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24. November 2014

Der Beter im Bundeshaus

Während der Sessionen in Bern tummeln sich diverse Interessenvertreter in der Wandelhalle, unter ihnen auch Beat Christen – er ist der Lobbyist Gottes.

Beat Christen
Direkter Draht nach oben: Beat Christen, Lobbyist Gottes, im Nationalratssaal.

Seit drei Jahren ist Beat Christen (68) pensioniert, doch seine Mission kennt keinen Ruhestand. Der Oberaargauer, der einst Maschinenmechaniker, Ingenieur und Mittelschullehrer war, ist nämlich seit 35 Jahren im Auftrag Gottes unterwegs. Einer seiner wichtigsten Tätigkeitsorte: das Bundeshaus. Während der Sessionen ist er täglich dort anzutreffen und leistet Lobbyarbeit in Sachen Glauben.

«Das ist mein Vorgänger», sagt Beat Christen und zeigt auf Niklaus von der Flüe, dessen mächtige Statue in einer der Nischen in der Eingangshalle des Bundeshauses thront. Dieser habe, so erzählt er, beim Stanser Verkommnis 1481 mit seinen Worten den Bund der Eidgenossenschaft gerettet. Dies ist tatsächlich aus Chroniken so überliefert.

Heute ist es Beat Christen, der sich mit seinem direkten Draht zum lieben Gott um das Wohlergehen der Nation sorgt. Er betet für Bundes-, National- und Ständeräte, redet während der Sessionen in der Wandelhalle mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern und hat ein offenes Ohr, wenn jemand ihm seine Sorgen anvertrauen will.

Ein Bundeshausbadge von CVP-Nationalrat Büchler

«In der Bibel steht, betet für die Obrigkeit – ich bin diesem Ruf gefolgt», erklärt Christen. 1992 kam er dafür erstmals ins Bundeshaus und setzte sich während der Session einen Tag lang auf die Besuchertribüne, um für die politische Führung des Landes zu beten.
Drei Jahre später erhielt er eine ganzjährige Zutrittsberechtigung vom damaligen SVP-Nationalrat Walter Schmid (61), heute hat Christen den begehrten Bundeshausbadge von CVP-Nationalrat Jakob Büchler (62).
Jeder Parlamentarier kann zwei Zutritte vergeben – oft gehen sie an Lobbyisten aus der Wirtschaft. «Ich bin Lobbyist Gottes», meint Christen und schmunzelt. So habe ihn einst der 2009 verstorbene SP-Ständerat Ernst Leuenberger genannt.

Sein Draht zum Allmächtigen ist ein ganz direkter: «Ich bin sozusagen 24 Stunden online mit dem Zentralserver des Universums.» Er ist zudem Sekretär der parlamentarischen Gruppe «Christ+Politik» und hat mitgeholfen, den Eidgenössischen Bettag wiederzubeleben. Der umtriebige Mann mit den weissen Haaren und dem wachen Blick vermittelt auch gern. Er stellte etwa für die christliche Ostmission den Kontakt zu Politikern her, was den Anstoss zum Postulat «Stopp dem Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung» gab. 2001 war er Herausgeber des Buchs «La Suisse existe – Die Schweiz: Geschichte, Identität, Vision».

Vor ein paar Jahren hatte er die Idee, eine Gebetskompanie zu gründen. «Diese Eingebung hatte ich auf dem Rütli, als ich dort für die Schweiz betete. Zuerst dachte ich, die halten mich für verrückt, wenn ich dies dem VBS-Chef vorschlage.» Dem war nicht so. «Ich erhielt die Einladung des Generalstabs. Gerade in der Armee ist ein christliches Engagement willkommen.» Seine Idee: eine unbewaffnete Kompanie, die nur betet und sozusagen für die geistliche Landesverteidigung zuständig ist. Es kam zu keinem offiziellen Auftrag, doch mittlerweile engagieren sich Armeeangehörige privat in dieser Sache.

Im oberaargauischen Lotzwil BE in der Käserei als eines von vier Kindern aufgewachsen, hatte Beat Christen mit Bibel und Religion lange nichts am Hut. «Ich war Atheist, antiautoritär, ein 68er», erinnert er sich. Bis er in den 70er-Jahren die Bibel las. Es war eine Offenbarung. Sie gab ihm Antworten, die er gar nicht gesucht hatte, sie zeigte ihm einen Lebensentwurf, der ihn in seinem Innersten überzeugte, und er fand in Gott eine Autorität, die er akzeptieren wollte. «Gott hat mich berufen.»

Er gab den Beruf als Lehrer auf und arbeitete ab 1979 für die Vereinigten Bibelgruppen in Mittelschule, Universität und Beruf (VBG). Dort war er an der Gründung von Mittelschul-Bibelgruppen und über 200 Firmen-Gebetsgruppen beteiligt. Die Organisation ist bibeltreu und hat eine freikirchliche Ausrichtung.
Christen hingegen sieht sich nicht als Freikirchler. «Ich bin freisinnig», sagt er. Wenn jemand ihm vorwirft, er wolle missionieren, nimmt er das gelassen. «Ja, klar habe ich eine Mission», antwortet Christen. Nämlich die, dass Politik und Glaube sich einander annähern und die Politiker ihre Verantwortung wahrnehmen. Aber: «Ich will niemanden denkerisch vereinnahmen», sagt er. «Ich will für den Glauben gluschtig machen.»

Die Gebete für Hans-Rudolf Merz wurden erhört

Nicht alle Parlamentarier und Parlamentarierinnen mögen seinen Aktivismus im Bundeshaus. Aber das stört ihn nicht. Der Oberaargauer ist gern Provokateur. «Jesus Christus hat auch provoziert – nicht?» Skeptische Stimmen gibt es in fast allen Regierungsparteien. Man bezweifelt etwa, ob die Wandelhalle der richtige Ort für Beat Christens Mission ist, oder kritisiert seinen Glaubenseifer. Viele schätzen ihn aber – unabhängig von ihrer parteipolitischen Zugehörigkeit. Christen gehört keiner Partei an, seine politische Gesinnung ist eine Mischung aus konservativ, freisinnig, sozial und grün. Ihm sagen traditionelle Werte zu, denn: «Diese sind meist biblisch begründet.»

Von seiner Mission ist der Oberaargauer nicht abzubringen. Er glaubt auch zu wissen, dass Beten viel bringt. «Die Gebetserhörung, ja, die gibt es», sagt er und wirft einen geheimnisvollen Blick nach oben. Das prominenteste Beispiel: die schnelle und gute Genesung von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz, der 2008 einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitt. Beat Christen sagt, er habe damals täglich für Merz gebetet. Er schliesst aber nicht nur die Politiker und Wirtschaftsführer ins Gebet ein. «Seit einiger Zeit bete ich auch für Journalisten», sagt er zum Abschied.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Marco Zanoni