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08. August 2016

Der erste Schultag

Jetzt wird es für viele Kinder ernst. So auch für Sarai, die zum ersten Schultag in der Primarschule Hanfland in Buchs SG antritt. Und für ihren Bruder Yoshua, der in die 3. Klasse wechselt. Aber auch für ihre Eltern und Lehrerinnen ist dieser Tag ein ganz besonderer.

Sarai (6), angehende Erstklässlerin

Sarai vor ihrem ersten Schultag
Sarai (6) vor ihrem ersten Schultag

«Ich freue mich auf die Schule! Am meisten auf das Schwimmen, denn ich bin eine Wasserratte. Unter Wasser schwimme ich schon ziemlich gut. Ich freue mich auch aufs Lesen- und Schreibenlernen. Und darauf, dass ich auch Dinge lernen werde, die ich dann zu Hause dem Mami erklären kann. Meinen Namen und ‹Baum› kann ich schon schreiben. Und irgendwann werde ich ganze Bücher lesen können. Ein bisschen nervös bin ich schon. Am ersten Tag werde ich schüchtern sein, am zweiten noch ein bisschen und am dritten nicht mehr. Von meinem Bruder Yoshua habe ich bisher nichts über die Schule erfahren. Etwas traurig bin ich schon, dass der Chindsgi vorbei ist. Das Spielen werde ich vermissen, wie alle anderen auch. Ich habe einen Glücksstein, den ich am ersten Tag in die Schule mitnehmen werde. Ich glaub, das wird cool. Mega cool sogar!»

Yoshua (8), Bruder von Sarai, bald Drittklässler

Yoshua, Bruder von Sarai, bald Drittklässler
Yoshua (8), Bruder von Sarai, bald Drittklässler

«An meinem ersten Schultag haben wir Zitronensaft gemacht. Ich weiss noch, dass ich etwas nervös war. Meine Schwester Sarai wird viel lernen in der Schule. Sie muss sich aber auch anstrengen und darf sich nicht vor der Arbeit drücken, wie ich es oft gemacht habe. Und Sarai muss auch gehorchen. Sagt die Lehrerin etwas, zählt das. Ich hoffe, sie findet viele Freunde. In meiner Klasse war es zwei Jahre super. Dann ging meine Lieblingslehrerin. Sie war nicht zu lieb und nicht zu streng, einfach genau richtig. Mit der neuen Lehrerin gefiel es mir weniger. Und ich fühlte mich plötzlich auch ausgeschlossen. Da hat Sarai hoffentlich mehr Glück. Vielleicht wird es ein bisschen schwierig für Sarai, wenn sie weniger spielen kann – sie spielt so gern. Aber es wird ihr bestimmt gefallen in der Schule. Ich freue mich für sie.»

Corina Rohrer (35), Mutter von Sarai und Yoshua, Exportsachbearbeiterin

«Der erste Schultag ist ein spezieller Tag, und ich freue mich mit Sarai auf den neuen Lebensabschnitt. Sie wird das locker meistern. Und doch mache ich mir auch so meine Gedanken: Wird sie sich gut konzentrieren können und aufpassen? Sie ist noch so verspielt. Ich sorge mich schon auch, denn Yoshua hatte eine schwierige Phase in der Schule. Beide haben ihren eigenen Kopf und müssen lernen, sich anzupassen. Mit Sarais Schuleintritt muss ich auch ein Stück mehr loslassen. Diese Ablösung ist gar nicht so einfach. Unsere ganze Familie muss einen neuen Rhythmus finden. Es wird immer wieder Probleme geben, die gehören zu jeder Schulkarriere. Meine Aufgabe ist es, Sarai zu begleiten, sie aufzufangen und wieder aufzubauen, wenn es schwierig wird. Die Schule soll Spass machen, sonst stehen uns lange Jahre bevor.»

Yuri Tapia und Corina Rohrer, Vater und Mutter von Sarai und Yoshua
Yuri Tapia (46) und Corina Rohrer (35), Vater und Mutter von Sarai und Yoshua

Yuri Tapia (46), Vater von Sarai und Yoshua, Pöstler

«Ich freue mich auf die neue Etappe in Sarais Leben. Sie wird neue Freunde finden und neuen Herausforderungen begegnen. Ich mache mir keine Sorgen um sie. Sie ist sozial, intelligent und bleibt immer ruhig. Sollten sich Probleme ergeben, wird sie sie lösen können. Mir bedeutet es sehr viel, dass sie zu Kindern aus anderen Kulturen eine gute Beziehung aufbaut. Schliesslich vermitteln Eltern ihren Kindern ihre Werte und Lebensanschauungen, und so kann unsere Tochter ganz viel von den anderen Mädchen und Buben lernen. Der Schulstoff ist natürlich wichtig. Noch wichtiger aber ist es, dass Sarai lernt, mit allen respektvoll umzugehen. Das ist die Voraussetzung für ein zufriedenes und glückliches Miteinander. Und das ist auch für das Leben nach der Schule entscheidend.»

Nicole Thommen (51), Lehrerin von Sarai im Jobsharing

«Ich bin vor dem ersten Schultag immer nervös – auch wenn ich ­bereits zum achten Mal mit einer ersten Klasse starten werde. Wir müssen einander erst kennenlernen, mit all unseren Eigenheiten. Es ist wichtig, dass die Kinder an ihrem ersten Schultag einen guten Eindruck von der Schule und von uns gewinnen und gerne wiederkommen. Etwas Bauchweh macht mir immer die Frage: Kann ich alle Kinder dort abholen, wo sie stehen? Sie haben ganz unterschiedliche familiäre Hintergründe und bringen ganz verschiedene intellektuelle Voraussetzungen mit. Ich freue mich sehr auf die Fortschritte, die die Kinder machen werden. Es geht nirgends so schnell vorwärts wie bei den Erstklässlern. Die Klasse zu einem Team zusammenzuschweissen, dauert mindestens bis zu den Herbstferien. Die ersten gemeinsamen Wochen sind wahnsinnig streng, aber auch schön.»

Vroni Schmidlin und Nicole Thommen, Lehrerinnen von Sarai
Vroni Schmidlin (61) und Nicole Thommen (51), Lehrerinnen von Sarai

Vroni Schmidlin (61), Lehrerin von Sarai im Jobsharing

«Ich bin gespannt auf die frischgebackenen Schülerinnen und Schüler und wie sie sich bei uns zurechtfinden. Viele von ihnen brauchen noch Hilfe beim Alltäglichen wie beim Umziehen fürs Schwimmen. Die Erstklässler müssen ein grosses Pensum leisten und länger stillsitzen, als sie es gewohnt sind. Die Heterogenität der Klasse wird für uns eine Herausforderung, denn 14 der 18 Kinder haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Damit ein Kind lernen kann, muss die Atmosphäre in der Klasse stimmen. Wir wenden viel Zeit dafür auf, dass alle Kinder ihren Platz in der Gemeinschaft finden. Die Vermittlung des Stoffes steht nicht immer im Vordergrund. Für die Erstklässler ist es wichtig, dass ihre Eltern noch mitdenken und sie unterstützen. Zum Beispiel beim Thekpacken, bei den Hausaufgaben, aber auch wenn es darum geht, rechtzeitig in der Schule zu sein. Anfangs wird sowohl den Kindern als auch den Lehrpersonen einiges abverlangt.»

MEHR ZUM 1. SCHULTAG

Für gut 80'000 Mädchen und Buben in der Schweiz beginnt in diesen Tagen ein neuer Lebensabschnitt. Sie lassen den Kindergarten hinter sich und drücken als Primarschüler erstmals die Schulbank. Der erste Schultag ist ein besonderer Tag im Leben aller Kinder und ihrer Eltern. Die meisten Erstklässler freuen sich schon lange darauf, den neuen Thek samt Utensilien in die Schule zu tragen. Es erfüllt sie mit Stolz.

Vermutlich schwingt auch etwas Nervosität mit, wenn der grosse Tag näher rückt. Die Eltern denken unweigerlich an ihren eigenen ersten Schultag zurück und verspüren auch etwas Wehmut, weil ihnen dabei bewusst wird, wie schnell doch die Zeit vergeht.

Mit dem Schuleintritt geht für viele die Unbekümmertheit der ersten Lebensjahre verloren. Vater und Mutter werden sich fragen, ob alles gut kommt – jetzt, da der «Ernst des Lebens» beginnt. Wird ihr Kind passende Freunde und seinen Platz im Klassenverbund finden? Wird es mit der Lehrerin oder dem Lehrer gut klarkommen? Ist es bereit, den Schulweg alleine zu gehen, sich auf dem Pausenplatz durchzusetzen, sich auf den Lernstoff zu konzentrieren?

Autor: Monica Müller

Fotograf: Jorma Müller