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14. Dezember 2015

«Engel sind die Strassenarbeiter Gottes»

Der Kulturwissenschaftler und Theologe Uwe Wolff glaubt an die Existenz von Engeln und begibt sich damit auf den schmalen Grat zwischen Religion und Esoterik.

Der Engel am HB Zürich
Engel überall: Im Zürcher Hauptbahnhof wacht Nikki de Saint Phalles «Nana» über das Schicksal der Reisenden – und über das Treiben am Weihnachtsmarkt.

Über ein Dutzend seiner Bücher handelt von Engeln. Uwe Wolff, Theologe und Kulturwissenschaftler aus Bad Salzdetfurth in Niedersachsen, bannt die unfassbaren Wesen nicht nur auf Papier, sondern erforscht auch ihre Anwesenheit in stürmischen Zeiten.

Uwe Wolff (60) ist Dozent für 
literarisches  Schreiben an 
der Universität Hildesheim.
Uwe Wolff (60) ist Dozent für literarisches Schreiben an der Universität Hildesheim.

Uwe Wolff, Sie bezeichnen sich als Engelforscher. Wie ergründet man ein Gebiet, das nicht sichtbar ist?
Die Engel kommen aus einer inneren Welt, einer Welt, die wir mit dem Auge des Herzens und den Ohren der Seele wahrnehmen. Sie sind nichts Beweisbares, sondern eine innere Erfahrung.

Also eine Glaubenssache?
Und eine Sache des Vertrauens. Engel kommen überall in unserer Kultur vor, in allen Weltreligionen, in der Dichtung, in der Malerei, im Film und in der Musik.

Wie definieren Sie denn Ihren Forschungsgegenstand?
Engelforschung ist Menschenforschung. Die Boten Gottes offenbaren sich in der Biografie von Menschen. Sie treten in Schlüsselmomenten des Lebens auf, etwa wenn wir eine Krise durchstehen oder einen Umbruch verarbeiten müssen. Ich schaue, welche Spuren die Engel in der Seele der Menschen hinterlassen.

Was sind das für Menschen, die an Engel glauben?
Diese Leute kennen Erschütterung, spüren aber zugleich etwas Unzerstörbares an sich. Der Glaube an Engel ist der Glaube an die Kraft des Guten.

Ist das nicht etwas naiv?
Das Wort «naiv» leitet sich vom lateinischen Begriff «nativus» für «ursprünglich» ab. Der Engel ist die Aufforderung, zum Kind in uns zurückzukehren – zum Urzustand, zu unserem Urvertrauen.

Was halten Sie von Menschen, die behaupten, sie könnten mit Engeln sprechen?
Und sich damit eine goldene Nase verdienen? Das ist esoterischer Humbug, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Engel sind immer umsonst. Und sie brauchen auch kein Medium, sie sind selber eins.

Uwe Wolff freundete sich bereits in der Kindheit mit den Engeln an. Sein Vater war zwar Atheist, aber seine Mutter erzählte ihm jeweils vor dem Schlafengehen faszinierende Geschichten über geflügelte Leibwächter. Daran erinnerte er sich Jahre später als junger Religionslehrer. Sie halfen ihm durch seine erste Lebenskrise: Er empfand den protestantisch geprägten Stoff als staubtrocken und leblos und zweifelte bereits an seiner Berufswahl. Wie bloss sollte er die pubertierenden Gymnasiasten für Religion begeistern? Die Engel offenbarten sich als Lösung: Er köderte die Jugendlichen mit den schillernden Geschichten von Engeln.

Sie haben an einem protestantischen Gymnasium unterrichtet. Der Kult rund um die Engel stammt aus dem Katholizismus. Bekamen Sie keine Probleme mit Ihren Kollegen?
Es gab tatsächlich Ärger. Der Schulrat liess beim Schulleiter nachfragen, ob ich nun abhebe. Ich sei doch ein gebildeter Mann, wie ich da an Engel glauben könne.

Wie sah Ihr Unterricht konkret aus?
Oft ging ich von Engelsdarstellungen der Kunstgeschichte aus. Was passiert in der dargestellten Szene? Warum haben manche Engel Flügel, ein Schwert oder einen Stock? Und welche Gefühle und Assoziationen weckt das Bild? Häufig liess ich die Kinder auch zeichnen. Religion ist wie Tanzen: Um zu verstehen, was Tango ist, reicht es nicht, wenn mir jemand diesen Tanz erklärt – man muss ihn fühlen.

Uwe Wolff fühlte sich als Kind und später als Lehrer auf wundersame Weise geleitet durch Schutzengel. Er sah sie nicht, wusste aber, dass sie ihm stets zur Seite standen. Seine erste Engelserscheinung hatte er im Alter von 40 Jahren: Er befand sich auf einer Reise in der russischen Arktis, auf der Insel Uschakow, mehrere Flugstunden von der Zivilisation entfernt. Wolff war tief beeindruckt von der Schönheit der Natur, fühlte sich jedoch gleichzeitig bedroht von der Weite und Wildnis. Er stellte sich vor, wie verloren er wäre, wenn er krank oder der Hubschrauber seinen Geist aufgeben würde. Er hatte plötzlich das Gefühl, da nie wieder lebend herauszukommen. Angst ergriff ihn, grosse Angst. Doch bevor er darüber zerbrechen konnte, hatte er eine Vision: Da waren drei grosse Lichtgestalten am Horizont – und so, wie ihn zuvor enorme Panik überwältigt hatte, kehrte nun eine immense Ruhe in ihm ein.

Ein Neurologe würde sagen, dass Ihr Körper infolge der Angst Endorphine ausschütte – und dass durch diesen Hormonschub Ihre Nerven verrückt spielten.
Das stimmt wahrscheinlich auch. Alles, was wir wahrnehmen, hat eine physiologische Ursache. Aber das ist nur die biologische Grundlage für das religiöse Erlebnis. Die Frage ist: Wie deuten wir solche Erlebnisse, und was nehmen wir daraus mit? Mich hat diese Vision gestärkt und beflügelt. Das kann mir die Biologie nicht nehmen.

Was halten Sie von folgender These: An Engel glauben nur Menschen, die zu schwach für die Realität sind.
Das ist eine philosophische Haltung. Schon der Denker Friedrich Nietzsche sagte: Gott ist tot. Es gibt keine Orientierung mehr. Deshalb müssen wir über uns hinauswachsen, die Einsamkeit aushalten und lernen, ohne Trost zu leben. Wir müssen Übermenschen werden – Nietzsche ist darüber wahnsinnig geworden.

Ist das auch eine Erklärung dafür, dass Engel gerade jetzt boomen?
Je mehr Gott in die Ferne rückt, desto näher sind uns die Engel. Das kommt nicht von ungefähr. Der Begriff Engel leitet sich etymologisch vom hebräischen Wort für Bote ab. Die Boten Gottes vermitteln zwischen Himmel und Erde. Sie gehen – oder vielmehr fliegen – zu den Menschen, wenn die Kommunikation abzubrechen droht. Engel sind die Strassenarbeiter Gottes. Gerade in unserer Zeit sind sie gefragte Ansprechpartner, da sie in allen monotheistischen Religionen vorkommen – und daher auch zwischen den Kulturen vermitteln können.

Im Jahr 2005 waren Uwe Wolffs Schutzengel erneut gefordert: Seine Ehe zerbrach nach 33 Jahren. Die Frau, die ihn seit seinem 17. Lebensjahr begleitet hatte, verliess ihn für einen anderen Mann. Der Bruch war brutal, zumal seine Lebenspartnerin gleich nach Schweden zu ihrem neuen Freund auswanderte und damit nicht nur ihn zurückliess, sondern auch die drei Kinder, die alle noch in der Ausbildung waren.

Warum wurden Sie von Ihren Schutzengeln im Stich gelassen?
Diese Frage führt in die Mitte des Glaubens. Engel erfüllen den Willen Gottes. Sie lassen uns niemals im Stich. Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Wir geraten in Anfechtungen und erleben jene sehr dunklen Nächte, von denen die Heiligen und Mystiker aller Religionen sprechen. In diesen Stunden wachsen wir und lernen beten: dein Wille geschehe! Das Gebet ist ein wunderbarer Weg zu den Engeln und zum Frieden des Herzens.

Uwe Wolff mit seiner Frau Daniela, seinem Engel.
Uwe Wolff mit seiner Frau Daniela, seinem Engel.

In Uwe Wolffs Wohnzimmer hängt neben diversen Engelsdarstellungen auch eine Kopie von Raffaels berühmter «Sixtinischer Madonna». Besonders bekannt sind die beiden frechen Puttenfiguren am unteren Bildrand; eins dieser Engelchen ist mit dem Foto einer hübschen jungen Frau überdeckt. Sie heisst Daniela und ist seit acht Jahren mit Uwe Wolff verheiratet. «Manchmal offenbaren sich Engel auch in Menschengestalt. Das sind Menschen, die uns nicht nur zu neuem, unverhofftem Glück verhelfen, sondern uns auch inspirieren, Neues zu entdecken», sagt der Engelforscher. Der 18 Jahre jüngeren Frau ist es gelungen, im erklärten Nichttänzer Uwe Wolff die Leidenschaft für den Tango zu wecken – «ein beflügelnder Tanz».

Autor: Andrea Freiermuth