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05. August 2013

Der Bärenmann

David Bittner ist Familienvater, Beamter und Biologe. Und Bärenfotograf. Seit gut zehn Jahren reist der Abenteurer regelmässig nach Alaska, um dort das Leben der Braunbären zu beobachten und zu dokumentieren. Seine Mission ist eine friedliche Koexistenz von Mensch und Bär.

Grosser Bär in der Wildnis von Alaska
«Ich zeige den Bären, dass dieser Typ mit der Kamera keine Bedrohung für sie ist.» – David Bittner. (Bild: David Bittner)
Aufnahme aus dem SRF-Dokfilm über David Bittner
Essenszeit: Aufnahme aus dem SRF-Dokfilm über David Bittner. (Bild David Bittner)

DER FOTOGRAF UND SEINE BÄREN
David Bittners Arbeit im Film: Spektakuläre Videoausschnitte von Filmer Richard Terry, die Dokumentation des Schweizer Fernsehens SRF und weitere Bärenbilder von David Bittner. Zum Artikel

Am Anfang seiner ungewöhnlichen Leidenschaft für Bären stand der Lachs. Diesen nämlich wollte der promovierte Biologe David Bittner (36) 2002 in Alaska von Kopf bis Schwanzflosse studieren. Doch wo es von Lachsen wimmelt, da sind auch die hungrigen Bären nicht weit.

Bittners Erfahrungen mit den zottligen Raubtieren beschränkten sich bis dahin auf die Besuche des Berner Bärengrabens — Begegnungen auf sichere Distanz. Umso nervöser streifte sein Blick in Alaska immer wieder durchs Terrain. Bis zu dem Tag, als in unmittelbarer Nähe ein Knacken und Rascheln die Stille störte und ein Bär seinen Kopf durch das Gebüsch zwängte. Zwei Sekunden, die das Leben des Berners komplett verändert haben. Seit dieser kurzen, intensiven Begegnung mit dem Kodiakbären zieht es Bittner jedes Jahr zu seinen Bären in die Abgeschiedenheit Alaskas. Zurück in der Zivilisation, setzt sich der Biologe mit Vorträgen, Büchern und Filmen für den Schutz der Tiere ein.

Dank der Bären hat der Biologe seine Frau kennengelernt

«Ich habe eine Sehnsucht nach wilden, unberührten Ecken», sagt David Bittner. Und Bären seien eben der Inbegriff für Wildnis. Zudem habe er diese Tiere «hier drin». Der Bereichsleiter für Jagd und Fischerei des Kantons Aargau klopft mit der flachen Hand auf die linke Seite seiner Brust. David Bittner, Naturbursche und Forscher, der sich selbst als «nicht sesshaft» bezeichnet, sitzt entspannt im Wohnzimmer seines Daheims in der Nähe von Aarau. Zu seinen Füssen die dreijährige Léonie, die Kater Gomez mit einer üppigen Portion Katzenleckerli anzulocken versucht. Baby Rowena schlummert in den Armen von Ehefrau Cécile (36). «Sehr geehrter Herr Bittner», schrieb sie ihm vor acht Jahren, nachdem sie eine Reportage über ihn und die Bären gelesen hatte. «Können Sie mich nach Alaska mitnehmen?» Er konnte.

Ich zeige den Bären, dass dieser Typ mit der Kamera keine Bedrohung für sie ist.

Eine gehörige Portion Courage habe es gebraucht, sagt sie. Nicht das Treffen mit den Bären, sondern das Verfassen dieses Briefs. Die gebürtige Innerschweizerin lächelt. Dieser Bärenforscher habe sie eigentlich gar nicht interessiert, sondern die Begegnung mit den mächtigen Tieren. Jesses, neun Wochen Wildniscamp mit einem unbekannten Mann! «Aber wenn es nicht klappt, kann ich ja jederzeit wieder nach Hause», habe sie sich gedacht. Sie blieb. Und einige Monate später waren sie ein Paar. Sie, die Perfektionistin, er, der Praktiker, der Besonnene, der Beschützer.

David Bittner mit der Kamera in einem Fluss; vor der Linse ein grosser Braunbär.
Jedes Jahr besucht David Bittner «seine» Bären in Alaska. Einzelnen Tieren hat der Biologe Namen gegeben und er freut sich, wenn er sie Sommer für Sommer wieder antrifft. (Bild: Paul Souders)

Ausser einem Anflug von Dreitagebart erfüllt der Bärenmann so gar nicht das Klischee eines draufgängerischen Abenteurers. Nein, mit diesen kantigen, sonnengebräunten Haudegen aus Film und Fernsehen hat er nichts gemein. Bittner spricht davon, «äs Gschpüri» zu entwickeln, ein Vertrauen zu den Bären aufzubauen. Ein Bärenflüsterer? David Bittner runzelt die Stirn. Es wäre ihm lieb, die Medien würden diesen Begriff nicht gebrauchen. Es töne so esoterisch, so gar nicht wissenschaftlich.

Alles sei eine Frage des Verhaltens, und die Regeln für das richtige Verhalten könne jeder Mensch lernen. Nichts mit Jöh und Streichelzoo! Auch wenn sich einige der von ihm beobachteten Bären bereits nach drei Wochen nur eine Tatzenlänge von Bittner entfernt zutraulich im Wasser räkeln oder nach fettem Fisch Ausschau halten. Es gehe um einen respektvollen Umgang: «Ich zeige den Bären, dass dieser Typ mit Wollmütze und Kamera keine Bedrohung für sie ist.»

Hunderte dieser Kodiak- und Küstenbraunbären haben seine Wege gekreuzt. Eine Begegnung ist ihm speziell in Erinnerung geblieben: Bittner hatte das erste Mal für längere Zeit sein Zelt am selben Ort aufgeschlagen, wie immer mit Elektrozaun gesichert, den Pfefferspray in Griffweite. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass immer wieder dasselbe Bärenweibchen ihm über den Weg lief, das schnaufend, schnüffelnd und ohne Furcht sein Revier mit ihm teilte, als wäre der Fremdling einer der ihren. Er taufte sie Rosie, keine Abkürzung wie «JJ» oder «M13», wie es die Biologen sonst zu tun pflegen.

Die Zuteilung von Namen habe mit Achtung gegenüber dem Individuum zu tun und stehe auch stellvertretend für die Nähe, die er zu einigen wenigen Tieren aufgebaut habe. Nur rund ein Dutzend Bären streifen als Balu, Luuni, Joya oder Bruno durchs Revier. Es sind diese hell- oder dunkelbraunen, spitzschnäuzigen oder breitgesichtigen, kurz- oder langhaarigen, streitlustigen oder friedlichen Bären, die er auch nach längerer Abwesenheit wiedererkennt. «Wie ein Bauer, der auch jede seiner Kühe kennt und beim Namen nennt.»

Das Problem ist der Mensch, nicht der Bär

Trotz viel Gespür und Erfahrung bleibt auch ein Experte wie Bittner nicht von brenzligen Situationen verschont. «Aber es war immer klar ein Fehlverhalten meinerseits», betont er. Wie beim Zwischenfall mit dem Bärenjungen, das er aus nächster Nähe durch den Sucher seiner Kamera anvisierte. Als er den Kopf drehte, entdeckte er die Mutter, nur etwa zehn Meter von ihm entfernt. In den meisten Fällen kennt ein Bär nur eine Reaktion: Er flüchtet. Ist die Begegnung sowohl für den Menschen wie für das Tier überraschend, dann gilt es, sich langsam und ohne Hektik zu entfernen. Und niemals dürfe ein Bär gefüttert werden. Das erste Mal zeigt sich so etwas wie Temperament bei Bärenforscher Bittner: «Der Mensch ist das Problem, nicht der Bär. Und auch die Annahme ‹einmal Problembär, immer Problembär› ist falsch.»

Die dreijährige Tochter Léonie füttert Kater Gomez.
Wenn er nicht gerade in Alaska auf Bärensafari weilt, geniesst David Bittner das Familienleben im Aargau mit Ehefrau Cécile, der dreijährigen Léonie und Baby Rowena. Das einzige Raubtier hier ist Kater Gomez. (Bild: Tina Steinauer)
Familie Bittner vor ihrem Haus im Garten
Familie Bittner vor ihrem Haus im Garten. (Bild: Tina Steinauer)

Wie hält das eine Ehefrau aus, einige Wochen im Jahr zu Hause zu bleiben und den Vater ihrer Kinder unter wilden Tieren zu wissen? Cécile antwortet, ohne zu zögern. Wenn ihr Mann Kajak fahre, habe sie Angst. Das Wasser, die Unwetter seien gefährlich. Aber David und die Bären, nein, das bereite ihr keine Sorgen. Sie habe ihn ja schon mehrmals begleitet. Seine Passion ist auch ihre Passion. Jede Woche telefoniert er aus Alaska mit seiner Familie, freut sich zurückzukehren, freut sich aber auch wieder auf die nächste Reise ins vertraute Ungewisse. Zweifel hatte er nie. Seine Ziele und Wünsche: In einigen Jahren mit Cécile und seinen zwei «Meiteli» nach Alaska zu reisen. Und ein Forschungsprojekt mit seinen Bären, das wäre wunderbar. Den Menschen die Natur wieder näherzubringen, das Verständnis für diese aus­sergewöhnlichen Raubtiere zu fördern und ein Rückzugsgebiet für eingewanderte Bären zu schaffen. Bis dahin aber bleibt der Bärenmann noch Herr der Fische im Kanton Aargau. In Gedanken ist er bereits wieder in seinem Kajak durch die Wildnis Alaskas unterwegs. Und im Herzen, da bleiben Rosie, Luunie, Balu und all die aussergewöhnlichen Bärenbekanntschaften der vergangenen elf Jahre stets präsent.

Autor: Isabella Fischer