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09. September 2013

Der autodidaktische Tonkünstler

Orchestrale Filmmusik ist Raphael Sommers Passion. Seit fünf Jahren komponiert der junge Basler Soundtracks, ohne eine Musikausbildung absolviert zu haben. Das Konzertspektakel «Die Welt von Ar’ven» soll nun den Durchbruch bringen.

Raphael Sommer beim Klavier spielen
Das Klavierspielen hat sich Raphael Sommer selbst beigebracht. In seiner Konzertreihe sitzt er nicht am Piano, sondern dirigiert das Orchester und den Chor.

Es ist eine ganz grosse Kiste, die Raphael Sommer seit gut einem Jahr vorbereitet: 35 Orchestermusiker, ein 40-köpfiger Chor, Schauspieler, Technik, Filmeinspielungen —insgesamt rund 150 Personen stehen für die vier Konzerte des 24-jährigen Baslers im Einsatz. Wobei Konzert im Zusammenhang mit «Die Welt von Ar’ven» nicht der passende Ausdruck ist. Sommer nennt seine Inszenierungen «musikalische Sinnesspektakel über Helden und Legenden». Erzählt werden mehrere Kurzgeschichten. Begleitend zur Musik gibt es jeweils Liveschauspiel auf der Bühne oder Filmeinspielungen. Es sind also nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen beschäftigt, sogar Dufteffekte soll es geben.

Filmmusik bietet Action, Klassik ist vergleichsweise eintönig

Sommer sieht in Spektakeln dieser Art die Zukunft für grosse Orchesterkonzerte: «Die klassische Musik muss sich etwas einfallen lassen, wenn sie künftig noch genügend Publikum erreichen will.» Dass Filmmusikevents funktionieren, zeigen die Konzerte im KKL Luzern, wo ein symphonisches Orchester regelmässig live zu Filmen wie «The Lord of the Rings» oder «Pirates of the Caribbean» den Soundtrack einspielt. «Die haben immer volles Haus, während klassische Konzerte im Schnitt eine Auslastung von nur gerade 60 Prozent schaffen», sagt Sommer.

Filmmusik, das ist Drama, Leidenschaft, Spannung und Trauer. Mit anderen Worten: Action. «Die klassische Musik bietet davon viel weniger und hält sich gerne auch länger in der gleichen Tonlage auf. Das kann sehr schnell sehr langweilig werden», findet Sommer. Mit «Die Welt von Ar’ven — Episode 1» will der Jungkomponist nun beweisen, dass epische Soundtracks auch dann funktionieren, wenn kein bereits bekannter Film dahinter steht. Dass das klappen könnte, illustriert die Reaktion des KKL auf seine Anfrage, ob er sein Luzerner Konzert bei ihnen aufführen könnte. «Sie lehnten ab mit der Begründung, das sei eine Konkurrenz für ihre anderen Filmmusikevents», so Sommer. Dafür ist es ihm gelungen, das Verkehrshaus Luzern als Partner zu gewinnen.

Obwohl er noch nicht weiss, wie erfolgreich Episode 1 sein wird, plant Sommer für die kommenden zwei Jahre bereits Episode 2 und 3. «Wenn wir eine Auslastung von 60 Prozent erreichen, sind wir finanziell aus dem Schneider und können zuversichtlich weiterplanen.» Falls nicht, müssten sie Abstriche machen. «Aber dazu wird es hoffentlich nicht kommen.» Die Produktionskosten der vier Konzerte belaufen sich auf einen kleineren sechsstelligen Betrag, finanziert von vielen privaten Sponsoren und — hoffentlich — durch die Ticketeinnahmen. «Es ist natürlich nicht leicht, genügend Geld zusammenzubekommen, wir suchen noch immer weitere Gönner.»

Beim Komponieren spielt sich das meiste im Kopf ab.

Geholfen hat, dass Sommer in der Filmmusikszene kein Unbekannter ist. Seit er sich vor fünf Jahren selbständig gemacht hat, hat er die Musik für viele Werbespots, diverse Computergames und Spiele-Apps komponiert sowie an ein paar Filmen mitgearbeitet. Den ersten kompletten Soundtrack hat er für Severin Freis Dokumentarfilm «Schweizer Geist» geschrieben, der im Frühling in den Kinos lief. Sobald die vier «Ar’ven»-Konzerte vorbei sind, arbeitet er an der Fortsetzung eines Kulthörspiels für ein deutsches Radio. Ein weiteres Filmprojekt mit Severin Frei steht ebenfalls an.

Raphael Sommer bei sich zu Hause am Komponieren mit Keyboard und Computer.
Ein Computer, ein Keyboard: So spartanisch sieht es aus, wenn Raphael Sommer bei sich zu Hause Film- oder Game-Soundtracks komponiert.

Die Arbeit geht ihm also nicht aus, und seit er 2010 sein eigenes Unternehmen Sommerfilmmusik gegründet hat, ging es eigentlich stetig aufwärts. Mittlerweile beschäftigt er sogar vier Angestellte, die Teilzeit und projektbezogen mit ihm zusammenarbeiten. All das ist dem jungen Basler allerdings nicht in die Wiege gelegt worden. Lange war er sprachlich handicapiert. «Bis ins Alter von rund sieben Jahren habe ich ein seltsames Kauderwelsch gesprochen, das nur meine Eltern so halbwegs verstanden haben.» Dann stellte sich heraus, dass er unter Legasthenie leidet — bis heute fällt ihm das Schreiben nicht immer leicht. Sommers Eltern trennten sich früh, und er hatte nie die Chance für eine professionelle Musikausbildung. Nach Ende der Schulzeit war für ihn klar: Bloss keine Lehre! «Ruhig irgendwo zu sitzen und zu lernen, das ist nichts für mich.» Er schaffte es, an der Schauspielschule in Zürich aufgenommen zu werden, wo er sich abends und in seiner Freizeit das Klavierspielen beibrachte.

Obwohl ihm klar war, dass er nicht Schauspieler werden wollte, brachte ihm die Schule sehr viel für seine musikalische Zukunft. Nach dem Abschluss dort machte sich der Autodidakt sofort selbständig. Allerdings hatte er in seinen Teenagerjahren mit diversen Gesundheitsproblemen zu kämpfen. «Ich war ständig müde und abgekämpft, konnte dennoch kaum schlafen und litt unter extremen Gewichtsschwankungen, von richtig dick bis viel zu dünn. Und keiner wusste, was los war.» Erst 2012 stellte sich heraus, dass all diese Beschwerden von einer seltenen Hormonkrankheit verursacht wurden. Er muss nun täglich Tabletten nehmen, wohl für den Rest seines Lebens, dafür sind die Beschwerden weitgehend weg.

Komponiert wird per Mausklick am Computer

Sommers Musik entsteht in der Basler Breite, wo er mit seiner Mutter in einer Mietwohnung lebt. In seinem spartanisch eingerichteten Zimmer steht ein Computer mit grossem Bildschirm, in die selbst gebaute Schreibtischplatte ist zusätzlich eine Klaviertastatur eingearbeitet, an der er die Klänge seiner Kompositionen ausprobieren kann. «Doch das meiste spielt sich im Kopf ab», sagt Sommer. Er schreibt die Noten per Mausklick in ein Computerprogramm, für sämtliche Instrumente des Orchesters. Das Programm spielt ihm das Resultat dann vor. So sitzt er stundenlang vor dem Bildschirm und pröbelt.

Grösste Herausforderung: Musik zu Adventure Games

«Wenn ich den Auftrag für einen Soundtrack bekomme, arbeite ich in der Regel eng mit dem Regisseur zusammen.» Allerdings gibt es dabei sehr unterschiedliche Vorgehensweisen. Manche Regisseure wünschen sich schon auf der Basis des Drehbuchs einen Vorschlag für die Musik. Andere erst, wenn ein Rohschnitt steht. Es sei auch schon vorgekommen, dass ein Werbefilm umgeschnitten wurde, weil Sommer den Produzenten klarmachte, dass es keinen Weg gab, eine lange Sequenz mittels Musik spannend genug zu machen, um die Zuschauer bei der Stange zu halten.

«Grundsätzlich ist es aber viel einfacher, die Musik für einen Film zu komponieren als etwa für ein grosses Adventure Game», erklärt Sommer. Ein Film laufe gradlinig vom Anfang bis zum Ende durch, ohne Umwege. «Im Game hingegen gibts verschiedene Spielszenarien. Das alles so zu arrangieren, dass es zusammenpasst und alle Übergänge für sämtliche Eventualitäten durchs Game hindurch stimmen, ist eine sehr komplexe Aufgabe.» Dass seine Art von Musik in der Schweiz eine Nische ist, sieht Sommer auch als Vorteil. «Die Konkurrenz ist nicht gross, und es gibt Wachstumspotenzial.» Zudem würde er auch gerne an der Entwicklung neuer Musikinstrumente arbeiten. «Gerade beim Klavier gäbe es noch einiges, was man tun könnte. Magnete ins Instrument einbauen, zum Beispiel, damit die Töne gewisser Tasten gehalten werden, während der Pianist weiterspielt.» Er schüttelt den Kopf. «Es ist mir völlig rätselhaft, warum das noch niemand gemacht hat.»

Im Moment hat er jedoch keine Zeit für solche Ideen. Im Prinzip für gar nichts, ausser für «Ar’ven». Nicht mal fürs Filmeschauen, und gerade noch genug für seine Beziehung. Da treffe sich gut, dass sie beide ähnliche Workaholics seien, sagt Sommer und lacht. Und natürlich ist ihm auch klar, dass es in der Schweiz nie viele Filme geben wird, zu denen er jene epischen Soundtracks komponieren kann, die er so liebt. Die entstehen vor allem in Hollywood. In die USA zu ziehen, kann er sich allerdings nicht vorstellen. «Ich halte das Land politisch für ziemlich schwierig.»

Auf die Frage, zu welchen Filmen er gerne den Soundtrack komponieren würde, braucht er nicht lange nachzudenken: Am liebsten für kommende Fantasystreifen à la «Hobbit» oder «Star Wars»: «Das wäre das Grösste.» Und Raphael Sommer ist selbstbewusst genug, daran zu glauben, dass so was irgendwann tatsächlich möglich werden könnte.

www.sommerfilmmusik.ch ; «Die Welt von Ar’ven – Episode 1»: 21. 9. (Basel), 27. 9. (Luzern), 3. 10. (Zürich), 5. 10. (Bern); Tickets unter www.filmmusikschweiz.ch

Fotograf: Bettina Matthiessen