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03. September 2012

Der Dino-Papst

Ben Pabst gräbt im aargauischen Frick nach Dinosauriern. Allein diesen Sommer hat er über 800 Knochen geborgen. Furore machte er 2006 mit der Bergung des ersten und bisher einzigen Exemplars eines Raubdinosauriers in der Schweiz. Rechts finden Sie im Online-Special die wichtigsten Schweizer Dinosaurier-Fundorte.

2006 barg Ben Papst das erste und bisher einzige Exemplar eines Raubdinosauriers in der Schweiz.

Mit gezielten Schlägen löst Ben Pabst (63) mit dem Handpickel einen bräunlichen Gesteinssplitter aus der hellen Lehmwand, die ihn um sechs Meter überragt. Nachdem der Paläontologe das daumenlange Stück vom gröbsten Dreck befreit hat, hält er es an seine Zunge. «Klebt fest — definitiv Dino», sagt er und nickt zufrieden. Was wie ein Scherz tönt, ist ein alter Knochenjägertrick. Der vermeintliche Gesteinssplitter, den der Saurierexperte soeben in der Gruhalde, einer Tongrube in der Aargauer Gemeinde Frick, geborgen hat, ist nämlich Teil eines Plateosaurus, eines rund sechs Meter grossen pflanzenfressenden Dinos. Der Knochensplitter ist so porös, dass er sich an einer feuchten Zunge richtiggehend festsaugt.

Die Gruhalde gilt als eine der ergiebigsten Saurierfundstellen Europas. Durchschnittlich alle zehn Meter stecke ein Dino im Boden, schätzt Pabst, der hier seit 2004 im Auftrag des Kantons Aargau die Suche nach fossilen Knochen leitet. Ein Grossteil sei wohl in den Sümpfen verendet, welche die Region vor rund 210 Millionen Jahren jeweils während der Regenzeit bedeckten. Allein diesen Sommer haben er und seine freiwilligen Helfer — Studenten und Pensionierte — 800 Knochen freigelegt, mit Leim fixiert, nummeriert, kartografiert und anschliessend für den Abtransport mit Gipsbinden gesichert.

Dass in der Fricker Gruhalde Lehm in grossem Stil abgebaut wird, hat sich für die Paläontologen als Glücksfall erwiesen: So stösst Ben Pabst heute auf Knochen von Plateosauriern, die noch vor ein paar Jahren 30 Meter unter dem Boden lagen.
Dass in der Fricker Gruhalde Lehm in grossem Stil abgebaut wird, hat sich für die Paläontologen als Glücksfall erwiesen: So stösst Ben Pabst heute auf Knochen von Plateosauriern, die noch vor ein paar Jahren 30 Meter unter dem Boden lagen.

Seit 120 Jahren wird in der rund drei Hektaren grossen Gruhalde Lehm für die Produktion von Backsteinen abgebaut, unterdessen auch mit Hilfe eines tonnenschweren Trax. «Zum Glück weiss ich nicht, was alles unter den riesigen Raupen zermalmt wurde», stöhnt Pabst. Er weiss aber auch, dass ohne den Einsatz der schweren Maschinen viele der Exponate, die heute unter anderem im Sauriermuseum Frick zu bestaunen sind, nie ans Licht gekommen wären. «Unsere Hauptfundstellen lagen noch vor ein paar Jahren unter rund 30 Meter dicken Lehmschichten», sagt er. Umso glücklicher ist er darüber, dass die Zusammenarbeit mit den Lehmgrubenbetreibern gut klappt und er jeweils mit dabei sein und gegebenenfalls eingreifen kann, wenn der Traxführer in «dinokritische» Zonen vorstösst.

Eine Faustregel besagt, dass die Präparation eines Dinosauriers zehnmal so lang dauert wie dessen Bergung: Ben Pabst mit dem Handknochen eines Fricker Plateosauriers.
Eine Faustregel besagt, dass die Präparation eines Dinosauriers zehnmal so lang dauert wie dessen Bergung: Ben Pabst mit dem Handknochen eines Fricker Plateosauriers.

Aber auch der Knochenjäger braucht ab und zu eine schwere Maschine, genauer einen 30-Tonnen-Bagger, der mit seiner zahnlosen Zweimeter-Schaufel den Boden Zentimeter um Zentimeter abträgt. Ein Geduldsspiel für den Baggerführer, und eine oft stundenlange Konzentrationsübung für Pabst, der Halt signalisieren muss, sobald sich an der Oberfläche etwas Interessantes zeigt. «Im Mergel hat sich das als beste Methode herausgestellt», sagt er, «zumal der Boden bereits ein paar Zentimeter unter der Oberfläche pickelhart ist.» Und selbst wenn dabei etwas zerstört würde — «es ist die einzig vernünftige Methode, um schnell mal ein paar Tausend Tonnen Material absuchen zu können.»

Präparation der Funde erfolgt während der Wintermonate

Der Coelophysidae: Das Modell des Raubdinos, der in Wirklichkeit nur etwa zwei Meter lang war, steht im Sauriermuseum Frick.
Der Coelophysidae: Das Modell des Raubdinos, der in Wirklichkeit nur etwa zwei Meter lang war, steht im Sauriermuseum Frick.

Seit 1961 in Frick erste Knochensplitter auftauchten, wurden ausschliesslich Überreste von pflanzenfressenden Dinosauriern gefunden. Im Frühling 2006 dann die Sensation: Ben Pabst grub Skelettteile eines Raubdinosauriers aus. «Ich habe sofort gesehen, dass wir da auf etwas ganz Neues gestossen sein mussten.» Und tatsächlich: Wissenschaftliche Untersuchungen der Universität Zürich ergaben, dass es sich bei dem Fund um ein rund zwei Meter langes, junges Männchen aus der Familie der fleischfressenden Coelophysidae handelt, die vor rund 200 Millionen Jahren lebten. Damit war erstmals mit einem Skelett belegt, dass es auch in der Schweiz Raubdinosaurier gegeben hatte. Bei einer späteren Grabung stiess Pabst dann noch auf den bisher fehlenden Kopf des Raubdinos — die Sensation war perfekt. Heute sind die Überreste des Sauriers im Museum in Frick zu sehen.

Um die Knochenfunde aus dem pickelharten Untergrund zu lösen, greift Ben Pabst schon mal zum Bohrhammer – eine staubige Angelegenheit.
Um die Knochenfunde aus dem pickelharten Untergrund zu lösen, greift Ben Pabst schon mal zum Bohrhammer – eine staubige Angelegenheit.

Dieser Tage stehen in der Gruhalde nochmals grössere Erdbewegungen in «dinokritischen» Zonen an. Ben Pabst wird daher vor Ort sein. Anschliessend wird er ins Sauriermuseum im zürcherischen Aathal dislozieren, wo er sein Präparatorenatelier hat. Hier wird er in den nächsten Monaten mit Lupenbrille und Airtool, einem feinen Pressluftmeissel, seine diesjährigen Funde sozusagen vom Zahn der Zeit befreien. Eine Knochenarbeit im wortwörtlichen Sinn: Wie die meisten Präparatoren leidet auch Pabst als Folge der Vibrationen des Meissels an Arthrose.

Animanca: Eine Dino-Sammlung für Zuhause

Autor: Almut Berger

Fotograf: Jorma Müller