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09. März 2015

Der Drache auf Luzerns Dach

Der starke Franken bringt die Schweizer Tourismusbranche enorm unter Druck. Aufgeben ist keine Option. Im Gegenteil: Auf dem Pilatus etwa geht man in die Offensive und investiert 18 Millionen Franken in eine neue Luftseilbahn. «Dragon Ride» heisst die Fahrt mit dem futuristischen Gefährt. Am 1. April 2015 gehts los.

Kurz vor der Bergstation: «Dragon Ride»
Kurz vor der Bergstation: «Dragon Ride», die neue futuristische Luftseilbahn auf den Pilatus, den Innerschweizer Berg der Berge.

Er ist das Wahrzeichen der Zentralschweiz und mit jährlich 660'000 Gästen einer der landesweit beliebtesten Ausflugsberge: der Pilatus vor den Toren der Stadt Luzern. Auf dem 2132 Meter hohen Gipfel arbeitet und übernachtet eine Arbeitergemeinschaft, die seit bald einem halben Jahr zusammengewachsen ist. Sie ist damit beschäftigt, bei Wind und Wetter zwischen Fräkmüntegg und Pilatus Kulm eine neue, rund 18 Millionen Franken teure Luftseilbahn zu installieren.
Diese fährt ab April 2015 und gibt einen beeindruckenden Ausblick auf das Mittelland mit dem Vierwaldstättersee und die Felsformationen rund um den Pilatus frei. Die bisherigen Seilbahnkabinen sind über 30 Jahre alt.

Per Helikopter zum Arbeitsort
Zeitweise arbeiten bis zu 20 Leute auf dem Pilatus. Einer von ihnen ist Christian Müller (48), seit 2004 eigentlich Fahrdienstleiter bei der Pilatus-Bahnen AG und in dieser Funktion als Wagenführer auf der nur zur warmen Jahreszeit betriebenen Strecke Alpnachstad–Pilatus Kulm eingeteilt. Sie gilt als steilste Zahnradbahn der Welt.
Viele Besucher reisen auf der einen Seite des Bergs mit der roten Zahnradbahn hoch und auf der anderen mit der Seilbahn hinunter.

Nun beschäftigt sich Müller in seinem Arbeitsalltag mit Schneeräumen. Der Wind sorgte für bis zu drei Meter hohe Verwehungen der weissen Pracht. «Weil die Seilbahn während der Installation mehrere Wochen nicht fuhr, mussten wir mit Helikoptern zu unserem Arbeitsort hochgeflogen werden», sagt Müller. An einem Freitag hätten er und seine Arbeitskollegen ins Tal transportiert werden sollen. Doch wegen Wind und Nebels wurde es Dienstag, bis er sein Zuhause in Emmenbrücke LU wiedersah.
«Das war eine lange Zeit hier oben. Wir haben sie mit Arbeiten, Schlafen, Essen, Diskutieren und Fernsehschauen überbrückt.» Übernachtet hat er wie alle anderen Arbeiter im Drei-Sterne-Hotel Bellevue, das diesen
Winter wegen der Seilbahnarbeiten für Touristen geschlossen blieb. In einer Nacht funktionierten weder Heizung noch Internet; der Strom war ausgefallen. Doch von solchen Ereignissen lässt sich Müller nicht aus der
Ruhe bringen. Manchmal fräst er mit seiner Maschine stundenlang den Schnee weg, und nach einer niederschlagsreichen Nacht können sämtliche Spuren seiner Arbeit am nächsten Morgen verwischt sein.
Trotzdem liebt er seinen Beruf. «Er ist sehr abwechslungsreich.» Müller kümmert sich zusätzlich um den Service der Schneefräsmaschinen und der Abwasserpumpen auf dem Berg.

Sandra Bergmann:
Sandra Bergmann: «Die Arbeiter kommen zu mir, wenn sie ein Zimmer, ein Mittag- oder Abendessen benötigen.»

Schlafzimmer «Bellevue»
Auch für Sandra Bergmann (28) ist der Pilatus Arbeitsort, das «Bellevue» Schlafzimmer. Die ausgebildete Hotelfachfrau aus Dresden ist die rechte Hand des Restaurantleiters und hilft, wo sie kann. «Die Leute, die hier oben arbeiten, kommen zu mir, wenn sie ein Zimmer, ein Mittag oder Abendessen benötigen.»
Sie schaut in den Lagerräumen des Hotels nach dem Rechten, kassiert das Geld für die Mahlzeiten, füllt das Buffet im «Bellevue» auf, reinigt die Tische. Die Atmosphäre im Winter, wenn die Sonne scheint und das Mittelland unter dem Hochnebel versinkt, ist einmalig.

Während der Vorbereitungsphase für die neue Seilbahn hatten die Arbeiter fast nur Bergdohlen als Gesellschaft. Bergmann arbeitet fünf Tage hintereinander auf dem Gipfel.
«Es ist entspannend und recht gemütlich. Wir schauen, dass die Handwerker zufrieden sind. Ich finde es sensationell, in den Pausen auf der Terrasse im Stuhl zu liegen. Ich kann die Aussicht und die Sonne ganz für mich allein geniessen.»
Obwohl der Wintertourismus auf dem Luzerner Hausberg wegen der Seilbahnschliessung dieses Jahr praktisch ausbleibt, kommt es für Bergmann trotzdem immer wieder zu überraschenden Begegnungen. Einmal nahm ein Schneeschuhwanderer den beschwerlichen Weg von Alpnachstad durch den Tiefschnee hoch zum Pilatus auf sich und flog danach mit dem Paraglider ins Tal. Ein anderer Abenteurer wanderte von der Krienser Seite, die gefährliche Felspassagen aufweist, mit drei Huskys auf den Gipfel.

Thomas Lerner
Thomas Lerner kümmert sich um die Stromversorgung.

Ebenfalls aus Deutschland stammt Thomas Lerner (34). Er beschäftigt sich in einem Zweierteam mit der Grundstromversorgung und arbeitet von Montag bis Freitag als Elektroinstallateur auf dem Pilatus. «Die Stimmung ist manchmal ein wenig gedrückt, weil man nicht täglich zu seinen Liebsten nach Hause kann. Aber die Aussicht und die gute Verpflegung machen alles wett.» Lerner ist Wochenaufenthalter in der Schweiz und fährt jedes Wochenende zu Freundin und Kind nach Erfurt – wenn das Wetter es zulässt. Wie Müller verbrachte auch Lerner ein unfreiwilliges Wochenende auf dem Berg.

Nationalbank-Entscheid: «Hiobsbotschaft»
Die Arbeiten auf dem Pilatus finden zu einem für die Schweizer Seilbahnen besonders schwierigen Zeitpunkt statt. Als «Hiobsbotschaft » bezeichnet Ueli Stückelberger, Direktor des Verbands der Seilbahnen Schweiz (SBS), den Entscheid der Nationalbank, den Euro-Mindestkurs aufzuheben.
«Falls sich der Franken nicht rasch wieder abschwächt, wird dies in der Bergbahnbranche mit den Tausenden von Arbeitsplätzen in Randregionen Spuren hinterlassen.» Tatsache ist, dass den Seilbahnen der Start ins neue Jahr gründlich missraten ist. Bei Saisonhalbzeit per Ende Januar 2015 mussten sie bei den Gästen schweizweit ein Minus von gut 15 und einen Umsatzrückgang von rund 6 Prozent hinnehmen. Schuld daran ist allerdings nicht der schwache Euro, sondern der späte Schnee. Die Branche steht vor der Herausforderung, Schweizer Gäste zu motivieren, gerade in dieser für die Bergregionen schwierigen Situation Ferien oder Ausflüge im eigenen Land zu verbringen.

Die Pilatus-Bahnen AG lebt zu 50 Prozent von Einheimischen. Was also hat sie unternommen, um mehr Gäste anzulocken? Zwischen Fräkmüntegg und Pilatus Kulm kommt ab April neu berg- und talwärts je eine Kabine mit einer Kapazität von 55 Personen zum Einsatz. Panorama-Sitzplätze im vorderen und hinteren Bereich der leuchtend roten Kabine verleihen dem Passagier das Gefühl, in einem Helikoptercockpit zu sitzen und über Wiesen und Felsen zu schweben. Ein verlängerter Gehängearm und die aerodynamische Kabinenform machen die Seilbahn windresistenter. So muss der Betrieb am windigen Pilatus weniger oft eingestellt werden, was für steigende Umsätze sorgen soll.

Petr Vitek
Petr Vitek bringt ein Gebäck mit Eigelb zum Glänzen.

Eine Sage für chinesische Gäste
Die neue Seilbahn legt die rund 700 Höhenmeter zum Gipfel in gut vier Minuten zurück. «Dragon Ride» nennt sich die Fahrt in den Kabinen mit dem fast schon futuristisch anmutenden Design, weil in den Sagen der Pilatus als Sitz der Drachen gilt. Für die chinesischen Gäste, die auf Platz zwei rangieren, passt das Symbol des Drachens ebenso.
Zur Fräkmüntegg fährt man weiterhin in rund 20 Minuten mit der bald 20-jährigen Gondelbahn ab Kriens. Bereits von 2009 bis 2011 hat die Pilatus-Bahnen AG 32 Millionen Franken in das historische Berghotel Pilatus Kulm, eine wettergeschützte Panoramagalerie, das Selbstbedienungsrestaurant im «Bellevue» sowie ein neues Restaurant auf der Fräkmüntegg investiert.

Der Tscheche Petr Vitek (31) arbeitet das zweite Jahr als Koch für die Pilatus-Bahnen. Während sein Arbeitsalltag im Sommer hektisch ist, kocht er im Winter «nur» für die Arbeiter. Am Montag erfolgt jeweils die
Lieferung der Frischwaren. «Hier oben sind wir ein eingespieltes Team. Die Stimmung ist gut», sagt der Koch. Er lebt seit sieben Jahren in der Schweiz. Die Liebe zum Snowboarden brachte ihn in die Alpen.

Am 1. April löst sich die Gemeinschaft auf dem Pilatus auf. Dann fällt der Startschuss für die Sommersaison, und die meisten Arbeiter gehen im Flachland wieder ihren anderen Tätigkeiten nach.

150 Jahre Schweizer Seilbahnen

Meilensteine Schweizer Seilbahnen (A)
Meilensteine Schweizer Seilbahnen (A)
Meilensteine Schweizer Seilbahnen (B)
Meilensteine Schweizer Seilbahnen (B)

Autor: Reto Wild

Fotograf: Nicola Pitaro