Archiv
06. März 2017

Der Einschlafkrimi

«Das unheimliche Haus von Hackston»
Der Autor blieb bei Vorlesen vor Jahren auf Seite 133 stehen: «Das unheimliche Haus von Hackston».

«‹Ist der Mann mit den Goldzähnen Ihr Chef?› Charly stiess ein höhnisches Lachen aus. ‹Der und Chef. Der tut höchstens mal so …› Als habe er schon zuviel gesagt, kniff er die Lippen zusammen und erhob sich. ‹Wollen Sie schon gehen?›, fragte der alte Mann, und zum ersten Mal kam es Webster zu Bewusstsein, dass er im Augenblick ebenso gefangen war wie sein Gegenüber.»
Hier waren wir stehengeblieben, Seite 133. Dramaturgisch betrachtet wäre das ein klassischer Cliffhanger: ein offenes Ende, welches bewirkt, dass man unbedingt die Fortsetzung kennen will. Für uns hiess es aber vor allem: Zeit zum Schlafen.

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) las gerne vor.

Abend für Abend lasen wir unseren Kindern vor. Und es war nicht ganz einfach, eine Stelle zum Aufhören zu finden, die spannend genug war, damit sie am nächsten Abend mehr hören wollten, aber doch nicht so aufregend, dass sie die Kleinen am Einschlafen gehindert hätte. Hier waren wir im Krimi «Das unheimliche Haus von Hackston» also verblieben: Ein Gefangener hatte soeben seinen Wärter überwältigt, indem er ihm ein Stuhlbein über den Schädel zog, aber jetzt sassen sie beide fest …

Wir lasen, genau genommen, nicht richtig vor. Wir übersetzten die Bücher nämlich laufend ins Berndeutsche, erzählten sie gleichsam im Dialekt nach: «‹Dr Maa mit de guldige Zähn, isch das öie Scheff?› Dr Charly het fiis ggrinset.» Und wir tauchten ein in diese erzählten Welten von «Tintenherz» bis zu den «Schwarzen Brüdern», von Doctor Dolittle bis Perry Clifton. Welten, die mich dann auch tagsüber nicht losliessen. Wunderbar!
Und er, der Warenhausdetektiv, der lieber grössere Fälle löst statt bloss Ladendiebe zu stellen, hatte es meinem Sohn und mir besonders angetan: Perry Clifton! Grandios, wie der Jugendbuchautor Wolfgang Ecke Jahrzehnte vor Youtube und Google Maps seine Schauplätze recherchiert hatte, eine neblige Hochebene im Norden von London etwa, wo in einem gespenstischen Haus Geigen farbig bemalt wurden, die dann dem Schmuggel dienten. Ecke hatte ein Herz für seine Figuren, besonders auch für die Gauner.

«… Und zum ersten Mal kam es Webster zu Bewusstsein, dass er im Augenblick ebenso gefangen war wie sein Gegenüber.» Hier also waren wir stehengeblieben. Dann brach das Vorlesen ab, mitten im Buch. Die Kinder waren grösser geworden, waren abends öfter weg, lasen selber … Deshalb war auf Seite 133 plötzlich Schluss. Ist nun einige Jahre her. Ich müsste unbedingt mal fertig lesen. Wobei, ich hatte das Buch schon mal zu Ende gelesen, 1975, als Bub. Aber an den Ausgang kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.

Bänz Friedli live: 8. 3. Sempach LU

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
Abonnieren: Hörkolumnen mit RSS-Client
Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli