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15. September 2014

Der ewige Traum: Ohne Fleiss viel Preis

Einen perfekten Körper ohne Training möchten viele. Kein Wunder, kommen immer neue Fitness-Methoden auf den Markt. Das Migros-Magazin hat den Feldversuch gewagt. Bewegungswissenschaftlerin Christina Spengler erklärt im Interview rechts die Hintergründe.

Reto E. Wild
14 Elektroden sorgen bei Reto E. Wild für die muskelaufbauenden Stromstösse.

«Man gewöhnt sich überraschend schnell daran»

14 Elektroden sorgen bei Reto E. Wild für die muskelaufbauenden Stromstösse.
14 Elektroden sorgen bei Reto E. Wild für die muskelaufbauenden Stromstösse.

Da stehe ich nun in meiner dünnen, schwarzen Baumwoll-Unterwäsche. Sie wurde mit Wasser besprüht, damit der Strom besser leitet. Strom? Ja, an mir sind 14 Elektroden angehängt und mit einer Maschine verbunden, die wie die Miniversion eines DJ-Mischpults aussieht. Nur regelt man damit nicht die Lautstärke, sondern die Intensität der Stromstösse.

Plötzlich zwickt es im Lendenbereich. Es fühlt sich an, als ob Ameisen in meinem Körper krabbeln. Offensichtlich geht es also mit dem Training los – unter dem wachsamen Auge von Rolf Haefeli (39), Geschäftsführer von Miha Bodytec Training in Zürich. Er bestimmt die Stärke der Stromstösse. In den ersten Minuten sind sie unangenehm wie Nadelstiche, doch überraschend schnell gewöhnt man sich daran.

Auf einem Bildschirm zeigt man mir, welche Übung ich zu welchem Impuls machen muss. Einmal muss ich die Hände zusammenpressen und komme mir wie ein Zen-Buddhist vor, bei der nächsten Belastung gilt es, die Arme zur Seite zu bewegen. Selbst ich als ungelenker Langstreckenläufer verstehe, wie ich mich zu bewegen habe – und falls nicht, korrigiert mich Haefeli. Ich komme fast nicht ins Schwitzen, weil die Intensität beim ersten Training tief eingestellt ist.

Langsam freunde ich mich mit den Stromstössen an, was mit der leicht masochistischen Veranlagung zusammenhängen mag, die bei Marathonläufern verbreitet ist. Bereits nach 25 Minuten freue ich mich diebisch, dass diese Stimulation rund 3000 Mal Gewichtdrücken entsprechen soll.

40 Stunden später habe ich einzig im Gesäss leicht Muskelkater; beim ersten Training wird bewusst vorsichtig dosiert. Und trotzdem habe ich selten in so kurzer Zeit so effizient trainiert. Ich gehe wieder.

«Das wird gemütlich»

Statt auf dem Boden macht Sabine Müller die Übungen auf einer vibrierenden Platte
Statt auf dem Boden macht Sabine Müller die Übungen auf einer vibrierenden Platte.

Es klang verlockend, ich sollte etwas ausprobieren: Sport für Faule auf einem Gerät, das zwar nicht mehr ganz neu, aber momentan sehr im Trend ist. Ich buche also eine Probelektion und freue mich auf eine entspannende halbe Stunde – länger dauert so ein Training nicht –, nach der ich lässig und ohne Schweissflecken in die Redaktion zurückkehren würde.

Man brauche nur bequeme Kleidung, wird mir gesagt, ein Tuch und eine Wasserflasche. Das kann nur gemütlich werden. So ist es auch. Jedenfalls für den Fotografen, der lustige Kommentare von sich gibt. Und für die Personal-Trainerin, die mich anfeuert.

Es fängt schon gut an. Kniebeugen auf einem Bein, bei denen ich auf einer weichen Gummimatte balanciere, die plötzlich zu vibrieren beginnt. «Wie eine Waschmaschine im Schleudergang», tönt es von hinten. Ich finde das gar nicht witzig, sondern ziemlich anstrengend, aber ich halte durch. Und ich halte auch den Mund, es kommt ohnehin nur Unverständliches heraus, so klappern mir die Zähne beim Versuch zu sprechen.

Nach 30 Sekunden ist das Gerüttel vorbei. Nicht lange. Weiter geht es mit verschiedenen Bein-, Bauch- und Poübungen sowie Liegestützen. Kaum habe ich die jeweils richtige Haltung, werde ich erneut durchgeschüttelt. Ich ergebe mich also diesen 25 Minuten und absolviere ein Training, das mir teilweise amüsante Positionen, vor allem aber Konzentration und Koordination abverlangt. Kräftezehrend und sicher wirkungsvoll ist eine Übung, bei der ich in einer angedeuteten Sitzposition, elastische Reifen mit Schenkeln und Händen zusammendrücke. Dagegen ist gegen Ende des Programms die «Nixe», bei der man seitlich liegend die Beine nach oben bewegen muss, geradezu entspannend.

Das Prinzip, nach dem Power Plate funktioniert, ist einfach. Wenn man Übungen, die man sonst auf dem festen Boden macht, auf eine vibrierende Gummiplatte verlegt, müssen die Muskeln zusätzlich gegen das Rütteln arbeiten und spannen sich viel stärker an. Dadurch wird auch die Tiefenmuskulatur angesprochen. Je nach Trainingsstand wird die Stärke der Vibration nach und nach erhöht. Meine Probestunde fand auf der schwächsten Stufe statt, trotzdem hatte ich am nächsten Tag Muskelkater.

Autor: Reto E. Wild