Ihre Erfahrungen.

Fastenzeit
Wenn nichts auf den Teller kommt: Fastenzeit. (Bild iStockPhoto)

Fastenfans schwärmen von den segensreichen Folgen, die der Verzicht auf Nahrung mit sich bringt: Glücksgefühle, Energieschübe, Entgiftung, Entschlackung – ein Gefühl wie neu geboren!
Migros-Magazin-Redaktorin Andrea Freiermuth isst gern, sehr gern. Und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein leerer Magen Spass machen kann.
Nun zieht sie sich für eine Woche zum Fasten auf den Hof de Planis in Stels GR zurück, um sieben Tage an Kräutertees und Gemüsebrühen zu nippen. Zumindest ist das der Plan – garantieren kann sie für nichts.

Hier können Sie mitleiden: Im Fastenblog tischt die Journalistin jeden Tag ein saftiges Häppchen auf:

Ein Apfel kann das Leckerste der Welt sein.
Ein Apfel kann das Leckerste der Welt sein.

1. März 2014:Wie wunderbar doch so ein Apfel munden kann: Dieses Knacken, wenn die Zähne in die Frucht schneiden. Diese kleinen Blasen, die zwischen den Molaren explodieren und dann ihr süsssaures Inneres preisgeben. Und erst dieses zufriedene Völlegefühl, das bereits nach dem dritten Schnitz einsetzt – so müssen sich Adam und Eva einst gefühlt haben.

Was für ein Festmahl: die Gemüsebouillon!
Was für ein Festmahl: die Gemüsebouillon!

Für uns war der Apfel allerdings keine verbotene Frucht, sondern der Anfang vom Ende der Fastenwoche. Zwei Stunden später sassen wir bereits bei einer Gemüsebouillon. Mit richtigen Karotten- und Selleriestücken drin. Zwar recht weich, aber schön salzig. Und heute Abend soll die Gemüsesuppe sogar mit ein paar Kartoffeln und einem Hauch Fett verfeinert sein.

Die nächsten beiden Tage ist noch Schonkost angesagt. Magen und Darm müssen sich erst wieder ans Arbeiten gewöhnen. Erlaubt sind zum Beispiel Kartoffeln. Und ich weiss auch schon, was ich mir morgen für ein Festmahl zubereite: Gschweltti mit Kräuterquark und einem leichten Frischkäse.

Falls ich je wieder faste, dann wegen dem Fastenbrechen. Es ist schön zu erleben, wie viel wenig ist, wenn man lange nichts hatte. Das ist eine Erfahrung, von der ich hoffe, noch lange zu zehren – nicht nur aufs Essen bezogen.

28. Februar 2014:Der fünfte Tag ohne feste Nahrung: Nie hätte ich gedacht, dass ich das schaffe. Dass die Zeit so schnell vorbeigeht. Und dass ich dabei nicht leiden muss.

Jederzeit möglich: Rückzug ins eigene Zimmer.
Jederzeit möglich: Rückzug ins eigene Zimmer.

Zugegeben: Zuhause hätte ich wohl schon am ersten Tag aufgegeben. Hier im Hof de Planis in Stels (GR) ist es leichter, vom Essen zu lassen. Auf rund 1300 Meter über Meer mit Blick auf das Prättigau lebt es sich fernab von Hektik, Stress und Kühlschrank. Ich kann mich jederzeit in mein Zimmer zurückziehen, am Kachelofen Wärme tanken oder mit der Wolldecke raus an die frische Luft sitzen.

Auf dem warmen Ofen ists sehr gemütlich
Auf dem warmen Ofen ists sehr gemütlich.

Die Fastenwoche in Stels ist bewusst ruhig gehalten. Kein Fastenleiter und kein Pflichtprogramm. Pro Tag gibt es meist bloss eine fakultative Zusatzveranstaltung: Mal eine Stunde Yoga, mal eine Klangreise, mal eine Gesprächrunde mit der Fastenärztin oder der Ernährungsexpertin.

Daneben bleibt Zeit die Umgebung zu erkunden. Durch die Walsersiedlung zu schlendern. Mit den Schneeschuhen durch die Winterlandschaft zu waten. Rauf zum Stelsersee zu wandern und die Zacken der Drusenfluh zu bestaunen.

Stels war schon immer ein Ort der Erholung. Hof de Planis gehört einer Stiftung, die sich einst für überarbeitete Bergbäuerinnen einsetzte. Noch heute bietet das Seminarhotel Auszeiten für Frauen und das zu erschwinglichen Preisen. Der Gästefond für die so genannte «Brachzeit» wird von Spenden geäufnet.

Die Betriebsleiter Jacqueline Stöckli (32) und Rolf Arnold (35) sind der Stiftung unterstellt. Beide sind ausgebildete Köche und stecken ihr ganzes Können in die Zubereitung der Säfte. Sie servieren uns zu jeder Mahlzeit eine andere Geschmacksrichtung: Ananas mit Pfefferminze, Spinat mit Orangensaft oder Stangensellerie mit Apfelsaft.

Die Säfte sind jeweils das Highlight des Tages. Ihr Genuss ein Geschmackserlebnis im Sternebereich. Kein Wunder, wenn sonst nichts auf dem Tisch kommt, werden sich da wohl einige denken. Aber ich glaube nicht, dass ich mit pasteurisierten Säften aus der Flasche durchgehalten hätte.

Super Säfte hin oder her: Ich freue mich auf morgen. Dann nämlich werden wir das Fasten brechen. Das wird himmlisch.

Glasklare Gedanken oder Faden verloren?
Glasklare Gedanken oder Faden verloren?

27. Februar 2014: Ich fliege leider noch immer nicht auf Wolke sieben. Allerdings bin ich etwas entrückt. Und das fühlt sich auch nicht so schlecht an.
Ich kann mich zuweilen nicht konzentrieren, verliere den Faden und es passiert mir, dass ich einfach mal eine halbe Stunde dasitze, den Meisen vor dem Fenster zusehe und an nichts denke. Dann wieder gibt es Momente, in denen ich glaube, glasklare Gedanken und super Ideen zu haben.
Vielleicht ist es dieses Gefühl, das manche Leute meinen, wenn sie sagen, dass Fasten süchtig machen kann. Oder dass es zu innerer Gelassenheit und einer tieferen Spiritualität verhilft.
Fast jede Religion hat ihre Fastenrituale. Sie sind von Gott auferlegt, aber der Mensch hat Tricks gefunden, sie zu umgehen. So wird im Ramadan nur tagsüber auf Nahrung verzichtet. Und in den Klöstern haben die Mönche allerlei Leckerein erfunden, um die Fastenzeit fleischlos zu überbrücken – wobei es zum Teil reichte, wenn man das Fleisch einfach nicht sah.
Das Essen selbst sollte man nicht zur Religion machen. Das zumindest ist die Meinung von Ernährungsberaterin Karin von Burg, die uns heute besucht hat. Sie orientiert sich mit ihren Empfehlungen an der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung.

Zum Fasten gibt es keine Studien, die den wissenschaftlichen Kriterien genügen. Unter anderem, weil sich der Placebo-Effekt nicht ausschliessen lässt – schliesslich weiss man, ob man fastet oder nicht. Ernährungsberaterin von Burg distanziert sich klar von der gängigen Fastenliteratur: «Es gibt keine Beweise, dass der Körper beim Fasten Gifte abbaut – und die viel zitierten Schlacken hat auch noch niemand gefunden.» Zudem sei vom Fasten als Weg zur Gewichtsreduktion ganz klar abzuraten, denn die Kilos, die während der Safttage purzeln, hat man bald wieder auf den Rippen – es sei denn, man stellt die Ernährung langfristig um.
Insofern begreift Karin von Burg das Fasten als eine Möglichkeit, Körper und Geist neu zu erfahren, das eigene Ernährungsverhalten zu überdenken, die Hektik des Alltags abzulegen und sich in Achtsamkeit zu üben. Das können, so von Burg, durchaus positive Effekte des Fastens sein – sofern der Fastende gesund und motiviert für das Experiment sei.

Andrea Freiermuth mit Unternehmensberater Jürg
Journalistin Andrea Freiermuth diskutiert beim Tee angeregt mit Unternehmensberater Jürg. (Bild Tina Steinauer)

26. Februar 2014: Kein Kaffee heute. Allerdings hin und wieder ein leichtes Hungergefühl. Nicht nagend, aber Lust auf was Festes zwischen den Zähnen. Das definitiv. Rührt vielleicht auch daher, dass ich mit meinen beiden Mitfastenden, egal mit was die Unterhaltung beginnt, irgendwann garantiert wieder beim Thema Essen lande – bei unseren Lieblingsgerichten, von kulinarischen Erlebnissen auf Reisen oder besonders raffinierten Rezepten.
Wir treffen uns dreimal am Tag. Zum Zmorgen, zum Zmittag und zum Znacht. Meist sitzen wir dann rund eine Stunde vor unserem Glas und diskutieren neben dem Essen über unser Leben, unseren Stuhlgang und über unsere Motivation zum Fasten.
Jürg wollte einfach mal sehen, wie sich das anfühlt, wie er physisch und psychisch reagiert. Der 53-Jährige ist ursprünglich Handwerker, hat sich in Psychologie und Betriebswirtschaft weitergebildet und arbeitet heute als Unternehmensberater. Zudem ist er sehr sportlich und läuft unter anderem Marathon. Dieser Hintergrund mag erklären, warum Jürg überhaupt dabei ist. Denn fürs Fasten, liess ich mir sagen, interessieren sich deutlich mehr Frauen als Männer.
Astrid ist Lehrerin und suchte nach einem Urlaubsort für die Sportferien. Per Zufall hat die 62-Jährige von der Fastenwoche auf Hof de Planis erfahren und fühlte sich spontan angesprochen. Sie möchte sich bewusst beschränken, Ballast abwerfen, Leere spüren und ihrem Körper und ihrer Seele eine Auszeit gönnen.
Ich wurde vom Chef geschickt. Privat hätte ich mich wahrscheinlich noch nicht zum Fasten angemeldet. Lieber verbringe ich meine Ferien auf dem Rennrad oder dem Mountainbike. Und das geht nicht ohne Essen. Allerdings liebe ich Experimente und neue Erfahrungen. Und ich muss sagen: Fasten ist ein Erlebnis. Ein Abenteuer für das man keine Fernreise und Adventuretour buchen muss.
Morgen bricht der vierte Tag an, an dem ich mich bloss von verdünnten Fruchtsäften und Gemüsebrühen ernähre – und ich bin gespannt, ob dann endlich das Hochgefühl einsetzt, von dem alle Fastenfans schwärmen.

24. Februar 2014 (abends): Ich habe gesündigt: Nach dem Morgensaft habe ich mir einen Kaffee genehmigt. Schwarz, ohne Zucker. Die Wirkung war überwältigend. Erst habe ich drei Stunden an einem Interview gearbeitet, später ging ich sogar Joggen. Kein Vergleich zu gestern. Zuweilen musste ich das Band zwar zwei oder drei Mal abhören und beim Laufen war ich langsamer unterwegs als normal, aber es hat Spass gemacht.
Ob es mir ohne Kaffee so gut gegangen wäre, weiss ich nun leider nicht. Man sagt, dass es ab dem dritten oder vierten Fastentag oft zu Energieschüben kommt. Ich hingegen bin erst beim zweiten richtigen, da ich schon am ersten geschummelt habe. Frau Doktor Bichsel jedenfalls hatte keine Freude an mir und meinte, das könnte sich noch rächen. Ich solle mich lieber dem Gefühl der Müdigkeit hingeben. Anscheinend brauche mein Körper Ruhe.

Entgegen meiner Hoffnung hat sie mir nicht zum Abbrechen geraten. Die Medizinerin, die lange in einer Fastenklinik gearbeitet hat und heute als Hausärztin tätig ist, erlaubt Fasten, solange der BMI nicht unter 18 fällt – mit rund 21 habe ich noch viel Reserven. Als ich ihr sagte, ich hätte gelesen, dass Fasten auch für Magersüchtige gut sei, runzelte sie jedoch die Stirn und meinte: «Das stimmt nicht. Anorexische tun oft nichts anderes als fasten.» Bei ihnen sei eine regelmässige Nahrungsaufnahme das Wichtigste, um das Essverhalten wieder zu normalisieren.
Für mich gibts noch einige Tage Ausnahmezustand. Aber wenn ich morgen wieder so viel Energie wie heute habe, ist das gar nicht so übel. Ich versuche es ohne Kaffee, versprochen.

Ein Glas Spinatbrühe
Der Zmittag: Ein Glas Spinatbrühe.

23. Februar 2014(abends): Erstaunlich, aber wahr: Ich habe keinen Hunger. Als kritischer Geist habe ich dieses Versprechen ehrlich gesagt in den gleichen Topf geworfen wie das esoterische Geschwurbel, das einem in der Fastenliteratur zuweilen aufgetischt wird. Einverstanden: Würde man mir einen Teller Spaghetti servieren, ich würde ihn wahrscheinlich leer lecken. Aber jetzt ists halt nur eine Tasse Orangensaft zum Frühstück und ein Glas Spinatbrühe zum Zmittag.
Das einzige was wirklich stört: Ich fühle ich mich unsäglich müde. Am Vormittag schaffe ich es knapp, 200 Meter in die Höhe zu steigen. Das Bergrestaurant Mollis lasse ich gegen meine Gewohnheit am Wegrand links liegen. Denn wer weiss: Vielleicht würden die Bauchkrämpfe und der Heisshunger doch noch einsetzen, wenn mir die Düfte aus der Küche in die Nase stiegen.
Den ganzen Nachmittag liege ich im Bett. Bei schönstem Wetter in einer verschneiten Landschaft. So was passiert normalerweise nur, wenn ich krank bin. Zu gerne nutze ich blauen Himmel für ausgedehnte Skitouren oder Langlauf.
Fasten ist wie sich künstlich krankmachen: Systemrunterfahren und ausruhen. Vielleicht ist es genau das, was ich brauche. Wo ich doch sonst immer unterwegs und fast schon hyperaktiv bin. Allerdings behagt mir dieser Zustand so ganz und gar nicht. Vielleicht habe ich Glück und Frau Doktor Bichsel, die uns morgen besucht, wird erkennen, dass ich mit 56 Kilogramm bei 1 Meter 65 Körpergrösse viel zu dünn fürs Fasten bin. So ganz leer, wie ich inzwischen bin, fühle ich mich extrem schlank. Wobei: In manchen Büchern steht sogar, dass Fasten für Magersüchtige gut sei. Das kann ich nun wirklich nicht glauben.

Klistier mit Anleitung für den Einlauf schreckte die Journalistin ab
Beim Fasten fällt aller Anfang schwer: Der Klistier mit Anleitung für den Einlauf schreckte die Journalistin ab.

23. Februar 2014: Ob das gut kommt? Schon am ersten Tag habe ich mich nicht an die Regeln gehalten. Eigentlich hätte man bereits ohne Darminhalt einrücken sollen. Doch als ich in der Apotheke stand und das Instrument für den Einlauf sah, wusste ich: No way!
Fasten heisst nicht nur nichts essen. Fasten heisst säubern. Sprich: Alles muss raus. Dabei hilft das so genannte Klistier, bestehend aus einer Flasche und einem Schlauch, der rektal eingeführt wird. Die Anleitung: «Hängen Sie den Behälter an die Wand oder Badezimmertür. Fetten Sie das Schlauchende wegen des leichteren Einführens sorgfältig ein. Entspannen Sie sich, knien Sie sich auf den Boden, stützen Sie die Ellbogen auf. In dieser Haltung lassen Sie das Wasser in den Darm einlaufen.»
Zum Glück gibt es eine zweite Option: Glaubersalz. Es wird in einem Deziliter warmen Wassers aufgelöst und oral eingenommen. Allerdings soll ein Einlauf mit Klistier garantiert innerhalb einer halben Stunde wirken, das Abführen mit Glaubersalz hingegen lässt sich weniger gut timen und ist darum schlecht mit einer Anreise im Zug und Postauto zu kombinieren.
Eine Ausrede? Vielleicht. Die Salzlösung zu trinken, forderte jedenfalls auch Überwindung, war letztlich aber nicht schlimmer als im Solebad Wasser zu schlucken. Das Ergebnis war zufriedenstellend. Nur so viel: Ich war froh, ein Zimmer mit Bad und WC zur Verfügung zu haben.
Die Darmspülung soll die Eingeweide ruhig stellen und somit das Hungergefühl unterbinden. Ein schönes Versprechen, für das man durchaus ein paar schnelle Stuhlabgänge in Kauf nimmt. Aber ob das auch wirklich stimmt?


UND IHRE ERFAHRUNGEN?
Haben auch Sie schon mehrer Tage nach Programm gefastet? Was fiel leicht(er), was schwer? Lohnte es sich, und würden Sie es wieder tun?
Diskutieren SIe gleich hier mit einem Kommentar mit.

Autor: Andrea Freiermuth