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02. August 2016

Der Exot mit dem Wanderkino

Manuel Lindt aus Ottenbach ZH sorgt mit seinem mobilen Lichtspieltheater für ein Stück Nostalgie – und für einen erfrischenden Kontrast zu den grossen kommerziellen Kinoanlässen.

Manuel Lindt beherrscht die Handgriffe
Spule einfädeln – und Film ab: Manuel Lindt beherrscht die Handgriffe routiniert.

Wer kennt sie nicht, die Bilder von Varietés, die in Zelten auf Jahrmärkten einem staunenden Publikum Filme vorführten? Ein grandioses Volksfest, damals, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Die 20-minütigen bis zweistündigen Vorfüh­rungen zählten zu den grössten Attraktionen überhaupt.

Seither ist viel passiert – im Zuge der fortschreitenden Technik hat sich auch das Kino­erlebnis massiv gewandelt. Doch während digitaler Mainstream in 3-D-Technik und Blockbuster-Mentalität die Kinosäle prägen, zelebriert einer stoisch die Nostalgie: Manuel Lindt (42) aus Ottenbach ZH projiziert die Bilder mit seinem mobilen Lichtspieltheater und mit analoger 35- oder 16-Millimeter-Technik auf die Leinwand – und versetzt das Publikum damit in (Ur-)Grossmutters Zeiten.

Lichtspielromantik unter freiem Himmel
Lichtspielromantik unter freiem Himmel: Auf Wunsch werden Decken gereicht.

Lichtspielromantik unter freiem Himmel: Auf Wunsch werden Decken gereicht.

«Meine Passion für das bewegte Bild habe ich während der Schulzeit entdeckt», erzählt Lindt. «Ich musste einen Vortrag halten und hatte keine Lust dazu. Also lieh ich mir die Filmkamera eines Nachbarn, weil ich dachte, dass ich es mir damit ganz einfach machen könne – ich musste aber feststellen, dass es viel mehr Arbeit bedeutete.»

Manuel Lindt hat eine Lehre als Hochbauzeichner und die gestalterische Berufsmittelschule absolviert. Heute bezeichnet er sich als Kulturmensch, Veranstalter, Theatertechniker, Lichtgestalter, Filmemacher – und eben auch als Wanderkinobetreiber. Der «Kulturtäter», der daheim in Ottenbach ohne Fernseher lebt, ist zudem ­Geschäftsführer bei der Agentur Kulturbau, wo er Kleinkunstveranstaltungen koordiniert und für die Theatertechnik und das Wohlergehen der Künstler sorgt.

Was vor Jahren klein anfing

Seit 2009 betreibt Manuel Lindt sein Wanderkino. Schon viele Jahre zuvor war Lindt im Bereich Open-Air-Kino unterwegs, damals noch als Angestellter. Es war die analoge Zeit; Beamer, mit denen man draussen ein anständig grosses Bild auf die Leinwand hätte projizieren können, waren damals noch Zukunftsmusik.

Seinem ehemaligen Arbeitgeber hat Lindt einen kleinen Projektor abgekauft, den man in drei Teile zerlegen kann und so einfacher die Treppe hochbekommt. Auch einen Tischprojektor hat er übernommen. Mit einem guten Freund hat er alles umgebaut, sodass sich damit auch die alten Stummfilme abspielen lassen.

Im ersten Jahr bespielte Manuel Lindt zwei bis drei Orte. Meistens kamen die Aufführungen über Leute zustande, die er über mehrere Ecken kannte. Danach wurden es von Jahr zu Jahr etwas mehr Vorstellungen.
Vor drei Jahren war Manuel Lindt mit dem Wanderkinobus auf einer kleinen Sommerferientournee in der Deutschschweiz. In deren Rahmen fanden auch Aufführungen in privaten Gärten mit Hutkollekte statt. Eine Aktion mit Nachhall: Einige «Wiederholungstäter» gestalten nun jährlich gemeinsam mit Lindt einen Filmabend.

Auch für Kinder ein Vergnügen

Manuel Lindts Frau Claudia (37) ist wann immer möglich mit von der Partie, betreut während der Pausen den Kiosk mit der kleinen Popcornmaschine und verkauft die selbstgemachten Schleckspiessli, die besonders bei den kleinen Zuschauern grossen Anklang finden. Die Kinder­vorstellungen sind ohnehin der «Brüller» – vor allem die alten Stummfilme kommen sehr gut an, etwa die Laurel-und-Hardy- oder Charlie-Chaplin-Streifen. Dann ist das Gelächter immer besonders gross.

Das Wanderkino trifft man nicht nur in der freien Natur an, sondern auch drinnen: Manuel Lindt präsentiert vermehrt Stummfilme mit Live-Musik-Vertonung.
Einen äusserst stimmigen Anlass bietet beispielsweise die Aufführung von Murnaus «Nosferatu» aus dem Jahr 1922: Claudia Lindt, die auch als Tanz- und Bewegungstherapeutin arbeitet, steuert die Geräuschkulisse bei, und der Pianist Caspar Fries sorgt live für die musikalische Untermalung.
Auf Wunsch lässt sich das sinnliche Erlebnis sogar durch Düfte erweitern.

Beim Winterkino, das auf dem Spielwerkplatz Schöntal im zürcherischen Rikon – dem Winterquartier des Circolino Pipistrello – stattfindet, können die Zuschauer, während sie sich den Film ansehen, in Badewannen mit geheiztem Wasser liegen. Für die auf der Tribüne sitzenden Gäste gibt es Wolldecken, Steinsäckli und alte blecherne Bettflaschen. Und immer wieder werden auf den Film zugeschnittene Leckerbissen geboten: beim Film «Bäckerei Zürrer» etwa ein Marronistand oder eine kleine Bäckerei, zum «Dällebach Kari» ein Coiffeur, der auf Wunsch während der Vorstellung die Haare schneidet. Und für Filmsponsoren stehen VIP-Tischli und Cüpli bereit.

Manuel Lindt frönt ab und zu einer weiteren Passion: Musik ab Schellackplatte hören. Dazu benutzt er – wen wunderts? – den guten alten, aufzieh­baren Plattenspieler. Ein Romantiker durch und durch. 

Infos: www.wanderkino.ch

Autor: Ruth Stylianou-Oberli

Fotograf: Renate Wernli