Archiv
15. August 2016

Der Duft der Durian

(Senf-)Glas aus dem Restaurant in Lugano
Das (Senf-)Glas aus dem Restaurant in Lugano.

Souvenirs? Sie! Ich kenne einen, der klaut überall Biergläser, seine Sammlung umfasst Brauhäuser aller Kontinente. Das wäre nicht so mein Stil, mir ist nicht wohl beim Stehlen, und sei es nur dem Mitlaufenlassen eines Wirtshausglases, was ja als Kavaliersdelikt gilt. Lieber behalte ich Gerüche in Erinnerung.

O ja! Jeder Ort hat seinen Geruch. Ich weiss noch, wie es bei Götti roch. Es liegt Jahrzehnte zurück, dass ich bei ihm in den Ferien war, aber der Geruch in einem der Zimmer – es war ein Bastel-, Näh-, und Malatelier – ist präsent.
Keine Ahnung, ob er von einem Lack, einem Putzmittel, einer Farbe herrührte. Steigt er mir heute irgendwo in die Nase, bin ich sogleich im Haus meines Göttis und sehe ihn vor mir, den Gütigen, der mir damals den Indianer-Tomahawk schnitzte, auf den ich so stolz war, bis ein Nachbarskind vorschlug, das Kriegsbeil zu begraben. Und danach fand ich den Tomahawk nie mehr…

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51)

Sehen Sie? Schon drifte ich ab in alte Geschichten. Wegen eines Dufts. Mag sein, dass man heutzutage dank Google Earth binnen Sekunden überallhin auf der Welt gelangt, optisch. Aber das heisst noch lange nicht, dass man dort gewesen ist. Weil man die Luftfeuchtigkeit nicht gespürt, die Geräusche nicht gehört, die Gerüche nicht wahrgenommen hat. Zum Beispiel Durian. Die Frucht mit der stacheligen Schale, die so unglaublich stinkt. Rieche ich sie in einem Delikatessengeschäft, bin ich zurückversetzt ins Jahr 1992, nach Indonesien, höre ich die Marktschreier und sehe, wie tropischer Regen auf den Schotterplatz prasselt.
Man kann einen Flecken Erde im Internet anschauen. Aber nicht riechen, dachte ich stets. Bis mir ein Tourismusfachmann verriet, doch, das sei der letzte Schrei an Ferienmessen: Rundumprojektionen von Landschaften, samt örtlichen Temperaturen und Gerüchen. «Dank dieser Simulation befindet man sich dann förmlich an dem Ort», schwärmte er.

Gerüche? Mich warf letzten Sonntag etwas anderes in die Kindheit zurück: ein Glas. In einem Hipster-Restaurant in Lugano, dessen Inventar aus zweiter Hand stammt: Zerkratzte Tische, gebrauchtes Geschirr und Gläser aller Art, teils schon stumpf, verströmen einen Brocki-Charme, der dem erst vor kurzem eröffneten Lokal Patina verleihen und dem Gast Wohligkeit vermitteln soll. Und wie das bei mir gelang! Das dickwandige Trinkglas mit den pyramidenförmigen Quadraten und der Kristallblume im Boden…
Als Bub trank ich nur aus solchen Gläsern. Darin verkaufte die Migros in den 1970er-Jahren Senf. Einmal geleert, dienten sie als Trinkgläser. Sobald ich eines erblicke, rieche ich Mutters Curryreis!
Ich gab den Luganesi mehr als zwanzig Franken Trinkgeld. Aber das Glas habe ich mitgenommen.

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

Hörkolumnen mit RSS-Client

Website: www.baenzfriedli.ch

Bänz Friedlis Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli