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21. März 2016

Der Esel war ich

«Sonntagsschulnegerli»
Ein sogenanntes «Sonntagsschulnegerli».

Dass wir auch samstags zur Schule gehen mussten – schon dies wollen unsere Kinder ja kaum glauben. Aber sonntags? «Verzell ke Seich, Vati!» Doch, ich ging in die Sonntagsschule. Weil der Fredi und der Res und der Beat auch gingen. Öfter versäumte ich sie zwar, aber immerhin machte ich mal in einem Krippenspiel mit. Ich war, glaub ich, der Esel – erzähle aber lieber, ich hätte einen der ­Könige aus dem Morgenland gespielt.

Und was sie mir schon gar nicht glauben mögen, die Kinder: Nach der Bibelstunde durften wir einen Batzen ins «Sonntagsschulnegerli» werfen – ein geschnitztes Kässeli in Form ­eines dunkelhäutigen Kindes, die Hände ­gefaltet. Steckte man ein Fünfzig-Rappen-Stück oder gar einen Zweifränkler in den Sammelschlitz, nickte das Kind zum Dank. Anfang der 1970er-Jahre war das. Dass wir noch «Negerli» sagen durften, erstaunt heute.

Bänz Friedli (50) war sonntags ganz brav.

Viel schlimmer war jedoch der eingebaute Mechanismus, der selbiges Negerlein zum Nicken brachte. Unterwürfig nickte es, devot. Als hätten wir edlen Herrenmenschlein soeben etwas enorm Gutes getan! Dabei hatten wir nur ein Geldstück gespendet, das uns die Eltern mitgegeben hatten. Und dachten vermutlich – wir waren ja nicht anders erzogen worden –, wir braven Schweizer seien ganz, ganz tüchtig und müssten diesen armen ­Afrikanern halt ein bisschen nachhelfen. Wie viel Unrecht unsere Religion auf anderen Kontinenten angerichtet hatte, davon war nie die Rede in der Sonntagsschule. Schon gar nicht davon, wie sehr unser Wohlstand auf deren Armut beruhte.

Man kann Wörter tilgen, gewiss. Niemand sagt mehr «Negerli», und in Neuauflagen von «Globi» und «Die kleine Hexe» wurde das Wort ersetzt. Aber man tilgt damit nicht die Haltung, die dahinter stand.
Es mag keine Sonntagsschulnegerlein mehr geben. Das heisst indes nicht, dass es auch den Hochmut nicht mehr gibt und die Ausbeutung. Wie heisst nur schon die Firma mit Sitz in Baar, die mit Rohstoffen aus der sogenannten Dritten Welt geschäftet? Keiner macht sich in der Schweiz die Hände dreckig – und vermutlich sollten die «Negerlein» noch dankbar nicken, dass sie in gefährlichen Stollen zu Hungerlöhnen schuften «dürfen».

Das schreibt sich jetzt so leicht, ich weiss. Gescheiter würde ich es dann bedenken, wenn ich das nächste Smartphone kaufe: dass es voller Kupfer, Aluminium, Silber, Kobalt und Seltenen Erden steckt, für deren Gewinnung Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen krampfen mussten.
Aber darf ich trotzdem ein wenig schadenfreudig sein über den massiven Gewinneinbruch besagter Firma? Oder sagen wir es so: Ich nehme ihn zur Kenntnis. Mit einem Nicken. 

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli