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16. Dezember 2013

Der befleckte Zweifränkler

Die Mutter, nennen wir sie Elisabeth, hätte vor Scham im Boden versinken können. «Mama, lueg!», ruft ihr sechsjähriger David aus, «da isch Sperma druff!» Sie sitzen im Restaurant, der Bub hält einen Zweifränkler in der Hand. «Was sagst du da? Sperma?!», flüstert das Mami, ebenso überrascht wie entsetzt, «bestimmt nicht! Du weisst doch gar nicht, was das ist …» David insistiert, und zwar laut: «Doch, Mama! Sperma, lueg!» Schon drehen sich an den anderen Tischen die Köpfe; Getuschel, Geraune, Gelächter. Elisabeth ist der Verzweiflung nah, denn der kleine David mag nicht klein beigeben: «So, lueg jetz doch, Mama! Speermaa! Da! E Maa mit eme Speer.»

Ach so. Dieser «Mann», erklärt die Mutter, sei eine Frau, nämlich die Helvetia. «Und sag nie, nie mehr ‹Speermaa› zu ihr!» Zu erläutern wäre noch, dass selbige Helvetia eine Kunstfigur ist. Und zu erörtern bliebe, weshalb die Frauen seit Jahrhunderten entweder mythologisch überhöht oder degradiert werden, zum Beispiel an den Herd. (Aber das ist Stoff für später, lieber David.)

Eine Fünfziger-Note und ein paar Münzen auf dem Kassenband.
«Wenn ich an die Nötli denke, mit denen ich aufwuchs …»

Die Begebenheit wurde mir aus dem Emmental zugetragen; der Bub hatte sich buchstäblich versehen, die Mutter sich verhört. Ein doppelter Irrtum, aber einer, der eine Wahrheit birgt. Denn er passt in die kleine Debatte und die mittlere Aufregung, die jüngst das Land ergriffen, als das nationale Fernsehen für seine Serie «Die Schweizer» nur männliche Heldenfiguren aufleben liess. Die Literaturwissenschafterin Anne Germaine de Staël? Emily Kempin­Spyri, die erste Frau, die in der Schweiz als Juristin habilitierte, hier aber nie arbeiten durfte? «Flüchtlingsmutter» Gertrud Kurz? Alle wurden sie ausser Acht gelassen – für zu marginal hatten die TV-Macher sämtliche Frauen befunden, und darin liegt womöglich gerade das Geschichtsträchtige. Demnach traf der sechsjährige David mit seinem vermeintlichen Sperma, pardon: Speer-Mann auf dem Geldstück, den Kern, nämlich, dass die Geschichtsschreibung früherer Jahrhunderte gar keinen Raum für Frauen liess. Hand aufs Herz! Hätten Sie gewusst, was auf die Kehrseite des Zweifränklers geprägt ist? Dann wissen Sie auch, ob es je eine Schweizer Banknote mit dem Bildnis einer Frau gab? «Aber gewiss, doch!», werden Sie rufen und auf die Künstlerin Sophie Taeuber-Arp verweisen, die auf der aktuellen 50-Franken-Note abgebildet ist.

Wenn ich an die Nötli denke, mit denen ich aufwuchs …

Ein Novum? Ja und Nein. Wenn ich an die Nötli denke, mit denen ich aufwuchs … General Dufour war auf der Zwanziger-, der Schriftsteller Gottfried Keller auf der rosa Zehnernote abgebildet; mächtig und bärtig und grimmig hat er sich uns eingeprägt. 1956 war jene Notenserie erstmals ausgegeben worden. Wer jedoch prangte auf der Fünfhunderter-, auf der Tausendernote? Nicht, dass die bei uns zu Hause häufig rumgelegen hätten. Aber man bezahlte ja damals noch nicht mittels Plastikkärtchen und E-Banking, ich bekam daher schon zwei-, dreimal eine Fünfhunderternote zu sehen. Und einmal, nie werd ichs vergessen, liess Vater mich sogar ein grünviolettes «Tuusigernötli» bestaunen. Und was war nun auf diesen alten grossen Noten zu sehen? Je ein Bildnis einer tapferen anonymen Frau. Solch einer, wie sie stets hinter den Dufours und Kellers gestanden haben. Und dann heisst es, die Frauen hätten nicht Geschichte geschrieben.

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli