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23. April 2012

«Der Arzt gibt nur Empfehlungen»

Für Bettina Isenschmid ist eine frühe Intervention bei dicken Kindern unumgänglich. Auf Eltern werde jedoch kein Druck ausgeübt.

Bettina Isenschmid
Bettina Isenschmid (49) ist Chefärztin am Spital Zofingen und Präsidentin 
des Fachverbands Adipositas 
im Kindes- und Jugendalter. (Bild: zVg.)

1. Bettina Isenschmid, die Kantone Freiburg und Bern testen im Rahmen der schulärztlichen Untersuchung ein neues Programm. Dabei werden die Übergewichtigen schon als Fünfjährige erfasst. Die Kinder werden dann mit ihren Eltern zu monatlichen Beratungsgesprächen beim Hausarzt eingeladen. Geht diese Einmischung in die Erziehung nicht zu weit?

Überhaupt nicht. Es ist den Eltern überlassen, ob sie an solchen Beratungen teilnehmen wollen oder nicht. Und der zuständige Kinder- oder Hausarzt gibt ja lediglich unverbindliche Empfehlungen ab. Es ist aber wichtig, dass die ganze Familie miteinbezogen ist. Es reicht nicht, wenn nur die übergewichtigen Kinder ihr Essverhalten und ihre Bewegungsgewohnheiten ändern.

2. Das heisst, die ganze Familie müsste ihren Lebensstil überdenken und allenfalls umstellen?

Ja, denn oft sind schon die Eltern übergewichtig. Sicher gibt es Familien, die befürchten, ein Programm für fettleibige Kinder könnte sie in ihren Lebensgewohnheiten zu stark einschränken. Diese Bedenken müssen ernst genommen werden.

3. Ist es denn sinnvoll, schon bei Kindern im Alter von fünf Jahren einzugreifen?

Auf jeden Fall. Adipositas ist bei Kindern recht häufig. Jedes vierte bis fünfte Kind ist übergewichtig, ein Grossteil, circa 70 Prozent, bleibt es auch im Erwachsenenalter. Für Essgewohnheiten gilt, was für alle Verhaltensmuster gilt: Will man sie ändern, sollte man dies möglichst früh tun.

4. Fettsucht von Kindern ist ein viel diskutiertes Thema. Ist die dabei vorherrschende Emotionalität nicht etwas übertrieben?

Manche Eltern haben Angst, ihre Kinder würden zu Kranken abgestempelt. Aber das tun wir nicht. Wir möchten ihnen die Chance geben, die Entwicklung in eine gesunde Richtung zu lenken, bevor die Kinder unter Hänseleien und Stigmatisierung leiden müssen.

5. Einige Ernährungswissenschafter sagen, eine zu starke Fixierung aufs Essen könne Essstörungen fördern. Was meinen Sie dazu?

Bei den Beratungen geht es um bedarfsorientierte und ausgewogene Ernährung, das Essen soll den Kindern nach wie vor Freude machen. Dieser Ansatz begünstigt keine Essstörungen.

Jedes dritte Kind ist übergewichtig. Dem wollen die Kantone Freiburg und Bern jetzt entgegenwirken. («20 Minuten» vom 11. April).
Jedes dritte Kind ist übergewichtig. Dem wollen die Kantone Freiburg und Bern jetzt entgegenwirken. («20 Minuten» vom 11. April).

Den ganzen «20 Minuten»-Artikel vom 11. April zum Thema lesen Sie hier

Autor: Claudia Langenegger