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07. März 2016

DER Euro existiert nicht

«L’euro n’existe pas»: Die Eurozone bildet keine Einheit. Während Deutschland profitiert, hat Nichtmitglied Schweiz die Nachteile.

Reale effektive Wechselkurse
Teure Schweiz, billiges Deutschland: Reale effektive Wechselkurse einzelner Länder (indexiert: 100 = 1996) basierend auf den Lohnstückkosten.

«La Suisse n’existe pas.» So lautete das provokative Motto der Schweiz an der Weltausstellung 1992. Doch wie fällt der Befund aus, wenn wir die Existenz der europäischen Währung hinterfragen? Meine Antwort lautet: «L’euro n’existe pas» – der Euro ­ ist ­bis heute kein homogener Wäh­rungsraum.

Stattdessen werden die wirtschaftlichen Gegensätze in der Eurozone immer grösser. Diese wachsende Ungleichheit ist­ in der Grafikoben dargestellt. Die Kurven zeigen, wie günstig oder teuer ein Land produziert. Nehmen wir zuerst den sogenannten realen effektiven Wechselkurs Italiens, also den Kurs des «italienischen Euros» (eine genaue Erklärung dazu finden Sie auf Blog.migrosbank.ch ): Wie wir sehen, hat sich dieser seit 2000 stetig verteuert. Der Grund ist der überproportionale Anstieg der Lohnstückkosten.

Früher, zu den Zeiten der Lira, hätte Italien seine eigene Währung abwerten können, um diese Entwicklung zu korrigieren und den Exporteuren zu neuer Konkurrenzfähigkeit zu verhelfen. Das funktioniert in der Eurozone nicht mehr. In Deutschland ist die Situation genau umgekehrt: Die Grafik verdeutlicht, dass der «deutsche Euro» viel zu günstig ist. Zum Vorteil der deutschen Exportwirtschaft, die ihre Güter zu tieferen Preisen verkaufen kann.

Wie steht es nun mit dem realen effektiven Wechselkurs der Schweiz?
Aus der Grafik geht hervor, dass die Finanzkrise zu einer starken Aufwertung des Frankens führte, weil unser Land als «sicherer Hafen» gesucht war. Für die Schweizer ­Exporteure bedeutet das zwar keine Benachtei­ligung im Vergleich zu ­Italien – denn die dortige Industrie leidet unter dem ebenfalls zu teuren «italienischen Euro».
Umso grösser jedoch ist das Handicap gegenüber der Konkurrenz aus Deutschland, die vom schwachen «deutschen Euro» profitiert. Der Währungsvorteil Deutschlands liegt bei rund 25 Prozent. Für die Schweizer Wirtschaft wiegt dies umso schwerer, als Deutschland auch der mit Abstand wichtigste Handelspartner ist.

Bald wird die Europäische Zentralbank die Geldschleusen noch mehr öffnen, um die Währung weiter abzuschwächen. Damit dämpft sie den Euro-Frust in Italien, Spanien oder Frankreich. Doch der grösste Nutzniesser des schwachen Euros bleibt die deutsche Exportwirtschaft. 

Autor: Albert Steck