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07. Januar 2013

Aus Schrott wird Kunst

Recyclingvirtuose Babu Wälti räumt nach über 20 Jahren seine Berner Werkstatt. Das Online-Porträt und die Bilder von Spielzeug und anderen aus Abfall geschaffenen Figuren vor dem Abriss der Tobler-Fabrikhalle.

Recycler und Tüftler Babu Wälti
Mann von Welt mit Schweizer Bahnhofsuhr: Der Recycler und Tüftler Babu Wälti in seinem Atelier.

Die Fabrikhalle an der Bahnstrasse 21, am Ende der Berner Industrie, steht ziemlich verlassen da. Von aussen sieht es nicht nach Betrieb aus – doch der Schein trügt. In dieser Halle befindet sich die Werkstatt von Babu Wälti (55), dem Tüftler aus Bern. Der gross gewachsene Mann mit Brille, grauen zerzausten Haaren, Drei-Tage-Bart und einer «chribbeligen» Aura bezeichnet sich selbst als «Hardcore-Recycler». Bis vor einem Vierteljahrhundert wurden in den Hallen noch Kakaobohnen für die Toblerone geröstet. Das riecht man noch bis heute. Hier trifft sich Kultur und Religion: Künstler wie Babu Wälti, Sammler von alten Kinorequisiten und ein tamilischer Tempel.
Vor zwölf Jahren hat sich Babu Wälti, der Spielzeuge aus Schrott herstellt, in dieser Halle eingemietet. Rund 1500 Quadratmeter, verteilt über drei Stockwerke, sind gefüllt mit weggeworfenen Gegenständen: Maschinen, Puppen, Küchengeräte, Veloteile, Motoren und viele andere Dinge. All dieses Material hat er vom Schrottplatz und aus Containern. Ein Messie? «Nicht ganz, aber manchmal komme ich mir schon wie auf einer Edelmüllkippe vor», sagt Wälti und schmunzelt. Doch zum Lachen ist ihm nicht zumute, bald muss er aus der Halle raus. Die Gebäude um die Kehrichtverbrennungsanlage im Berner Industriegebiet werden im Frühjahr 2013 abgerissen. Es soll ein neuer Stadtteil entstehen, der Platz bietet für Wohnen, Arbeiten und Kultur.

Der Recycling-Tüftler Babu Wälti
Der Recycling-Tüftler Babu Wälti vor seiner Werkstatt.

Ein SchlussstrichGeahnt hat es Babu Wälti schon länger. Seit zehn Jahren werden nur noch die nötigsten Reparaturen am Gebäude vorgenommen. Dass er die ganze Halle räumen muss, realisiert Wälti zwar, verdrängt die Gedanken an den Auszug aber. «Ich werde traurig, wenn ich daran denke, aber ich sehe es als Chance, ein Leben ohne Schrott zu beginnen.» Der gelernte Heilpädagoge bastelt, zusammen mit seinem Sohn Sebastian (27), Spiele – aus Altem wird Neues geschaffen und im eigenen Spielmaterialverleih angeboten. Sein weiteres Standbein ist das Fata-Morgana-Team: Eine Truppe, die Livekrimis inszeniert. In Wältis Werkstätten entstehen die dafür benötigten Mordrequisiten. Explodierende Niklaussäcke, Apfelkanonen und sich selbst zerstörende Bilder sind quasi nur die Spitze des kriminellen Requisiteneisbergs. Bevor Babu Wälti sich endgültig von seinem Schrott trennt, gibt er nochmals alles.
Anfang November ist das letzte Projekt an der Bahnstrasse 21 gestartet – «Mystrodom, ein Rätselparcours». Um den Abschluss dieser Ära erträglich zu machen, veranstaltete Wälti mit seinen Freunden eine Ehrenrunde. Nicht eine Ehrenrunde für sich, nein, für seinen Schrott. «Dieser soll nochmals die Möglichkeit erhalten, sich selbst vorzustellen, bevor er endgültig entsorgt wird.»
«As Time Goes By» – während die Zeit vergeht, so das Motto der Produktion.

Der Dachboden
Der Dachboden mit Arbeitstisch, alten Kostümen und viel bereits in Kartons verpacktem Material.

Eine neue Identität, ganz ohne Plan«Ich bin kein Erfinder», wiederholt Babu Wälti oft, «ich gebe dem Bestehenden eine neue, völlig andere Funktion, das hat nichts mit Erfinden zu tun.» Der «Hardcore-Recycler» ist schnell fasziniert von Dingen. Darum auch die riesige Sammlung an Altwaren. «Viele Menschen sehen den Wert in den Gegenständen nicht mehr und entsorgen sie.» Wälti hingegen rettet sie vor dem Vergessen-Gehen und gibt den Dingen eine neue Identität. Für seine Kreationen, die alle in seinem Kopf entstehen, verwendet der 55-Jährige keine Pläne. Wenn Babu Wälti etwas geschaffen hat, lässt er es erst wirken. Danach wird noch mehrfach daran gebastelt. «Schliesslich müssen die Konstruktionen verlässlich funktionieren, wenn später Laien sie bedienen», sagt Babu Wälti und kratzt sich wiederholt am Kopf und schaut verträumt in die Luft. Er liebt die Welt der Inszenierung und die Überlistung der Sinne.
Neben dem enormen Einsatz von Herzblut und Schweiss hat er auch noch die Fingerkuppe am linken Zeigefinger verloren. «Für meinen Schrott hätte ich auch noch mehr gegeben.» Der gekürzte Finger kümmert Wälti wenig.

Beleuchtete Puppen als raffinierter Leuchter
Beleuchtete Puppen mit einer Kordel ergeben einen raffinierten Leuchter.

Auf die Frage, ob er die Fabrikhalle mit einem Rampenverkauf leeren möchte, reagiert er bestimmt: «Ich werde alle Teile persönlich entsorgen, und zwar in Würde. Ein Rampenverkauf kommt nicht infrage.»
2013 kehrt Babu Wälti zurück in seinen erlernten Beruf als Heilpädagoge. Mit seiner Freundin teilt er sich eine Stelle in der Heilpädagogischen Sonderschule in Olten. Einen neuen Ort für seine Werkstatt möchte er nicht suchen. «Ich möchte anderen Menschen, die meine Unterstützung beim Basteln wünschen, helfen. Bis jetzt haben alle mir geholfen, jetzt ist die Zeit gekommen, zurückzugeben, was ich bekommen habe.»

Autor: Tugce Dumanli

Fotograf: Fabian Unternährer